Fokussieren!
Üben, üben, üben
Nicolas Taraud schloss ein Studium zum Luft- und Raumfahrtingenieur in Toulouse ab, bevor er sich voll und ganz dem Zirkus verschrieb. Er lebt mit seiner Familie in Reichelsheim/Odw.
Wenn ich eine Seiltanzshow gebe, muss ich auf Knopfdruck meine Leistung abrufen. Das ist der Moment, auf den die Zuschauer warten, einen anderen gibt es nicht. Damit die Show funktioniert, braucht es drei Voraussetzungen:
Ich muss üben, üben, üben. Disziplin ist das unpopuläre Stichwort. Man kann seine Tricks nicht so mal ein bisschen können. Man muss viel mehr können, um dann bei der Show zu bestehen. Und das heißt wiederholen. Einen Trick, den ich auf der Bühne vorführe, muss ich beim Training mindestens zehnmal hintereinander fehlerlos absolviert haben. Es braucht Routinen, bei den täglichen Übungen genauso wie beim Aufbau. Die Abläufe müssen sitzen.
Ich muss spüren, wie das Publikum reagiert. Zur Show gehört auch die Interaktion mit dem Publikum. Ein Teil von mir führt das Kunststück vor und ein Teil beobachtet die Zuschauer, um den richtigen Moment nicht zu verpassen.
Ich muss fokussieren. Ich suche mir einen Punkt hinter der Zuschauermenge, das ist mein Ankerpunkt, auf den ich fixiert bleibe. Verliere ich ihn, verliere ich auch ganz schnell das Gleichgewicht, die Gefahr, dass ich mich verletze, ist dann ziemlich groß. Ich trainiere gezielt die Fähigkeit, meinen Körper im Raum wahrzunehmen, wo er ist, was er macht. Und auf der emotionalen Ebene muss ich Dinge, die mich vielleicht belasten, weil ich müde bin, weil ich schlechte Nachrichten hatte, abschalten. Ich packe sie in eine Kiste und sperre die zu, denn jetzt ist die Show dran.
Ne! Oder?
Conny Buß und ihr Mann Uwe gehören zu den Weg-Gefährten der OJC.
„Jesusgebet? Eine halbe Stunde einfach sitzen? Ne! Oder?“ 13 Jahre später kann ich mir ein Leben ohne diese Praxis nicht mehr vorstellen. Das Jesusgebet – oder Ruhegebet – hat sich schon früh im östlichen Mönchtum entwickelt. Es geht dabei nicht um ein „Gespräch mit Gott“ (so kannte ich Gebet), sondern nur um diesen einen Satz: „Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ Die Ausrichtung und der Fokus des Jesusgebets gilt gänzlich dem Verweilen in der Gegenwart Gottes. Dabei sind eine aufrechte Haltung und ein bewusstes Wahrnehmen des Atems eine hilfreiche Unterstützung. Man ist eingeladen, ablenkende Gedanken und Gefühle wie Wolken weiterziehen zu lassen. Gott ist da und ich bin da, und das genügt. Dieses Vertrauen einzuüben ist Sinn und Zweck des Jesusgebets.
Um diese Gebetsart einzuüben, braucht es gute Anleitung und Begleitung. Neben der Teilnahme an Exerzitien in verschiedenen Klöstern und Tagungshäusern ist mir das praxisorientierte Buch von Franz Jalics „Kontemplative Exerzitien“ eine große Hilfe.
Christus im Fokus – Vertrauen einüben. Das lerne ich.
Rosinas Ja
Rosina Schwarz war in der Jahresmannschaft 2020/21, studiert in Heidelberg Sonderpädagogik und trägt inzwischen stolz den Nachnamen Wolfsberger.
Noch 12 Tage bis zur Hochzeit. In all dem Vorbereitungstrubel frag ich mich ab und zu, was ich da eigentlich tue. Ich entscheide mich für einen Menschen, und ich gebe ein Versprechen für mein restliches Leben. Es gibt wenige Entscheidungen, die man so lebenswirksam trifft. Und so öffentlich. Nicht, dass ich Zweifel hätte, es fühlt sich genau richtig an und mir fällt auch nichts ein, was dagegen spricht. Aber was weiß ich schon über Ehe und was weiß ich über lebenslang? Ich merke ständig, dass ich auch zu der Ich-will-mich-nicht-festlegen-Generation gehöre, aber das ist hier gar nicht das Problem – im Gegenteil, ich habe große Lust, mich festzulegen, mich für Silas zu entscheiden. Ich kann mir nur gerade mal ausmalen, was diese Entscheidung für das nächste Jahr oder vielleicht die nächsten fünf Jahre bedeutet. Aber an der wirklichen Tragweite dieses Jas scheitert meine Vernunft und meine Erfahrung.
Ich weiß nicht, was ich tue, ich weiß nicht, was kommt, und ich kann diese Entscheidung trotzdem entschlossen und fröhlich treffen. Nicht, weil ich so viel Vertrauen in meine Beziehungsfähigkeit habe, nicht, weil Silas der perfekte Mann ist, und nicht, weil ich glaube, dass es einfach ist, jemanden zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod uns scheidet. Sondern, weil die Ehe Gottes Erfindung ist. Gott hat mir keine Antwort gegeben, als ich ihn vor über einem Jahr einmal gefragt habe, ob er denn will, dass ich Silas heirate. Ihm zur Ehre soll mein Leben sein, das kann mit und ohne Silas gehen. Es bleibt wohl meine Entscheidung, mein Ja und meine Verantwortung.
