Ein Senfkorn in Gotha-West – Einblicke in die Arbeit der Senfkorn-Stadtteilmission.

Ein Senfkorn in Gotha-West

Fünf Jahre Leben im Quartier

Auf dem Fußweg zum Senfkorn-Laden durch die Wohnblocks von Gotha-West höre ich jemanden meinen Namen rufen. Mekdis kommt auf mich zu mit ihrer kleinen Tochter. Ihr schönes dunkles Gesicht strahlt. Mutter und Kind sind auf dem Weg zur MALzeit, der Malwerkstatt, die Christiane und Michael jeden Dienstag für die Kinder des Quartiers anbieten. Wir haben also denselben Weg.

Außerdem kenne ich Mekdis aus dem Deutschkurs für Migrantinnen. Freude regt sich in mir, denn nach fünf Jahren in diesem Stadtviertel sind uns zuvor unbekannte Menschen so vertraut geworden.

Viele haben uns zu sich nach Hause eingeladen. Wir durften sie nicht nur kennenlernen, sondern sind mit ihnen zusammengewachsen als kleine Gemeinschaft von „Senfkörnern“ genau hier und in genau dieser Zeit, die uns gegeben war. Jesus hat uns zusammengeführt, davon sind wir überzeugt. So verstehen wir dieses unglaublich herrliche spannende Leben in der Gefolgschaft von Jesus, der nicht aufhört, Menschen zu suchen und zu finden.
Am Anfang stand der Ruf von Christiane und Michael Weinmann an unsere OJC-Kommunität. Sie hatten 2015 im Auftrag des evangelischen Kirchenkreises die senfkorn.STADTteilMISSION gegründet.

Sie schrieben 2020: „Wir haben uns hineinsäen lassen in diese Beton-Plattenbau-Welt in der Erwartung, dass Gott schon hier ist, dass sein Reich auch leuchtet, wo es nicht so hübsch ist. Ein paar Blättchen sind gewachsen, ein Baum ist es noch nicht, aber nun gilt es, dieses Gewächs zu schützen, zu umgeben mit Glauben, Leben und Dienen – und das in Gemeinschaft. Deshalb fragen wir die OJC: Seid ihr bereit, uns Menschen an die Seite zu geben, die mit uns dieses Senfkorn hüten, es beim Wachsen unterstützen und begleiten?“

Im Juli 2021 begann das Team-Abenteuer zu viert. Dankbar erfuhren Frank und ich beim Zuhören und Kennenlernen der Menschen im Quartier, wie viel Vorschussvertrauen uns entgegengebracht wurde, nur weil wir zu Christiane und Michael gehörten.

Gemeinsam haben wir ausgelotet, wie wir uns den Themen in Gotha-West (als Brennglas für die gesellschaftliche Situation in Deutschland) zuwenden können: Welche Hoffnung haben wir in Jesus für Trennung, Hass, Einsamkeit, Abstumpfung? Wie kann das Miteinander der Einheimischen und der Mehrheimischen gelingen? Wo begegnen uns Schmerzen der deutsch-deutschen Wunde? Wie kann die Sehnsucht nach Gott geweckt werden, den sehr viele zunächst für irrelevant halten?

Wir vier wurden durch geteiltes Leben viel mehr als eine Arbeitsgemeinschaft. An Gottes Herz haben wir immer und immer wieder alles gelegt, was wir nicht selbst lösen konnten, vor allem die vielen unterschiedlichen Menschen. Wir durften in zunehmender Freiheit zusammenlegen, was jede und jeder von uns mitgebracht hatte. Verstärkt wurden wir für drei Jahre durch Deborah und Dominik Giek und ihre Kinder. Sorgfältig schauten wir auf die Entwicklungen in unserer Initiative „senfkorn.“, die uns immer wieder herausforderten. Was machen wir, wenn jemand betrunken kommt? Wie moderieren wir Konflikte unter denen, die in der Küche mithelfen? Wie schützen wir die Kinder vor Störungen durch aufgebrachte Erwachsene? Wie gehen wir um mit Geschwätz und Mobbing unter den Frühstücksgästen? Wie behalten wir im Fokus, dass wir eine internationale Gemeinschaft mit unterschiedlichen Reinheits- und Essensgewohnheiten sind?

