Die Männer-WG des OJC-Jahresteams 2025 / 2026

„Von nichts kommt nichts“

Silas Wolfsberger im Gespräch mit der Männer-WG des OJC-Jahresteams

Wie lebt man fokussiert? Diese Frage stellt der Philosoph und Theologe Johannes Hartl in seinem Buch „Die Kraft eines fokussierten Lebens“. Zusammen mit ihren WG-Begleitern Frank und Mitsch setzen sich David, Johannes und Lionel mit den Fragen und Impulsen dieses Buches auseinander.

Ihr habt euch gefragt: Wie geht fokussiertes Leben?

Mitsch: Das ist der Türöffner für weitere Themen, die wir behandeln wollen. Die Jungs sind in einer Lebensphase, in der viele noch nicht genau wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Fragen wie diese helfen: Worauf will ich den Fokus in meinem Leben richten und wie sieht das konkret aus? Davon profitieren nicht nur die Freiwilligen, denn wir haben hier kein Lehrer-Schüler-Verhältnis, sondern wir als Begleiter haben genauso viel davon.

Frank: Mich inspiriert vor allem die Frage, wie wir Nachfolge praktisch gestalten und wie wir nicht gelebt werden, sondern selbst leben. Jeder von uns soll Antworten auf die Fragen finden: Was ist mir wichtig? Was will ich mit meinem Leben anstellen? Dass wir uns im Austausch gegenseitig befruchten, macht unsere Gemeinschaft aus. In dieser Runde lernen drei Generationen voneinander. Auch ich als Ältester.

Welche Gedanken haben euch dabei besonders beschäftigt?

Johannes: Mir ist eine Warnung hängengeblieben: Wenn man nicht fokussiert lebt, verliert man viel an Lebensqualität und verschwendet sein Potenzial. Wenn man sich auf gar nichts fokussiert, verliert man den Überblick. Wenn man sich auf etwas Falsches fokussiert, fallen wichtige Aufgaben unter den Tisch.

Mitsch: Spannend fand ich das Gegenüber von Bore-out und Burnout: Man denkt vielleicht, man ist überfordert, aber in Wirklichkeit ist man gelangweilt und hat nicht im Blick, wofür man sich abmüht. Mit inzwischen Anfang dreißig habe ich meinen Platz gefunden. Aber das hat viele Jahre Sinnsuche gekostet. Ich habe gemerkt, dass ich nicht einfach dadurch glücklich werde, dass ich viel arbeite. Und für Hartl ist die Frage nach dem Sinn die Frage nach dem Fokus.

David: Hartl teilt in seinem Buch Aufgaben und Ziele entlang von zwei Achsen in vier Kategorien ein. Auf der einen Achse liegt die Dimension „Dringlichkeit“ und auf der anderen die „Wichtigkeit“. Er schreibt dazu: „Die Kraft eines fokussierten Lebens bedeutet, sich regelmäßig und beständig für das Zeit zu nehmen, was wichtig ist, aber nicht dringend.“ Da würde ich ihm recht geben, weil wir oft Dingen nachjagen, die ganz dringend wirken, aber nicht wirklich wichtig sind. Oder noch schlimmer: Wir vergeuden unsere Zeit mit Dingen, die weder dringend noch wichtig sind. Als konkrete Lösung schlägt Hartl eine Art Stundenplan vor. Er schreibt: „Was in deinem Wochenplan nicht vorkommt, kommt in deinem Leben nicht vor.“ Gute Planung und gemeinsame Reflexion helfen also, einen fokussierten Alltag zu leben.

Frank: Mir ist sofort ein Beispiel eingefallen: Sehr wichtig, aber gar nicht dringend ist für mich eine Krebsvorsorge. Obwohl sie wichtig ist, schiebe ich sie seit Jahren vor mir her.

Erlebt ihr in der OJC ein besonders fokussiertes, sinnerfülltes Leben?

Mitsch: Hartl sagt: „Wohin du zielst, bestimmt, wohin du triffst.“ Ich muss wissen, wohin ich laufe, erst dann kann ich loslaufen. Ich weiß, wohin die OJC läuft, und davon ein Teil zu sein hilft mir, gerade wenn ich von einzelnen Aufgaben genervt bin. Nach einem anstrengenden Arbeitstag bin ich müde und gestresst, aber ich bin nicht unglücklich. Das macht einen Unterschied. In meinem vorherigen Job hatte ich nette Kollegen und wurde gut bezahlt. Trotzdem war ich unglücklich, weil mir die Vision, an der ich mitgearbeitet habe, nichts gegeben hat.

