Liebe ist ein Verb
Wie liebt man seine Feinde? Eine gute Frage. Und darauf hätte ich gerne eine gute Antwort. Ein Buch mit diesem Titel fällt mir in die Hände. Der Autor ist Pinchas Lapide (1922–1997). Sollte er eine Antwort haben? Er, der mit 16 Jahren als Wiener Jude in ein Konzentrationslager verschleppt wurde, später fliehen konnte und als Soldat auf Seite der Briten gegen die Nazis kämpfte? Das liest sich eher wie die Grundsteinlegung für eine lebenslange tiefe Feindschaft zu den Deutschen. Pinchas Lapide und seine Frau Ruth entschieden sich 1974 bewusst, in Deutschland zu leben und sich der Versöhnungsarbeit zwischen Christen und Juden zu widmen. In Deutschland und weltweit. Ich war Anfang 20, als ich die beiden live erlebte, bei einem Vortragsabend an meiner Hochschule. Tief beeindruckt blieb mir das jüdische Theologenpaar im Gedächtnis.
Heute nehme ich eine Tasse Kaffee in die Hand und befrage diesen Mann jüdischen Glaubens, der uns Christen hilft, den Juden Jesus und sein Gebot der Feindesliebe zu verstehen.
__Gerlind Ammon-Schad: Wie liebt man seine Feinde, Pinchas? Das möchte ich dich fragen. Gleich am Anfang deines Buches unterscheidest du zwischen den Begriffen Bergpredigt und Berglehre und ich ahne, was du damit sagen willst.
****Pinchas Lapide: Es ist keine Wortklauberei, wenn ich mich weigere, diese Mitte der Botschaft Jesu als eine zu nichts verpflichtende „Bergpredigt“ abzutun, sondern sie in seinem Sinne zur „Berglehre“ erheben will, die das Wesentliche seiner Ethik umfasst.
__Genau, Jesus liefert keine smarten Ideen, sondern eine Anleitung, wie man leben soll. Dir ist wichtig: Bei der Feindesliebe geht es nicht um unsere Gefühle für den Feind, sondern darum, anzuerkennen, dass es Feindschaft gibt. So ist die Welt. Und dann: Was kann ich tun, um Feindschaft zu überwinden? Es geht dir immer um das Tun, tun, tun…. Du nennst es Entfeindungsliebe.
****Hier wird weder Sympathie für Feinde noch Sentimentalität gefordert und schon gar nicht eine Selbstpreisgabe an den Feind, denn weder Gefühle noch das Martyrium können befohlen werden – wohl aber „das Tun“, das häufigste Zeitwort im jesuanischen Sprachgebrauch.
__Ich finde das nicht so einfach, denn schon im Umgang mit mir selbst komme ich an meine Grenzen. Zu viele meiner Angewohnheiten sind mir „verhasst“ und ich werde mir selbst zum Feind – vielleicht kennst du das. Wie hast du das bei dir selbst gelöst?
****Es gab nur ein schmerzliches Rezept: Meine Untugenden und Schwächen zu zähmen, so gut es eben geht, und zugleich Abschied zu nehmen von dem herrlichen Wunschbild, das ich in meiner Phantasie als Selbstporträt entworfen hatte. Saure Arbeit am Ego, schrittweise Annahme des ungeschminkten Ichs und größere Toleranz den eigenen Schwächen gegenüber – dieses Dreigespann führte mich zur „Selbstentfeindung“, die es mir ermöglichte, auch meine Neider, Rivalen und Gegner, denen ich all diese und andere Sünden angelastet hatte, leichter zu ertragen und besser zu verstehen.
__Klingt nach einem guten Plan, aber auch nach einem langen Weg. Ein anderer Gedanke ist mir noch wichtig: Du sprichst bei der Aufforderung Jesu, die zweite Meile mitzugehen, davon, dass Gott eine einseitige Vorleistung bringt und dass auch im menschlichen Miteinander immer einer den ersten Schritt machen muss, um den Teufelskreis von Hass und Gegenhass zu durchbrechen. Gibt man sich damit nicht eine Blöße? Wo bleibt da meine Würde?