Leichtfüßig, manchmal verwegen planten wir kreative mehrtägige Aktionen rund um Ostern oder im Advent. Entwickelten geeignete Formen für Gespräche rund um die Bibel, für „senfkorn.Tage“, für offene Zeiten im Laden. Reflektierten, horchten jede Woche gemeinsam auf das, was Gottes Geist uns sagen wollte. Erlebten Grenzen und Rückschläge, zugleich Wachstum und Segen.

Eigentlich für drei Jahre von unserer Kommunität „ausgeliehen“, bekamen wir erst nach vier Jahren in den Blick, dass Ende Oktober 2026 Michael Weinmann als Pfarrer in den Ruhestand verabschiedet – und wir Pauls nach Reichelsheim zurückgehen würden. Also stellten wir uns dieser nächsten Herausforderung:
Wie gestalten wir die verbleibende gemeinsame Zeit? Dabei wurden uns zwei Perspektiven besonders wichtig:

_1. In Gotha sorgt der evangelische Kirchenkreis mit einer Diakonenstelle dafür, dass die senfkorn.STADTteilMISSION weitergeführt werden kann. Voller Hoffnung erwarten wir Gottes Leitung für eine geeignete Person, die wieder ein kleines Team aufbauen wird. Seit einigen Wochen bereiten wir die „Senfkörner“ auf die Veränderungen vor. Mit Gesprächen, Besuchen, einer „Zukunftswerkstatt“, passenden biblischen Geschichten möchten wir das Vertrauen in die neue Phase der Initiative, vor allem aber in Gott selbst stärken. Für uns vier ist Loslassen und Platz machen dran – und Gott loben für seine Güte und Treue.

2. Es passt zentral zum Auftrag unserer OJC-Kommunität – und auch zur Lebensphase Ü60 von uns Pauls – dass wir der nächsten Generation von engagierten Christen als Begleitpersonen zur Verfügung stehen. In den letzten Jahren sind viele Beziehungen zu anderen Teams in Stadtvierteln deutschlandweit entstanden und haben Erfahrungsaustausch, Lernprozesse und Vernetzung vertieft. Dieses Forum wird seit März durch eine Website (s. u.) sichtbar. Als OJC werden wir diese dynamische missionarische Bewegung in Deutschland engagiert begleiten und fördern.

Herzlich danken wir allen, die die Mitarbeit in Gotha in den vergangenen fünf Jahren ermöglicht und begleitet haben. Lasst uns weiterhin hoffen und handeln, weil Gottes Reich einem Senfkorn gleicht. Wenn es wächst, wird es größer als die anderen Sträucher. Die Vögel kommen und bauen ihr Nest in seinen Zweigen.

Gründonnerstag 2026, später Nachmittag, vor uns liegt ein neues Abenteuer: Sederfeier mit unseren Freunden aus Gotha-West und Gemeindegliedern aus der Versöhnungsgemeinde. Wer wird kommen? Wie viele? Schon von weitem ist es zu riechen: Lammfleischduft mit viel Knoblauch und Rosmarin – und als wir die Türe zum Gemeindehaus öffnen, sind wir ganz eingehüllt in diese verheißungsvolle Duftwolke. Die Tische sind festlich gedeckt. Ute und Frank waren die vergangenen Tage – während wir in der Schule waren - mit etlichen Menschen aus der Bibelentdeckergruppe emsig dabei, alles vorzubereiten. Da gab es viel zu planen, nachzufragen, zu kochen, herzurichten. Jetzt ist einfach alles bereit – und wir dürfen uns an den gedeckten Tisch setzen, die Menschen begrüßen – sie einladen, dem Geheimnis der Gegenwart Gottes nachzuspüren. Michael und ich schauen uns an: „Nein, das hätten wir zu zweit nie geschafft.“ Und wieder einmal sind wir dankbar für die vergangenen fünf Jahre als Team beim senfkorn.
Christiane Weinmann

Christenimstadtviertel
senfkorn.STADTteilMISSION