Johannes: Mir hilft es, den größeren Auftrag im Hinterkopf zu haben. Leitbild und Auftrag der OJC sagen mir, dass meine Arbeit unabhängig von meiner Lust einen Sinn hat.

David: Als Tischler auf der Baustelle habe ich den großen Auftrag der OJC nicht unbedingt vor Augen. Da fokussiere ich mich auf meine Arbeit, die mir an sich gut gefällt. Die Gemeinschaft setzt für mich aber einen Rahmen durch Routinen und Gewohnheiten. Wir treffen uns morgens zum Stilleauftakt und zur Stillen Zeit. Für das Mittagsgebet unterbrechen wir bewusst unsere Arbeit und fokussieren auf Gott. Kleine Gewohnheiten helfen, den Tag sinnvoll zu strukturieren. Bei mir ist es seit einigen Wochen das Dehnen vor dem Schlafengehen.

Lionel: Mir geht es ähnlich. Der große Sinn ist mir meistens nicht so präsent wie die konkrete Aufgabe. Aber oft verbindet sich das auch. Wenn ich im Versand Spenderbriefe verschicke, ist mir sehr bewusst, dass ich an etwas Größerem mitarbeite. Zu den Routinen würde ich unbedingt noch das Abendmahl hinzufügen. Auch wenn es früh morgens ist, freue ich mich darauf, weil die ganze Gemeinschaft zusammenkommt. Wenn ich mal eine Woche weg bin, merke ich sofort, wie sehr mir das fehlt.

Die Stille am Morgen ist charakteristischfür das Leben hier. Hat sie für euch etwas mit Fokus zu tun?

Johannes: Stille Zeit morgens um 6:30 Uhr ist für mich keine Entspannung. Aber sie lässt mich ausgeglichen in den Tag starten. Wichtig ist, dass man nicht nur eine Stunde wach ist und nebenbei noch die Küche aufräumt, sondern sich auf ihr Potenzial einlässt. Ich lege das Handy weg und nehme mir Quality-Time für Jesus und mich.

David: Die Stille hilft mir, mich auf den Tag auszurichten. Gegen die Ablenkung durch mein Handy habe ich einen analogen Wecker, den mir Frank geschenkt hat. Eine Stunde offline zu sein ist an sich schon viel wert. Diese Zeit fülle ich dann mit Bibellesen, der Losung oder guten Büchern.

Lionel: Die Stille fällt mir häufig sehr schwer. Ich habe das erst hier kennengelernt, und sie ist für mich ein Lernfeld. Am Anfang habe ich Verschiedenes ausprobiert, sitze aber oft schon nach wenigen Minuten etwas ratlos herum. Ich habe mir vorgenommen, die Stille wieder mehr für wichtige Themen und meine Tagesplanung zu nutzen.

Frank: Mir hilft es zu wissen, dass die Männer für den gemeinsamen Stilleauftakt auf mich warten. Ich muss da sein. Auch ich habe nicht immer eine besonders erfüllte Zeit. Oft verschaffe ich mir einen Überblick über meinen Tag. Dann bete ich und führe dabei ein Gespräch wie mit einem guten Freund. Gott weiß genau, wie er mich bei meinen Projekten unterstützen kann. Deshalb frage ich ihn häufig, wo ich mich für ihn nützlich machen kann. Ich stolpere nicht in den Tag, sondern gehe ihn bewusst an.

Mitsch: Weil ich in Elternzeit bin, mache ich im Moment keine Stille und bin deswegen völlig desorientiert. Ich vertausche Wochentage, manchmal weiß ich nicht mal mehr, welche Tageszeit gerade ist. Gerade weil sich der Tag-Nacht-Rhythmus total verschoben hat, merke ich, wie gut es ist, den Tag gleich am Anfang zu gestalten.

Wie geht es euch damit, dass ein fokussiertes Leben sich offenbar nicht mit einem bequemen Leben verträgt?

David: Ja, Hartl macht keinen Hehl daraus, dass man es sich unbequem machen muss, wenn man an sich arbeiten will. Bequemlichkeit und Ablenkung werden oft mit real life verwechselt. Anstatt in der Entspannung wirklich zu leben, lenken wir uns nur ab und ruhen nie wirklich aus. Er rät, das Schwerste immer als Erstes anzugehen. Wenn man schwierige Aufgaben schon morgens abhakt, ist man viel zufriedener. Es geht nicht um die Frage, ob wir genug arbeiten, sondern wer fokussiert lebt, ist weniger gestresst und trotzdem produktiver.

