Ort der Entscheidung – Ein Mann steht nachdenklich im Feld

Ort der Entscheidung

Fokussiert leben. Ich komme ins Schwitzen, wenn ich diese Worte höre. Mir fällt ein, was ich in jüngeren Jahren schon alles probiert habe – von Gabentest über Persönlichkeitsprofil bis hin zu Zeitmanagement. Alles schön und gut. Es hat mir manch wertvolle Erkenntnis gebracht. Aber dadurch fokussierter leben? Das war es dann eher nicht.

Da bringt mich viel eher ein Satz aus der geistlichen Regel unserer OJC-Kommunität auf die richtige Spur: „Empfangen ist unsere Grundhaltung gegenüber Gott.“ (Wie Gefährten leben; Eine Grammatik der Gemeinschaft; # 58) Da liegt der Fokus nicht auf meinem Tun, sondern auf meinem Sein. Und es ist mein Sein mit Gott. Dann heißt es: „Unsere Seele dürstet danach, angeschaut zu werden. Von diesen Augen-Blicken Gottes her kommt Ruhe und Sättigung in unser Leben. Sein liebevoller Blick will auf uns ruhen.“ (# 60)

Zunächst einmal ist Gott – der Allmächtige und Barmherzige – ganz fokussiert auf mich. Ich nehme viel weniger mich als vielmehr Gott selbst in meinen Blick. Und ich bin nicht aufgefordert, sondern eingeladen: „Täglich neu meine Hände ausstrecken, wie eine Schale, empfangen von dem, der alles gibt; mich erinnern, dass ich das Wesentliche nicht in mir selbst trage.“ (# 56)

Mein Tun und Sein

Ja, so ist es. Ich trage es nicht in mir. Nicht in meiner Persönlichkeit und nicht in meinen Gaben. Beides hat sich in den Jahren meines Lebens verändert. Da ist mir manches zugewachsen. Meine Persönlichkeit ist gereifter – so hoffe ich wenigstens – und meine Gaben sind vielfältiger geworden. Und es zählt ganz wesentlich zu meiner eigenen Erfahrung: „Der geistliche Rhythmus unseres Lebens hilft, gemeinsam aus der Quelle zu schöpfen und sie zu verdanken: das gibt unserem Sein und Tun Ausrichtung.“ (# 54) So wird aus dem Fokus, den Gott auf mich hat, ein Fokus, der über mich hinaus geht. Und auch da habe ich nicht so sehr mein Tun als mein Sein im Blick.

So war es wohl auch bei Jesus, als seine durchaus aktiven Jünger zu ihm kamen und er ihnen empfahl: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. (Mk 6,30) Was er damit wohl gemeint hat? Mir fällt dazu ein Bericht aus dem Markusevangelium ein: Und am Morgen, noch vor Tage, stand Jesus auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus. (Mk 1,35-39)

Jede und jeder von uns kennt stürmische Zeiten. Es dringt viel und vor allem so viel Verschiedenes auf uns ein und es ist gar nicht leicht, fokussiert durch die Turbulenzen des Alltags zu kommen. Auch Jesus kannte das reichlich. Von ihm heißt es nun, dass er sich vor Tagesbeginn einen einsamen Ort zum Beten suchte. Dabei ging es um mehr als um einen Unterstand, den man nur braucht, um ein akutes Gewitter zu überstehen. Wir beobachten bei ihm eine eingeübte innere Haltung. Jesus wusste, es gibt einen Ort, an dem sich alles Weitere entscheidet.
An diesem Ort muss ich meinen Tag beginnen. Am Ort der Orientierung, der Klärung, der Wegweisung und Wegfindung … kurz, am Ort der Fokussierung.

In der Stille mit Gott findet der Gottessohn die nötige Klarheit. Hier will und kann er Prioritäten setzen. Eben im vertrauten Gespräch mit seinem himmlischen ­Vater. Was dem Gottessohn die Quelle eines fokussierten Lebens war, könnte auch uns Gottestöchtern und Gottessöhnen dazu werden. Diese eingeübte innere Haltung, die keine eiserne Christenpflicht ist, wohl aber eine entscheidende Chance!

Jesu Tun und Sein

So ist Jesus im Gebet – irgendwo, abseits des Trubels. Doch nicht lange: Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. Da kommen sie, seine Nachfolger. Aber überraschenderweise nicht, um ihm ins Gebet zu folgen, sondern um ihm die Erwartungen anderer Menschen zu präsentieren. Ich stelle mir Petrus große Augen vor, als er Jesus so erwischt.

