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Ready – steady – go!

Zahnärztin in Gummistiefeln

Gerlind Ammon-Schad im Gespräch mit Rebekah Stoll-Jones, Costa Rica

Rebekah, kannst du mal alle deine Jobs aufzählen?
Ich bin in vielen Rollen unterwegs. Ich bin Ehefrau, Mutter von drei Kindern (10, 7, 5) und auch ihre Lehrerin, denn wir machen Homeschooling. Ich habe Zahnmedizin studiert und betreibe im Dorf eine Zahnklinik. Außerdem engagiere ich mich in der indigenen Gemeinde und helfe mit bei der Alphabetisierung der Bevölkerung. In einer Herberge bieten wir Indigenen aus den Bergen eine Unterkunft an, wenn sie eine Zeit lang in der Nähe von Ärzten oder Ämtern sein müssen.

Und was davon tust du am liebsten?
Das ist nicht so einfach zu beantworten. Das Muttersein hat mich viel gelehrt und ich genieße es mehr, als ich mir vorstellen konnte. Wenn ich also Zuhause bin, bin ich sehr gerne dort, im Unterricht mit den Kindern, bei der Hausarbeit. Dann fällt es mir manchmal schwer, in die Klink aufzubrechen. Wenn ich dann aber dort bin, tue ich diese Arbeit aus vollem Herzen. Eine interessante Erfahrung: Alle meine „Jobs“ mache ich sehr gerne, nichts tu ich am allerliebsten, alles begeistert mich. Und ich bin immer am meisten erfüllt von dem, was ich gerade in diesem Moment tue.

Aber du musst doch abwägen, was gerade am wichtigsten ist. Wie machst du das?
Bei der Menge der Aufgaben muss ich immer fragen: Was ist jetzt dran? Was soll ich zuerst tun? Gerade ist die Erziehung der Kinder das Wichtigste. Die steht an erster Stelle und hilft mir, zu fokussieren. Es geht um mehr als ihre bloße Versorgung. Sie sollen auch Verantwortung übernehmen lernen, in Haushaltstätigkeiten und Alltagsarbeiten fit werden. Und sie sollen wissen, dass sie das Wichtigste sind für uns Eltern.

All das ist Teil von Gottes Auftrag an dich. Kannst du ihn mit wenigen Worten zusammenfassen?
Ich glaube, mir reicht ein Wort. Ich habe den Auftrag, zu dienen. In meiner Familie, der Gemeinde, bei den Indigenen, in der Klinik, im Unterricht. Ich suche immer einen Weg, wie ich andere unterstützen kann – ich möchte Gott dienen mit Liebe und mit exzellenter Arbeit. Ich möchte ein integrer Mensch sein, mit Know-how, Professionalität und Hingabe. Mein ganzes Leben ist für Ihn – und das will ich auf die beste Weise leben, die mir gegeben ist.

Das klingt nach einer Herausforderung. Erlebst du Dinge, die deine Motivation in Frage stellen?
Das passiert, wenn Menschen mich anlügen, die Hilfsangebote ausnutzen oder wenn sie uns bestehlen. Neulich haben wir einem Freund in einer Notlage unser Fahrzeug ausgeliehen und er hat es betrunken kaputt gefahren. Das demotiviert ziemlich, denn wir pflegen unsere Dinge sehr, weil wir sie so dringend brauchen. Und wir wollen hilfsbereit und großzügig sein – aber wenn das so ausgeht, ist das schwer zu ertragen und kratzt an der Motivation!

Hast du, bevor du in die Gummistiefel steigst und durch den Tag stiefelst, noch Zeit, deinen Blick auf etwas anderes zu richten?
Du meinst für Stille Zeit? Die ist tatsächlich das Wichtigste am Morgen – braucht aber viel Disziplin. In meiner Prime-Time mit Gott kann ich empfangen, bevor ich etwas geben muss, bevor die Anforderungen auf mich einstürmen. Mir hilft es, gute Songs zu hören, Dankbarkeit einzuüben, mich an die Treue Gottes zu erinnern. Das motiviert mich für den Tag. Mich inspirieren Biografien anderer Missionare und Menschen, die Unglaubliches geleistet haben und heute noch leisten. Gott hat mir ein dankbares Herz gegeben: Je größer die Dankbarkeit, umso mehr hat man zu geben. Ich sehe es als Privileg, nicht als Last, zu dienen, anderen zu helfen.

Erzähl uns doch von einem Erlebnis, das deinen Fokus bestätigt hat.
Gerne. Kaum von einem anstrengenden Einsatz zurück, wartete auf meinen Mann Joel schon die nächste dringende Anfrage. Ein Mann hatte sich in den Bergen verletzt und musste abgeholt und ins Spital gebracht werden. Joel war total erschöpft, wir haben uns gefragt, ob wir das schaffen können. Schlussendlich hat er die mühsame Fahrt auf sich genommen und den Mann abgeholt. Tage später hat seine Tochter uns eine wunderbare Nachricht geschrieben. Dazu muss man wissen, dass in dieser indigenen Kultur Danke sagen nicht üblich ist. Dankbarkeit wird fast nie in Worten ausgedrückt. Aber sie schrieb: „Vielen, vielen Dank, dass ihr meinem Vater geholfen habt, ich weiß, was für ein Aufwand das war. Es geht ihm schon viel besser. Für mich war eure Hilfe ein Reden Gottes: Er sagte uns, dass er uns nicht vergisst, dass er uns hilft. Dazu hat er euch geschickt.“
Das war schön, weil ich gespürt habe, dass wir am richtigen Ort sind, dass Gott uns hier gebraucht und dass er seine Liebe zu den Menschen durch uns ausdrückt, wenn wir es zulassen. Auch in der Zahnklinik melden die Leute zurück, wie wertgeschätzt sie sich fühlen, wenn sie in ihrer eigenen Sprache angesprochen werden und die Behandlung und den Therapieplan erklärt bekommen, so dass sie sich beteiligt fühlen und mitentscheiden können.