Frank: Dieses Prinzip wird mir beim Bergsteigen mit Freunden sehr anschaulich. Allen ist klar, dass wir eine Leistung bringen müssen, aber wir haben Freude daran. Wir wissen, wir werden uns zwischendurch mal fragen, warum wir da eigentlich hoch wollten. Hier unten ist es doch auch schön! Aber der Triumph am Gipfelkreuz, wenn wir wissen, dass wir es gemeinsam geschafft haben, ist riesig. Etwas zu leisten, sollte in unserem Bewusstsein wieder positiver besetzt und nicht nur mit Stress verbunden sein. Sonst begleitet uns permanent die Angst, auszubrennen, und man lebt nur schaumgebremst. Wenn wir Sinn und Notwendigkeit einer Aufgabe sehen, sind wir zu großen Leistungen imstande.

Mitsch: Ich habe meine besten Tage, wenn ich am Ende sagen kann, dass ich heute viel geschafft habe. Etwas abhaken zu können, motiviert mich. Ungesund wird es aber, wenn ich meine Arbeit nach Feierabend gedanklich mitnehme. Das Herumdenken daran ist verkappte Arbeit und steht echter Erholung im Weg.

David: Fokus bedeutet, präsent zu sein für das Gegenüber oder für meine aktuelle Aufgabe. Echte Erholung ist unerlässlich, die kann sehr individuell gefüllt werden. Wichtig ist, dass wir von der Dauerbeschallung und dem Anspruch der Arbeit Abstand nehmen und bewusst etwas anderes machen. Die Seele muss die Möglichkeit haben, dem Alltag hinterherzukommen.

Frank: Dafür gibt es den Sonntag. Der ist oft meine Rettung, weil ich gerne so auf den Alltag fokussiert bin. Die Freude an der Leistung wird dann zur Zugmaschine. Der Ruhetag gibt mir die Möglichkeit, das nötige Gleichgewicht herzustellen. Hartl spricht von dem Flow, der sich einstellen kann, wenn man fokussiert an einer Sache dran ist.

David: Dazu wieder ein Zitat: „Flow markiert den Sweet Spot zwischen Überforderung und Unterforderung.“ Das erlebe ich genau so. Wenn mein Arbeitsanleiter mir eine Aufgabe gibt, auf die ich keine Lust habe, schiebe ich sie gerne auf die lange Bank, aber wenn ich diese Hürde überwinde, kann es richtig Spaß machen.

Johannes: Man darf von diesem Flow nicht zu viel erwarten. Die Realität für mich ist, dass es trotzdem selten Spaß macht. Aber es gibt auch gute Tage, an denen ich mit einer guten Stille starte und mich dann auch den Projekten ohne Spaß widmen kann. Man ist zum Schluss doch zufrieden, aber große Dopaminschübe darf man nicht zu oft erwarten.

Lionel: Flow erlebe ich bei der Arbeit, aber vor allem beim körperlichen Training. Manchmal bin ich nicht zufrieden, aber an anderen Tagen geht man wirklich ans Limit und das ist ein sehr gutes Gefühl. Dann läuft es, auch wenn ich weiß, dass ich am nächsten Tag Muskelkater haben werde.

Frank: Im Voraus meinen Fokus festzulegen, ist schwierig, weil Dinge oft unangekündigt kaputtgehen und ich darauf reagieren muss. Wenn ich aber von meinen geplanten Projekten ein paar erledigt habe, bin ich auch flexibel im Umgang mit den Überraschungen. Es geht beim fokussierten Leben nicht nur um Optimierung, sondern um meine Lebensqualität.

Hartl sagt, für ein fokussiertes Leben braucht man ein Tor und einen Trainer. Habt ihr in der OJC Fokustrainer gefunden?

Lionel: Meine Arbeitsanleiterin Heidi zeigt mir viel. Aber sie erwartet auch Selbstständigkeit. Irgendwann überlässt sie die Arbeit mir und ich muss dann allein zurechtkommen.

Johannes: Für mich ist es sehr wertvoll, dass man sich hier herausfordern lassen kann, ohne überfordert oder alleingelassen zu sein. Ich bin eher sozial begabt und tue mich mit handwerklichen Aufgaben schwer. Aber Frank unterstützt und ermutigt mich. Dadurch bringe ich immer wieder Sachen zustande, von denen ich nicht geglaubt hätte, sie zu können.

