Liebe Freunde!
Wie schön diese Anrede auf der ersten Seite einer Ausgabe zum Thema Feindesliebe klingt! Da höre ich mit: Augenhöhe. Vertrauen. Wegbegleiter. Einander gut sein. Ich kenne die wenigsten von euch. Trotzdem darf ich euch so nennen: Freunde. Weil ich weiß, dass ihr der OJC verbunden seid, dass ihr uns Interesse entgegenbringt und dieses Heft in Händen haltet, um mehr zu erfahren vom Auftrag der OJC. Und wenn dann Zustimmung kommt, freue ich mich. Selbst wenn es Kritik hagelt, stellt das nicht diese Anrede in Frage. Denn Freunde dürfen das: mich oder einzelne Autoren der OJC kritisieren. Das macht uns nicht zu Feinden.
In den sozialen Netzwerken wird die Einteilung zwischen Freund und Feind ja schnell vollzogen. Es reichen einzelne Schlagworte oder ein Selfie mit der „falschen“ Person – ich bin erkannt, schlimmer noch erwischt. In die Schublade gesteckt. Eingemauert in Zuschreibungen. Das verleiht scheinbar Sicherheit: Dich kenn ich, Freundchen! Die Falle ist, dass Zuschreibungen wie Mauern sind. Der einzige Weg heraus, zum Anderen hin, ist die mutige Tat. Eine Mauer muss ich mit eigenen Händen niederreißen oder mit meinen Füßen überspringen. Mit meinen Lippen demolieren, mit einem Segenswort entmachten. Wenn Jesus also sagt: Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen – dann meint er genau das. Macht es anders, Freunde! Selbst wenn ihr am liebsten auf den Küchenstuhl steigen und mit dem Besen an die Decke hämmern wollt.
Womit fängt das an?
Eine Gefährtin legte mir neulich dieses Zitat von Hartmut Rosa auf den Tisch.
„Früher habe ich immer gesagt, Demokratie funktioniert nur, wenn jede und jeder eine Stimme hat, die hörbar gemacht wird. In letzter Zeit komme ich aber mehr und mehr zur Überzeugung: Es gehören auch Ohren dazu, die die anderen Stimmen hören. Und ich würde noch darüber hinausgehen und sagen, mit den Ohren braucht es auch dieses hörende Herz, das die anderen hören und ihnen antworten will.“
(aus: Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion, © 2022, Kösel-Verlag München, in der Penguin Randomhouse Verlagsgruppe GmbH)
Eine Stimme haben wir alle, Ohren auch. Wir können sie so oder anders einsetzen. Schreien oder flüstern, hören oder auf Durchzug stellen. Wichtig ist meine Entscheidung. Und da kommt das Herz ins Spiel: Die Haltung. Die Entscheidung, wie ich Ohren und Stimme einsetzen will. Ich ahne, warum Hartmut Rosa hier Demokratie und Religion zusammenbringt. Mein Herz, meine Haltung, meine Entscheidung ist wichtig für die Demokratie. Gott sagt: Ich lege euch vor Leben und Tod, Segen und Fluch, dass ihr das Leben wählt (5 Mo 30,19). In einer Welt voller Überraschungen und sich überschlagender Ereignisse spricht Gott von Wahlmöglichkeiten. Das ist ja der Inbegriff von Demokratie, dass wir die Wahl haben. Das eröffnet Handlungsspielraum.
Ganz im Sinne von Viktor Frankl: Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen. © Viktor Frankl (1905-1997)
Feind oder selig?
Je nach Wahl also …
In diesem Heft begegnen wir Menschen, die mit Jesu Worten aus der Bergpredigt einen Weg gegangen sind: So berühmten wie Dietrich Bonhoeffer, aber auch Menschen aus unserer Mitte. Ich bin sicher, auch ihr, liebe Freunde, habt Geschichten darüber zu erzählen, wie ihr „Entfeindungsliebe“ (Pinchas Lapide) erlebt habt.
Kürzlich wurde ich mit zwei gegensätzlichen Statements zum Thema Freund oder Feind konfrontiert, die mich aufhorchen ließen. Bei einem engagierten Gespräch an unserem Esstisch warf einer der Teilnehmer als einfache Verhaltensregel zum Umgang mit Andersgesinnten in die Runde: „Einfach kein A@loch sein. Ist das so schwer?“
Und in Marburg las ich folgendes Graffiti an einer Garagenwand: „Wir halten zusammen! Fight Merz!“
Trotz der groben Wortwahl tendiere ich zu Ersterem. Und ich meine, dass Jesus uns die Umsetzung der Bergpredigt nicht in Auftrag gegeben hätte, wenn es zu schwer für uns wäre. Er traut es uns zu – aufgrund seines Freundseins. Jesus ermöglicht uns, in die Weite zu denken – und weiter zu denken. Dazu laden wir euch an Himmelfahrt ein!
Wie immer erscheinen demnächst einzelne Artikel auf unserem Podcast feinhörig – absolut geeignet für lange Auto- oder Bahnfahrten, für einen Spaziergang oder schlaflose Nächte. Reinhören, abonnieren und regelmäßig inspiriert werden – das machen wir euch, liebe Freunde, zum Geschenk.
In herzlicher Freundschaft,
Gerlind Ammon-Schad, Priorin der OJC
__Reichelsheim, 12. Februar 2026