Nachts ruft das Leben an – Ein iPhone auf einem Tisch liegend

Nachts ruft das Leben an

Du bist frei, dranzugehen

Eigentlich hätte mich dieser Anruf niemals erreichen können. Als ich um 23:30 Uhr in einem dunklen Büro abhob, wurde das der Beginn eines Gesprächs über Leben, Vergebung und Tod – und eine Begegnung mit einer zeitlosen Weisheit Viktor E. Frankls.

Es war spät, halb zwölf Uhr nachts. Ich kam gerade von einer mehrstündigen Zugfahrt zurück, die Glieder waren müde, der Kopf schwer. Eigentlich wollte ich nur noch schnell im Büro nach etwas suchen und dann sofort nach Hause. Jedoch kaum angelangt, klingelte das zentrale Telefon im Nebenraum.

Ein Reflex ließ mich innehalten. „Um diese Uhrzeit? Das muss dringend sein“, dachte ich. Aber zugleich regte sich Widerstand: Es war nicht mein Telefon. Es war nicht meine Arbeitszeit. Ich hatte schlichtweg keine Lust auf eine nächtliche Verwicklung. Wen lache ich mir mit diesem Telefonat an? Was will jemand zu dieser Stunde von uns? In was verstricke ich mich da gerade? Diese Fragen schossen mir im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf.

Doch noch bevor ich den Raum verlassen konnte, wurde mein Zögern von einem Gedanken unterbrochen, der mich schon lange begleitet. Es war ein Echo von Viktor E. Frankl: „Nicht wir sind die Fragenden, sondern die Befragten. Hier klopft das Leben bei mir an – und meine Antwort ist gefragt.“ Ich hob ab.

Das Telefonat: Eine Frage von Leben und Tod

Es entwickelte sich ein einstündiges Gespräch, das mir noch lange nachgehen sollte. Ein verzweifelter Mann war am Apparat. Er erzählte, eine KI habe ihm unsere Telefonnummer im „Haus der Hoffnung“ in Greifswald vorgeschlagen. Die Kernfrage, um die wir eine Stunde lang kreisten, war so nackt wie erschütternd: Warum lebe ich überhaupt noch?
Er wisse es nicht, sagte er. Eigentlich müsse er längst tot sein – bei all den Dingen, die er in seinem Leben schon angestellt hatte und die ihm widerfahren waren. Er suchte keinen Ratgeber, er suchte einen Grund. Warum noch leben?
Dieser junge Mann ist für mich ein Spiegelbild für eine Not, die oft unter der Oberfläche unserer Wohlstandsgesellschaft schwelt. Auch wenn sich die Mehrheit der Menschen diese Frage nicht in solch radikaler Zuspitzung stellt, so bleibt sie doch die Ur-Frage unserer Existenz: Wie sollen wir leben? Wie einen Fokus finden?
Ich mache keinen Hehl daraus: Ich bin ein absoluter und überzeugter Fan von Viktor E. Frankl, dem Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse.
Seine Theorie ist keine akademische Elfenbeinturmphilosophie; sie ist durch seine eigene Lebensgeschichte – das Überleben in vier Konzentrationslagern – und die Praxis unzähliger Menschen nach ihm beglaubigt. Für Frankl bedeutet fokussiert leben vor allem eines: sinnvoll leben. Wo der Sinn abhandenkommt, erkrankt der Mensch. Dem Mann am Telefon fehlte im Leben eben dieser Sinn.

Freiheit wozu? Der radikale Fokus

Frankl unterscheidet zwischen einer „Freiheit von“ und einer „Freiheit zu“1. Erstere betont die Abwesenheit von negativen Dingen: frei sein von Zwängen, von Leid, von anstrengenden Umständen. Wir wollen sie wegwünschen, wegbeten oder wegzaubern. Doch Frankl lehrt uns die „Freiheit zu“. Das meint ein inneres Ja zu den Umständen – egal wie schwierig sie sind. Es bedeutet, in den Umständen eine Freiheit zu erleben, die uns niemand nehmen kann. Ein berühmtes Zitat, das Frankl zugeschrieben wird, beschreibt diesen Wachstumsraum der menschlichen Existenz:
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“
Frankl ging es immer um die größere Freiheit – trotz oder gerade in beengten, bedrohlichen Umständen. Das Schicksal soll für uns keine Falle sein, in der wir in den Abgrund rutschen, sondern ein Trittbrett, um über uns hinauszuwachsen. Er zitierte oft Friedrich Nietzsche: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Frankl hat dies nicht nur gelehrt, er hat es gelebt. Ein starker Sinn (das Warum) ist in der Lage, extreme Schwierigkeiten (das Wie) zu überwinden. Diesen Gedanken hatte er schon vor seiner KZ-Erfahrung – doch bewähren musste er sich in Auschwitz. Er berichtete später eindrücklich, dass nicht die körperlich Starken die größten Überlebenschancen hatten, sondern jene, die auf einen Sinn ausgerichtet waren, der in der Zukunft auf sie wartete2. Sinn ist die stärkste Überlebenshilfe für den Menschen.

