identitaetstrip. Salzkorn 2/2026

Identitätstrip

Zu sich selbst reist man nicht allein

Die Reise nach innen ist die wohl am meisten unterschätzte Reise überhaupt. Viele Menschen fragen sich immer wieder, wohin sie eigentlich gehen wollen. Dabei ist die wichtigste Frage nicht: „Wohin will ich?“, sondern vielmehr: „Wer bin ich?“ Das „Wer“ ist immer der Ausgangspunkt zur Frage „Wohin?“ Denn dein „Wer“ bestimmt dein „Was“. Das gilt für Menschen wie für Organisationen. „Wenn du weißt, wer du bist, dann löst sich die Frage nach dem Tun von selbst“, hat Richard Rohr einmal gesagt. Solange wir nicht wissen, was unsere wahre Identität ist, werden wir in unserem Leben Dinge tun, die nicht viel Frucht bringen.

Ein Kaninchen wird bei der Waldtierolympiade erfolglos beim Wettschwimmen mitmachen und auch beim Baumklettern abgeschlagen auf den hinteren Rängen landen. Es wird erst dann Erfolg haben, wenn es seine Identität als Kaninchen erkennt und dann zum Beispiel bei der Disziplin „Haken schlagen“ oder „Vermehrung“ antritt. Was du im Leben tust und womit du Erfolg hast, steht in direkter Abhängigkeit zu dem, wer du bist. Unser „Was“ wird bestimmt durch das „Wer“ – bzw. bereits durch die Vorstellung von unserem „Wer“. Deshalb ist es so wichtig herauszufinden, was genau dieses „Wer“ beinhaltet.
Vielleicht fragst du dich immer wieder: „Was soll ich tun?“ „Was kann ich gut?“ Dabei ist die Frage, die dich automatisch in die richtige Richtung führt, weder das Was noch das Wohin, noch nicht einmal das Warum, sondern einzig und allein das Wer! Wer bin ich – und wer ist er in mir? Weil du entdeckst, wer dich geschaffen hat und als was er dich geschaffen hat, ergibt sich auch, wozu du geschaffen wurdest.
Das Finden und Leben deiner Berufung setzt das Entdecken der eigenen Identität voraus. Mich macht das Wort „Berufung“ allerdings latent nervös. Gerade junge Menschen suchen manchmal verzweifelt jahrelang nach der Berufung, ohne zu realisieren, dass Menschen in der Bibel oft überhaupt keine Freude an ihren Berufungen hatten. Mose wehrte sich vergeblich gegen seine, Jona versuchte gar, ihr zu entkommen.
Das Wort „Berufung“ führt manchmal auf eine falsche Spur, da man damit die eine Lebensaufgabe verbindet – und wenn man sie nicht findet, lebt man an seinem Lebenssinn vorbei. Viele Menschen sind regelrecht blockiert und wissen nicht, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen, weil sie auf irgendetwas Bestimmtes warten. Leben ist das, was geschieht, während du auf deine Berufung wartest – und anstatt einer wuchtigen Berufung bräuchten einige wohl eher einen kräftigen Tritt, damit sich etwas bewegt.

Jenseits der Mauer der Scham

Es geht viel weniger um die große Berufung und die Frage, ob ich am richtigen Platz bin, sondern darum, überall da, wo ich bin, aus meiner wahren Identität heraus zu leben und dort mein Charisma wummern zu lassen. Die große Herausforderung dabei ist, dass viele Menschen gar nicht wissen, was dieses Charisma ist, das ihnen Gott gegeben hat. Was ihre Identität ausmacht. Charisma kommt vom griechischen Wort chárisma und bedeute Gnadengabe.
Eine von Gott geschenkte, besondere Gabe. Du kannst dich fragen: Was macht mich lebendig, womit verliere ich keine Energie? Und was macht Menschen um mich herum lebendig, wenn ich es tue? Dann bist du deinem Charisma auf der Spur.
Es ist latent anstrengend, einem bestimmten Bild entsprechen zu wollen oder zu müssen. Aber nicht nur das ist energieverschleißend, sondern bereits, man selbst sein zu wollen. Es gibt Zeitungsberichte von 1918, die die nicht vollständig bestätigte Geschichte erzählen, dass Charlie Chaplin auf einem Jahrmarkt in den USA an einem Charlie Chaplin-Imitations-Wettbewerb teilnahm. Beim Wettbewerb ging es darum, wer am besten den berühmten Charlie Chaplin-Gang imitieren konnte. Ich habe mir als Kind diese witzig ruckligen Filme von ihm angeschaut, um sie im Anschluss mit einem Regenschirm bewaffnet in meinem Zimmer nachzuspielen. Chaplin konnte die Jury erstaunlicherweise nicht wirklich von sich selbst überzeugen. Jedenfalls landete er schließlich nur auf dem zwanzigsten Rang!
Bestimmt hätte ich mich mit meiner Imitation aus meiner Kindheit problemlos vor ihm eingereiht.
Aber genau das ist es: Wenn wir versuchen, „uns“ zu spielen, ist selbst das anstrengend und zum Scheitern verurteilt. Das Einzige, was reibungslos funktioniert, ist, aufzuhören, irgendetwas darstellen zu wollen, und Christus in uns leben zu lassen. Das, was wirklich lebendig macht – dich und die Menschen um dich herum – fließt aus diesem Christus in deinem Inneren heraus!

Neuland als angstfreie Zone

Das Resultat einer geklärten Identität ist ein Leben ohne Reibungsverluste. Ganz viele unserer Ängste, unsere wahre Identität zu leben, sind an unsere Scham gekoppelt. Sie ist der Grund, warum wir uns verstecken, und verhindert, dass wir uns zu anderen zugehörig fühlen. Scham kann auch von der Leiterschaft einer Organisation oder Kirche missbraucht werden, um Macht auszuüben. Wer sich schämt, leidet nicht unter dem, was er tut (dabei handelt es sich um Schuld), sondern unter dem, was er ist. Und Scham führt uns in Blockaden und Ängste hinein, die verhindern, dass wir erlöste Beziehungen leben. Wenn wir also über Neuland als angstfreie Zone sprechen, dann müssen wir unbedingt auch über schamfreie Zonen reden. Wenn wir unsere Identität finden, dann gibt uns das eine starke Verwurzelung. Dies hilft, dass wir uns voreinander öffnen können und Verletzlichkeit zulassen. Das beste Gegenmittel gegen eine schambehaftete Kultur ist eine geklärte Identität in Christus. Wer seine Kindschaft verstanden hat, braucht sich für seine Unfertigkeit nicht mehr zu schämen. Würde ist der beste Scham-Killer.
Lass nicht zu, dass du unter einer schweren, stickigen Decke der Scham dein Leben dahinlebst. Klär deine Identität mit Jesus.

Aus: Neuländisch. In die Weite glauben. SCM Hänssler Holzgerlingen 2018, S. 113-116