In Klarheit leben
Gegen alle Geister der Vernebelung, der Verführung und der Gleichgültigkeit steht Gottes eindeutige Botschaft. Sein Wesen und sein Wort sind klar, scharf und lebendig. Wo sich unsere Klarheit mit seiner Wahrheit verbindet, da werden wir frei. Der Weg mit ihm und den Gefährten fordert uns Entschiedenheit ab. Entschiedenheit ist der Feind der Beliebigkeit: Nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen.1
_Wie Gefährten leben; Eine Grammatik der Gemeinschaft; # 29 _
Vor einigen Jahren bekamen mein Mann und ich eine Windsurfing-Ausrüstung geschenkt. Von einem Onkel, der sein Sportgeschäft aus Altersgründen aufgab. Die Sachen waren schon etwas aus der Mode, die Bretter lang und umständlich zu bestücken. Wir ernteten hochgezogene Augenbrauen an den Anfängerstränden. Aber: Es machte einfach Spaß!
Eine der ersten Lektionen hat sich mir gut eingeprägt: Man muss immer nach vorne schauen. Nicht auf die Füße, nicht auf das Segel. Nach vorne. Und ich habe mich erinnert, dass ich das auch von Reitern gehört habe: Wohin du schaust, dahin geht dein Pferd. Also: Schau nach vorne, schaue dahin, wo du hinwillst. Das ist bei vielen Dingen so: Beim Radfahren, beim Tanzen, sogar beim Servieren von Kaffee, hat mir meine Tochter gesagt. Wenn du im Café bedienst, schau nie auf die Kaffeetasse – sie wird überschwappen. Schau nach vorn. Stimmt. Ich hab es ausprobiert.
Jesus erläutert das so: Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Er wird nur krumme, unbrauchbare Furchen ziehen. Fokus zielt nach vorn. Fokus. Das Zauberwort. Es leitet sich ab von Herdfeuer, und in der erweiterten Bedeutung meint es den Brennpunkt einer Linse. Mir gefallen beide Bilder: Das Herdfeuer ist der Sammelpunkt der Familie, hier konzentriert sich die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse nach Wärme, Sicherheit und Nahrung. Das Wichtigste, um überhaupt überleben zu können, geht vom Herdfeuer aus. Das zweite Bild ist ebenso griffig. Denn durch die Linse entsteht Tiefenschärfe und Erkenntnis. Wenn ich Auge und Verstand fokussiere, verstehe ich mehr von den Zusammenhängen unserer Zeit. Und nicht nur das: Mein Fokus prägt mich. Ich wachse oder verderbe an dem, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Das bringt Heinrich Spaemann auf den Punkt: „Was wir im Auge haben, das prägt uns, dahinein werden wir verwandelt. Und wir kommen, wohin wir schauen.“
Wie aber gelingt uns Fokus? Dieser Frage nähern sich unsere Autoren von verschiedenen Seiten. Der Artikel von Andreas Boppart, Campus für Christus Schweiz, ist ein Vorgeschmack auf seine Predigt an unserem Freundestag an Himmelfahrt. Herzliche Einladung, mit uns in die Weite zu denken!
Spoiler: Auf der Rückseite dieses Heftes findet sich eine Strophe aus Bonhoeffers Gedicht „Stationen auf dem Weg zur Freiheit“, das er nach dem gescheiterten Attentat im Juli 1944 im Gefängnis geschrieben hat. Die Zeilen haben uns auf unserer diesjährigen Retraite im März begleitet und inspiriert. Entschiedenheit ist der Feind der Beliebigkeit. Nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen.
focus!
Viel Freude beim Lesen dieses Salzkorns!
Reichelsheim, den 23. April 2026
Dietrich Bonhoeffer ↑