Drei Stufen zur Sinnerfüllung

In keinem seiner Bücher fehlen die drei Stufen oder Werte, durch die ein Mensch Sinn verwirklichen kann. Das Tröstliche daran: Sinn ist in jeder Lebenslage möglich, egal wie leicht oder schwer sie gerade sein mag. Dort, wo er fehlt, kann er aus eigener Erkenntnis oder mithilfe eines Mentors, Seelsorgers oder Therapeuten wiederentdeckt werden.

1. Schöpferische Werte

Dies ist der Bereich, in dem wir aktiv gestalten. Erkenne ich in dem, was ich tue, arbeite und bewirke, einen Sinn? Hat mein Beruf, mein Engagement in der Gemeinde oder im Verein Sinn? Wenn nicht, gilt es, ihn neu zu entdecken oder das Feld zu wechseln. Viele Menschen erleben ihre Arbeit heute als sinnloses Räderwerk, das sie nur bedienen, weil andere es von ihnen erwarten. Hier beginnt die Entfremdung.

2. Erlebniswerte

Manchmal können wir nichts mehr aktiv tun – aber wir können aktiv erleben. Es gibt eine tiefe Sinnerfüllung im Erleben von Schönheit, Natur, Kunst oder menschlicher Begegnung. Frankl berichtet von Patienten, die körperlich am Ende waren, aber im Betrachten eines Sonnenuntergangs oder in einem tiefen Gespräch, das anderen helfen konnte, einen unerschütterlichen Sinn fanden.
Ich erinnere mich gut, als meine Tochter im Greifswalder Dom Orgel spielte. Während ich den Klängen lauschte, überkam mich eine Dankbarkeit, die so tief war, dass mir der Gedanke kam, dass ich jetzt auch einfach sterben könnte. „Ich habe alles.“ Das war Sinnverwirklichung ohne eigenes Zutun, allein durch das Zulassen eines kostbaren Augenblicks.

3. Einstellungswerte

Die höchste und zugleich schwerste Stufe der Sinnverwirklichung nach Frankl ist die der Einstellungswerte. Diese Möglichkeit der Sinnerfüllung tritt genau dann auf den Plan, wenn das Leben uns scheinbar in die Enge getrieben hat – wenn wir weder durch schöpferisches Handeln noch durch beglückendes Erleben etwas an unserer Situation ändern können. Es ist die Situation des „ausgelieferten“ Menschen: sei es durch eine unheilbare Krankheit, den Verlust eines geliebten Menschen oder ein anderes tiefes Leid.

An diesem Punkt wird Frankl radikal. Er sagt: Wenn wir nicht mehr die Macht haben, eine Situation zu ändern, sind wir herausgefordert, uns selbst zu ändern. Hier unterscheidet Frankl zwischen der „Schicksalsmacht“ und der „Gestaltungsmacht“. Die Schicksalsmacht ist das, was uns widerfährt – das, was wir nicht gewählt haben und oft auch nicht ändern können. Die Gestaltungsmacht hingegen ist unsere Antwort darauf. Frankls Überzeugung war: „Menschsein bedeutet nicht nur Anders-sein, sondern auch Anders-können.“3 Der Mensch ist nicht das bloße Produkt seiner Anlagen oder seiner Umwelt, sondern ein Wesen, das in jedem Augenblick entscheidet, wer es im nächsten Augenblick sein will.

Ein Mensch, der die Freiheit der Einstellung wählt, weigert sich, ein bloßes „Opfer der Umstände“ zu sein. Das ist kein billiges positives Denken, das den Schmerz leugnet. Im Gegenteil: Es ist die Anerkennung des Leids, gepaart mit dem Entschluss, dem Leid einen Sinn abzuringen. Frankl nannte dies die „Trotzmacht des Geistes“. Selbst wenn das Leben immer kleiner und eingeschränkter wird, bleibt dieser letzte innere Raum der Entscheidung unangetastet.