David: Wenn man so eng miteinander unterwegs ist wie wir, wird man ganz schnell selbst zum Fokustrainer. Frank hat mal geäußert, öfter ins Mittagsgebet gehen zu wollen. Also rufe ich ihn um fünf vor zwölf an und erinnere ihn.

Frank: Es ist ein großer Segen, dass wir uns gegenseitig das Recht gegeben haben, uns zu befragen. Wir wollen miteinander wachsen. Ich finde es prima, wenn ich auf Davids Anruf hin ins Mittagsgebet gehe, statt meiner „Ich-könnte-ja-mal“-Einstellung zu folgen. Wir verbünden uns, um die Dinge zu tun, die wir wollen.

David: Hartl sagt: „Zwischen Idee und Umsetzung liegt eine entscheidende Frage: Gibst du jemandem Rechenschaft?“ Wenn sich jemand für meine Ziele und Erfolge interessiert und auch mal nachfragt, bin ich viel motivierter, wirklich was zu tun. Wir erlauben uns gegenseitig, in unser Leben hineinzusprechen, auch wenn das manchmal hart sein kann. Mir werden öfter Dinge gespiegelt, die ich sonst gar nicht an mir sehen würde.

Johannes: Die Ziele muss man sich zwar selbst setzen, aber ein einfaches Nachfragen kann helfen, dass man seine Freizeit nicht verschwendet. „Was hast du vor?“ „Was hattest du dir vorgenommen?“ Wenn man Ziele miteinander teilt, dann kann man den Willen zum fokussierten Leben bündeln.

Die Weisheit „Give ten years!“ wird unterschätzt. Wo hofft ihr, die Früchte eures konsequenten Fokus ernten zu können?

David: Hartl verwendet das Bild von einem Garten: Ich kann bestimmen, welche Früchte ich in zehn Jahren ernten will und welche Bäume ich dafür in meinen Garten pflanze. Die Bäume wachsen langsam, aber irgendwann kann ich ernten.

Lionel: Ich trainiere seit anderthalb Jahren und achte auf meine Ernährung. Ich sehe zwar schon Ergebnisse, aber wenn ich das weitere zehn Jahre mache, wird es noch viel deutlicher sein. Ein anderes Thema sind meine Finanzen. Mir fällt es nicht so leicht, den Überblick zu behalten. Aber langfristig zahlt sich das aus. Einen Rhythmus im Alltag zu haben, hilft mir sehr, auch wenn man geduldig sein muss.

Johannes: Für mich ist die Frage schwierig, wohin ich mich in zehn Jahren entwickelt haben will. Ich kann aber investieren in das, was an meinem Leben gleichbleiben wird, nämlich wer ich bin, was ich an Prägungen und Verletzungen mitbringe. Ich kann in diesem Jahr die Weichen dafür stellen, Jesus konsequent nachzufolgen.

Frank: Ich habe gelernt, das zu pflegen, was ich liebe. Das heißt: mein geistliches Leben, meine Beziehung zu Gott, zu meiner Frau, zu meinen Söhnen. Meinem Körper gönne ich auch mal einen Spaziergang. Lionel ist mir mit seinem Training ein großes Vorbild.
Ich habe jetzt mit einer App dreihundertsechzig Tage hintereinander jeden Tag zehn Minuten Englisch gelernt. Ob das irgendwohin führt, weiß ich noch nicht. Aber in meinem ganzen Leben habe ich noch nichts so lange durchgezogen. Da staune ich über mich selbst. Auch bei unseren geistlichen Übungen, bei der Stille, beim Gebet, wird sich unsere Treue in unserem Leben positiv bemerkbar machen. Davon bin ich fest überzeugt.

Mitsch: Man unterschätzt absolut, was in zehn Jahren passieren kann. Vor zehn Jahren war ich so alt wie die Jungs jetzt und hätte nie gedacht, dass ich in zehn Jahren mit einem Beruf und einer Familie wieder in der OJC sein würde.

Frank: Einen Satz von Hartl braucht es noch: „Entscheidungen sind dein Freund!“ Das Leben wächst, wenn ich die Entscheidungen treffe und es nicht einfach nur laufen lasse. Ich darf mich nicht in die Unverbindlichkeit zurückziehen, sondern muss das Leben bei den Hörnern packen.

Lionel: Hartl und ich teilen uns einen Lieblingsspruch: „Von nichts kommt nichts!“ Und zwar in einem Jahr nicht und in zehn Jahren nicht. Die Zuständigkeit für meinen Lebensfokus liegt bei mir.