Und trotzdem habe ich die Zusage: was er zusammengefügt hat, das wird er zusammenhalten. Das ist es, was mich letztlich überzeugt, dass das Projekt Ehe erfolgreich sein kann. Es ist seine Idee, das mit der Treue und dem „Eins-Werden“ und dem „Nicht-Scheiden“. Ich kann mit meinen 24 Jahren ja doch nichts anderes tun als darauf zu hoffen, dass das, was Gott hält, hält.
Heute mal nicht
Carolin Schneider (OJC) lebt und arbeitet im Haus der Hoffnung in Greifswald und gehört zur Hoffen-Redaktion.
Ich lebe im wunderschönen Greifswald. Bei uns gehen viele Menschen ein und aus. Ich liebe es, Räume für Gäste herzurichten und sie willkommen zu heißen. Gastfreundschaft ist ein hoher Wert in unserem Leben. Wir sagen gern: „Wir teilen unser Leben.“ Aber mit wem teilen wir es? Und gilt das zu jeder Zeit? Kann es nicht auch zu einer Überforderung werden?
In einem der vergangenen Sommer fiel es mir zunehmend schwer, fremden Menschen einen Platz an unserem Tisch anzubieten. An einem Sonntagnachmittag hatte ich es mir gerade mit meinem Mann unter dem schattigen Apfelbaum in unserem Garten gemütlich gemacht: Kaffee und Kuchen, ein gutes Buch – herrlich! Da bemerkte ich aus dem Augenwinkel einen Gast, der auf uns zukam. Er machte gerade Urlaub bei uns im Haus. Ich holte tief Luft. Nein. Ich wollte jetzt niemanden willkommen heißen. Schon hörte ich seine Stimme: „Ach, das passt ja gut. Ist bei euch noch ein Plätzchen frei?“ Natürlich war noch ein Plätzchen frei. Um den Tisch standen mehrere leere Stühle, und wir sind ja gastfreundlich. Doch noch bevor mein Mann antworten konnte, sagte ich, so freundlich, wie es mir möglich war: „Nein, heute leider nicht. Wir würden jetzt sehr gerne zu zweit hier sitzen und die Ruhe dieses Nachmittags genießen.“ Der Gast zog weiter. Zurück blieb ich – mit einem schlechten Gewissen. Hatte ich gerade einen unserer Werte verraten? Wir sind doch offen für Gäste. Lange habe ich über diesen Moment nachgedacht. Hätte ich anders reagieren können? Sicher. Und doch bin ich im Nachhinein dankbar für dieses klare Nein. Es hat mir geholfen, meine Werte und Ideale zu hinterfragen, meine eigenen Grenzen wahrzunehmen und mir darüber bewusst zu bleiben, was ich leben will. Beim Abschied sagte der Gast zu meinem Mann: „Ich habe bei euch gelernt, dass man auch Grenzen setzen kann.“
Ein Königreich für ein Pferd
Jairah Akpa lebt mit ihren Eltern, ihrer Schwester und acht Waisenkindern in der Nähe von Jos in Nigeria.
Solange ich mich erinnern kann, war ein Pferd mein allergrößter Wunsch, und ich habe es meiner Mutter bestimmt einige hundert Male gesagt. Zum Geburtstag oder zu Weihnachten habe ich sehr schöne Geschenke bekommen, aber am Ende habe ich immer wieder gesagt: „Ich will aber eigentlich ein Pferd!“
Irgendwann wurde es meiner Mutter zu viel. Ich war damals sieben Jahre alt. Sie sah mich streng an und sagte: „Von jetzt an will ich, dass du nur noch mit Jesus über das Pferd redest, nie wieder mit mir!“
Seit ich denken kann, haben wir mit Jesus gelebt und oft mit ihm geredet. Deshalb war das für mich nicht schwierig. Ich war nur noch nie auf die Idee gekommen, ihn darum zu bitten. Jetzt sagte ich zu ihm: „Jesus, kannst du mir bitte ein Pferd schenken?“
Ungefähr drei Monate später bekam meine Mutter einen Anruf von einem Tierarzt. Er erzählte ihr, dass er ein Pferd gesehen hätte, gar nicht weit weg von uns, das dringend ein neues Zuhause brauche.
Du kannst dir vorstellen, wie aufgeregt ich war. Mein Vater, meine Mutter und ich sind sofort zu diesem Ort gefahren. Dort stand die Stute, sie hieß Rose. Sie war braun und hatte ganz lange weiße „Socken“ und eine weiße Blesse.
Oh, die Vorstellung, dass sie mein Pferd sein würde! Unbeschreiblich. Meine Eltern waren auch sehr erstaunt und berührt, dass Jesus so schnell geantwortet hatte. Sie wussten nicht, ob das Pferd verkauft oder verschenkt werden sollte, und trauten sich fast nicht, danach zu fragen. Aber die Leute waren einfach nur froh, dass Rose ein neues Zuhause haben würde und wollten gar kein Geld für sie.
Auszug aus: Ein Pferd für Jairah, Fontis-Verlag, Basel 2026