Indem ich meine Haltung zu einer ausweglosen Situation ändere, verwandelt sich die Situation für mich. Die äußeren Gegebenheiten bleiben gleich, die Krankheit heilt nicht, der finanzielle Engpass bleibt bestehen, aber meine Beziehung zu diesen Umständen wandelt sich. Aus einer lähmenden Falle wird ein Trittbrett. Diese innere Freiheit ist es, die es dem Menschen ermöglicht, über sich selbst hinauszuwachsen. Sie bewirkt jenen Wachstumsschritt, der ohne das vorangegangene Leid vielleicht niemals geschehen wäre.

Der Mensch ist mehr als sein Schicksal

Hier unterscheidet sich Frankl radikal von anderen Größen der Psychologie seiner Zeit wie Sigmund Freud (Psychoanalyse) oder Alfred Adler (Individualpsychologie). Keiner thematisiert so sehr den konstruktiven und nach vorne ausgerichteten – fokussierten – Umgang mit Leid und Schicksalsschlägen wie Frankl. Wer sich eines Sinns bewusst ist, ist bereitwilliger, „zu leiden, Opfer zu bringen und Spannungen oder Stress zu ertragen – ohne dass seine Gesundheit darunter leidet“4.

Selbstwirksamkeit entsteht bei Frankl nicht durch bloßes Machen, sondern durch das Antworten und Verantworten. Das Leben stellt uns die Fragen, und wir sind es, die durch unser Handeln und unsere Haltung antworten müssen. Oder in Frankls Worten: „Es kommt nie und nimmer darauf an, was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet.”5

Ein Zeugnis der Freiheit

Viktor Frankl war Jude und erlebte in den Konzentrationslagern Ungeheuerliches. Über seinen Glauben sprach er selten und vielleicht nicht so, wie es sich mancher gewünscht hätte. Doch eben dort, wo er es tut, blitzen tiefe Gotteserfahrungen auf. Auf die Frage, ob er im KZ gebetet hätte, antwortete er fast lapidar: „Ich kann nur gegenfragen: wo nicht?“ Angesichts von Gaskammern und Stacheldraht entwickelte er offenbar eine außergewöhnlich tiefe Art zu beten.6

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Für mich hat Frankl das Pauluswort aus Galater 5,1 in einer psychologischen und biografischen Tiefe ausgelegt, die ihresgleichen sucht. Er hat damit den Sinn des Leidens Christi auf eine Weise beleuchtet, die zeigt: Das Kreuz, das die Welt als absolute Sinnlosigkeit verhöhnt, birgt den tiefsten Sinn Gottes. Es geht um die Erlösung des Menschen von seiner Schuld. Frankl ist nicht nur ein intellektueller Ratgeber. Er ist ein Wegweiser in der Kunst, anderen Menschen beizustehen, und in der Dunkelheit der Welt das Licht der Verantwortung und des Sinns zu suchen.

Zurück zum jungen Mann am Telefon

Was konnte ich ihm am Ende dieser Stunde zusprechen? Wir konnten uns – trotz seiner inneren Widerstände – auf einen Gedanken einigen: „Du lebst, weil Gott es wollte. Du lebst, weil ER ein Ja zu deinem Leben hat.“
Da schoss es aus ihm heraus: „Meine Schuld kann mir keiner vergeben.“ Wir sprachen über Vergebung und ich bot ihm an, dass wir uns nochmals telefonisch in Verbindung setzen. Zuletzt gab ich ihm noch die Frage mit: „Dein Leben ist dir geschenkt worden. Wie willst du auf dieses Ja Gottes antworten? Was will das Leben gerade jetzt von dir?“

Wir beendeten das Gespräch in der gegenseitigen Überzeugung: Dieses Telefonat war kein Zufall. Es war geführt. Es gab einen Grund, warum wir einander in dieser späten Stunde begegnet sind.


  1. Viktor E. Frankl: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1997, S. 45 

  2. Viktor E. Frankl: Sinn, Freiheit und Verantwortung. Beltz Verlag Weinheim, 1. Auflage 2023, S. 50 

  3. Viktor E. Frankl: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. S. o., S. 122 

  4. Viktor E. Frankl: Sinn, Freiheit und Verantwortung. S. o., S. 52 

  5. Elisabeth Lukas (Hg): Mensch sein heißt Sinn finden. Hundert Worte von Viktor E. Frankl. Verlag Neue Stadt München, Zürich, Wien. 4. Auflage 2009, S. 16 

  6. Viktor E. Frankl /Pinchas Lapide: Gottsuche und Sinnfrage. Ein Gespräch. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh. 3. Auflage 2007, 128f