Was machst du, wenn du müde bist und dir die Anforderungen über den Kopf wachsen?
Wenn ich sehr müde bin, schlafe ich noch vor den Kindern ein. Ich habe leider nicht viel Zeit für Erholung und Entspannung. Aber es gibt diese besonderen Momente, wenn ich mal eine halbe Stunde habe für eine schöne Dusche, für gute Musik und ein Buch. Manchmal entspanne ich mich bei einem Film oder mit einer Freundin oder meiner Schwester. Das zeigt mir, dass andere auch für mich da sind, für mich beten, das gibt mir Kraft, wenn ich selbst keine mehr habe.

Wir leben oft im Ausnahmezustand. Hier hilft mir tatsächlich nur das Zurück zur Quelle des lebendigen Wassers, zum Wort Gottes. Wir lesen als Familie einen Psalm beim Frühstück und die Sprüche Salomos zum Mittagessen. Ich lerne mit den Kindern Bibelverse auswendig, und oft sind es gerade diese Worte, die mir helfen, wenn ich an meine Grenzen komme. Dann zeigt Gott mir, wer er ist, wie treu er ist. Er erinnert mich an seine Verheißung, dass er mir Kraft gibt zum Weitergehen.
Manchmal rolle ich mich auf dem Sofa zusammen und weine, schütte mein Herz vor Gott aus und sage ihm, dass ich keine Kraft mehr habe, dass Er meine Kraft sein muss. Ich erlebe, dass die Dinge viel besser laufen, wenn ich die Kontrolle an Gott abgebe und mich nicht nur selbst abstrample.

Eine Erfahrung: Je näher ich bei Jesus bin, umso schneller tanke ich auf und schöpfe neue Kraft, nicht nur geistlich, sondern auch körperlich. Die Kraft kommt zurück. Das klingt vielleicht verrückt, aber so erlebe ich es. Zum Beispiel letzten Sonntag: In den Wochen davor hatte ich sehr viel in der Klinik gearbeitet, hatte noch etliche Termine mit Spezialisten und habe mich auf den ersten freien Sonntag seit langem gefreut. Endlich ausschlafen, einfach in den Tag hineinleben! Da rief mich um halb sechs morgens jemand aus der Herberge an, er brauche einen Krankentransport in die Klinik, sein zwei Monate altes Kind habe Fieber und die ganze Nacht erbrochen. Da habe ich echt gestöhnt: Boa Gott, hilf mir, ich will weder aufstehen noch diese Fahrt unternehmen, das ist mein einziger freier Tag. Ich kann nicht und ich will nicht! Ich flehte Gott um Kraft an, ich musste darum bitten, meine Haltung zu ändern, jetzt diesen Dienst zu tun. Ich tat es also, und als ich zurückkam, hatte ich eine wunderbare stille Zeit mit dem Herrn, hatte am Nachmittag noch Zeit für eine lange Siesta und war vollkommen wiederhergestellt.

Was ist für dich ein sinnerfülltes Leben?
Ein Leben, in dem man ein Ziel und Freude hat. Der Sinn kommt aus der Berufung Gottes. Dann ergibt alles, was ich tue, einen Sinn. Was ich tue und wie ich lebe, geht über mich hinaus, es gibt etwas Größeres, an dem ich Anteil haben kann: Das Reich Gottes. Die Zukunft. Die Ewigkeit.

Wenn dich jemand fragt, wie man seine Berufung findet, was antwortest du?
Ich würde ihm sagen: Gott gebraucht den Mix, der du bist. Worin du gut bist, was du gerne tust, was dir Freude macht, deine Talente, das alles kann Gott gebrauchen. Meine Erfahrung ist, dass Gott genau das nutzt, was wir gerne machen wollen und es fruchtbar macht für den Dienst in seinem Reich. Ich glaube, dass Gott Leute sucht, die bereit sind, die sagen: Gebrauche mich. Das sind manchmal ganz praktische Dinge, die Gott dann von mir nutzt. Wenn man so lebt und dazulernen möchte, dann lebt man seine Berufung. Und oft formt Gott einen auch auf Gebieten, die man sich nicht so zugetraut hätte, und auf einmal hat man Freude daran.

Rebekah, was ist deine größte Sehnsucht?
Wie Paulus sein! Den Lauf vollenden. Durchhalten, treu sein, mein Leben vollenden in großer Nähe zu Jesus, ihn mehr kennenlernen. Mein Wunsch ist auch, dass meine Kinder ihm folgen, dass das Volk der Cabécares seinen Wert vor Gott erkennt, dass die Menschen als seine Geschöpfe Verwandlung erfahren und Veränderungen in den Familien durch die Beziehung zu Jesus. Und ich möchte mit meinem Mann alt werden und wünsche mir, dass unsere Liebe nie aufhört.
Natürlich sehne ich mich auch danach, eine gute Zahnärztin zu sein. Dafür möchte ich nie aufhören zu lernen und mich zu verbessern. Ich möchte in Liebe dienen, ich möchte nie die Liebe zu den Menschen verlieren und sensibel bleiben meinen Mitmenschen gegenüber. Ja, vielleicht kann ich es so zusammenfassen: meine größte Sehnsucht ist, wie Paulus, „den Lauf vollenden“.