Zimzum – Zwei Menschen auf einer niedrigen Mauer umgeben von Wasser

Zimzum

Rückzug schafft Weite

Gleich zu Beginn drei Schwergewichte: Christuszentriert leben – Schöpferisch denken – Gesellschaftlich handeln.
Indem wir so leben, wollen wir unseren OJC-Auftrag, jungen Menschen in Christus Heimat, Freundschaft und Richtung zu geben, umsetzen. Leben-denken-handeln: nicht irgendwie, sondern mit dem Fokus auf Christus, schöpferische Kreativität und die Gesellschaft. Kriegen wir das hin – mit so vielen unterschiedlichen Menschen?

Die größte Herausforderung besteht darin, Raum zu geben. Sich zurückzunehmen. Nicht alles von mir, meinem Stil, meiner Lesart erfüllt sein zu lassen, sondern eine Lücke für den anderen – sei es Mensch oder Gott–, zu schaffen. Nur durch diese bewusste Begrenzung kann Dialog entstehen, nur durch das Bejahen der Leere kann Neues werden. Durch Loslassen entsteht ein Raum des Ermöglichens, Lernens und Wachsens. Zu abstrakt? Vielleicht kann ein Beispiel helfen: Ein Kind lernt nur dann laufen, wenn wir es nicht stützen. Es muss die Leere spüren, um sein Gleichgewicht im Raum zu halten. Es kann sich nur zwischen Himmel und Erde aufrichten, wenn es die Schwerkraft spürt und die eigene Kraft dagegensetzt. Den Fuß vom Boden lösen, das Schweben austarieren, ihn einige Zentimeter weiter wieder auf den Boden setzen. Wenn ich meine Hände um seine Fußknöchel lege und den Schritt für das Kind ausführe, lernt es nicht laufen. Ich muss mich zurücknehmen, das Fallen und Weinen in Kauf nehmen. Gerade das, was hier fehlt, mein Festhalten und Handeln, macht möglich, dass das Kind laufen lernt. Und doch ist es umgeben vom Schutz der Eltern. Ein kleiner Finger reicht, um ein wenig Halt zu geben.

Diese Idee des Sich-Zurückziehens stammt aus einer mystischen Tradition des Judentums im 16. Jahrhundert. Isaak Luria hat seinen Schülern in Galiläa vom Zimzum gesprochen, das Zurückziehen, Zusammenziehen bedeutet. Er ging der Frage nach, wie das zugehen konnte, als Gott die Welt geschaffen hat. Wenn Gott alles in allem ist, wenn sein Licht alles durchdringt, wie konnte dann daneben noch etwas Anderes Platz haben? Für etwas Neues braucht es doch einen leeren Raum. Luria beschrieb es so: Gott zieht sich zurück, es entsteht sozusagen in seiner Mitte ein kreisförmiges Vakuum, in dem Gott nicht ist. Da hinein kann die Welt entstehen. Die Welt aber ist umgeben von Gott, in seiner Mitte entstanden und geborgen. Schöpferisches Denken braucht den Leerraum! Zimzum drückt aus, dass es Orte gibt, die Gott verlassen hat. Das ist beunruhigend. Ahnend frage ich: Ist nur so wahre Beziehung möglich? Die Entstehung eines ICHs, das nicht Gott ist? Ein Gegenüber also. In einem Universum, das völlig von Gott ausgefüllt ist, gäbe es keinen Raum für eine eigenständige Existenz. Gott hat Raum gemacht, damit wir sein können.

Raum schaffen ist allerdings etwas anderes, als das Feld zu räumen. Gott macht Platz für uns. Aber in seiner Mitte. Der Schöpfer Logos zog sich zusammen, bis auf die Größe eines Babys, als er Mensch wurde, als er, wie im Philipperbrief beschrieben, sich selbst entäußerte. Dann, als er starb und als er auferstand. Raum schaffen, damit andere sein können – das ist im Tiefsten das Thema in jeder Freundschaft, jeder Ehe, aber auch im Zusammenleben der Generationen, Geschlechter und Nationen. Wer sich selbst zurücknimmt, kann dem anderen begegnen. Wirkliche Kommunikation wird möglich, wo die Menschen schweigen und einander zuhören. Auch hier lässt man Raum, macht Platz für die Welt des anderen. Gerade der Hohlraum des Fehlenden ermöglicht Neues. Gesellschaftliches Handeln braucht diese Selbstbegrenzung.
Dieses Zurücknehmen, diese Fokussierung führt immer in die Weite. So ist das: Begrenzung schafft Raum für andere, und das wiederum erweitert meinen Horizont. Diese Wirklichkeit schillert in den Worten aus der OJC-Grammatik zum Abschnitt „Hingabe“:

(#43) Sich hingeben heißt sich riskieren.
Unser Leben ist hochriskant. Wir verschenken uns an Jesus Christus, wir erkennen an, dass wir ihm gehören. Und wir tun es freiwillig, entschieden und mündig: Nicht aus Angst, sondern im Vertrauen. Nicht unter Druck, sondern in Freiheit. Nicht unbedacht, sondern nach reiflicher Überlegung.
Lerne deinen eigenen Willen kennen und artikulieren, sei bereit, ihn auch loszulassen – im Vertrauen, dass Frucht daraus wächst.
Du musst dich nicht durchsetzen. Hingabe an Gott bedeutet „Dein Wille geschehe“. Aus einer Gemeinschaft hingegebener Menschen lässt Gott etwas hervorgehen, was unsere Möglichkeiten übersteigt: ein Gefäß seines Heiligen Geistes.

Das ist das Geheimnis von Zimzum: Wahre Fülle entsteht durch Begrenzung, durch Fokus. Gerade durch das, was wir weglassen, besser noch, hingeben, entsteht Neues, das über uns hinausweist. Christuszentriertes Leben braucht Hingabe.
Das Kind lernt laufen. Aufgerichtet zwischen Himmel und Erde leben, weben und sind wir: Im Raum, den Gott für uns geräumt hat, und doch umgeben von Ihm.