Gebet und Stille sind ja augenscheinlich erst mal passiv. Für einen umtriebigen Frommen wie Petrus nicht verlockend. Vielleicht klang er in etwa so: „Mann, Jesus: jedermann sucht dich! Auf geht’s: Power on, Zeit für Action! Erwartungen wollen bedient werden! Hau rein, Jesus, zieh durch! Wir brauchen dich jetzt!“

Immer wieder stehen Erwartungen im Raum, damals wie heute. Sie konfrontieren uns mit den Vorstellungen und Erwartungen anderer, aber auch mit unseren eigenen. Jesus hat dabei stets einen Schritt zurück in die erwartungsfreie Zone, in die Stille, ins Gebet gemacht – eben: an den Ort seiner Entscheidung. Das gilt bis heute: niemand muss sein, wo „jedermann“ ihn gerne hätte, sondern „sein, wo Jesus ist“! Das ist der Fokus, aus dem das Leben quillt!

Ich habe täglich neu die Chance, mich an den richtigen Platz zu bringen. Es ist immer meine Entscheidung. Ich muss mich nicht durch Irritationen oder Erwartungen nervös machen lassen. Auch nicht durch fromme. Nicht durch solche, die mir zugetragen werden und auch nicht durch solche, die ich in mir trage.

Ein fokussiertes Leben wie Jesus es gelebt hat, kann in der Umwelt für Irritationen sorgen. Geschenkt – das ging schon dem alten Noah so mit seinem Schiffsbau auf trockenem Land bei noch trockenerem Wetter. Da darf man sich nicht nervös machen lassen – solch ein Ort der Entscheidung kann andere irritieren … und vielleicht sogar mich selbst … aber es ist der Ort, der mich tragen wird, der mich wirksam werden lässt.

Wie Gott mich sieht

Der Ort der Entscheidung bringt Klarheit und Entschlossenheit in mein Leben. So kann Jesus auf das petrinische Entsetzten ebenso gelassen wie fokussiert reagieren: Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Gebet ist nicht einfach der Ort, um mir ein gutes frommes Gefühl abzuholen.

Dieser Ort ist der Ort der Entscheidung aus zwei Gründen. Zum einen, weil ich dort – in der Einsamkeit der Stille mit Gott – sehe, wie Gott mich sieht. Nicht als der, der zu funktionieren hat, und nicht als der, der aus dem Tun leben und dort seine Bestätigung ernten muss. Nicht als Funktionär, sondern als Jünger. Oder noch präziser: als sein unverbrüchlich geliebtes Kind! Fokussierter als „coram Deo“, als im Angesicht Gottes, kann ich übrigens gar nicht leben! Und zum zweiten, weil ich mich dort sehe, wo Gott mich sieht. Nicht die Erwartungen und Ansprüche der anderen Menschen bewegen Jesus zu seinem nächsten Schritt. Es ist die Erkenntnis, die aus der Stille hervorkommt. Für das, was heute dran ist. Oder um es mit Jesus zu sagen: Dazu bin ich gekommen…

Wo Gott mich sieht

Diese allmorgendliche Übung war für Jesus tatsächlich der Ort der Entscheidung. Sie war die Quelle seines fokussierten Lebens. Wobei es damals wie heute viel weniger auf eine klare und präzise himmlische Anweisung ankommt. Die hätten wir oft gerne.

Aber es genügt die schlichte Klarheit für den nächsten Schritt: Lasst uns woanders hingehen …. Jetzt – aus dem Ort der Entscheidung – sind Jesus Klarheit und Entschlossenheit zugewachsen, die ihm Richtung und Mut für das zu bestehende Heute gegeben haben.

Demnächst feiere ich meinen 65. Geburtstag. Und wenig später mein 40. Ordinationsjubiläum. Fokussiert leben ist mir trotz allen Schwitzens mehr denn je ein Anliegen. Aber es ist mir mehr denn je auch zur Gewissheit geworden, dass ich davon lebe, dass Jesus mich, so wie ich bin, tagtäglich liebevoll ansieht. Und wie dankbar bin ich, dass er fokussiert ist auf mich – vor allem anderen will ich das im Blick behalten. Und an manchen, vor allem sehr geschäftigen Tagen, mir immer wieder vor Augen halten. In dieser Gewissheit starte ich viele Tage meines Lebens mit meinem persönlichen Morgengebet:

Herr, mein Gott – du bist jetzt da!
Ein neuer Tag liegt vor mir.
Lass mich die Möglichkeiten erkennen,
die mir heute geschenkt sind.
Nimm Besitz von meinen Gedanken,
von meinem Fühlen und Wollen,
dann wird dieser Tag fruchtbar sein.
Öffne meine Sinne
und mein Herz für alles,
was du mir jetzt sagen willst.
Lass mich deine Stimme hören,
damit ich die meine verstehe.
Und lass mich in die richtige
Stimmung für diesen Tag kommen.
Amen.