****Weder „Feindesliebe“ noch Machtverzicht, und schon gar nicht Selbstentblößung werden hier verlangt, sondern einzig und allein die vernünftige Förderung einer friedliebenden Aussöhnung. Versöhnung gedeiht (…) nur durch einen Vertrauensvorschuss. Den ersten Schritt zum Gegner hin sollt ihr machen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
__Mir gefällt an deinem Buch, dass du den Raum weit öffnest für alle Menschen. Durch die Umsetzung der Berglehre können alle zu Kindern Gottes werden.
****Ungleich der griechischen Gottessohnschaft, die mit der Geburt beginnt, kann man im Judentum ein Sohn Gottes werden, indem man dem Vater im Himmel Nachfolge leistet, alle Schranken der Liebe aufhebt und sogar den Feind durch Zuvorkommenheit entwaffnet, um ihn zum Freund zu machen.
__Zu Söhnen und Töchtern Gottes werden – im hellenistischen Umfeld ein atemberaubender Gedanke! Und auch der tiefere Sinn hinter dem Gebot der Feindesliebe leuchtet hier auf: Nicht um den Feind zu vernichten, sondern um aus ihm einen Freund zu machen und damit einen Bruder. Um das geht es! Du zitierst Martin Buber, der das biblische Gebot der Nächstenliebe nicht mit „wie dich selbst“ übersetzte, sondern: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du. Was ist damit gewonnen?
****Hiermit wird ausgesagt, dass dein Mitmensch, was auch immer der Augenschein sein mag, der ihm Bosheit, Allmacht oder Hinterlist in deinen Augen verleiht, im Grunde genauso schwach, gebrechlich und den Ängsten des Daseins ausgesetzt ist wie du selbst. Dieses Sein-wie-Du entwaffnet also viel von der Angst, die du vor deinem Nächsten haben könntest. Wenn so der Angst der Boden entzogen wird, wird auch der Hass, der fast immer einer unterschwelligen Angst entspringt, entschärft und umlernfähig. Sobald Angst und Hass verschwinden, öffnen sich die Tore des Herzens für die ungehinderte, freie Nächstenliebe.
__Wenn ich früher Angst vor anderen Leuten hatte, bekam ich zu hören: Die kochen auch nur mit Wasser! Das hilft. Pinchas, dein Buch ist inspirierend, man schreitet von Seite zu Seite wie durch ein weites Land und entdeckt lauter Schätze. Auf eine Sache möchte ich unbedingt noch eingehen: Du stellst klar, dass es auch Situationen geben kann, in denen ein Zurückschlagen friedensfördernder ist als ein Ausweichen. Erklär mir das mal an einem historischen Beispiel.
****Verzicht auf Gewalt ist keineswegs identisch mit Verzicht auf Widerstand, der ja den Nächsten, dem Unrecht geschieht, im Stich lässt und so zwiefach zum Unrecht beiträgt (…) Daher verbietet es die simple Nächstenliebe, die Jesus als minimales Grundprinzip voraussetzt, wehrlos zu dulden, dass das Leben oder die Sicherheit des Nächsten verletzt anstatt geschützt werden. (…) Gemeint ist, dass das gleichgültige, untätige Zuschauen (…) als verwerflich und dem Bibelethos entgegengesetzt gilt. Diesem Ethos entsprechend handelten Dietrich Bonhoeffer und die Männer und Frauen, die am 20. Juli 1944 Hitler gewaltsam zu beseitigen suchten, um Gewalt einzudämmen und zahllose „Nächste“ vor dem sicheren Massenmord zu bewahren. Widerstandslosigkeit wäre in ihrem Falle ein Akt der Feigheit, der Selbstsucht und der gleichgültigen Preisgabe unschuldiger Mitmenschen gewesen – in himmelschreiendem Widerspruch zum Geist der gesamten Berglehre.
__Schade, dass ihr, du und Bonhoeffer, euch nie begegnet seid. Das wäre sicher für beide interessant gewesen! Aber er kommt in dieser Salzkorn-Ausgabe ja auch zu Wort. Das mit dem Widerstand leuchtet mir ein. Wie wird – im Sinne konsequenter „Entfeindung“ – Widerstand zu einem Akt der Feindesliebe?
****Verzicht auf Widerstand hilft aber auch „dem Bösen“ nicht, der Gewalt übt – noch entfeindet es ihn. Ganz im Gegenteil! Es bekräftigt ihn in seiner Feindseligkeit und lädt ihn ein, ungestraft weitere Gewalttaten zu begehen.
__Am Ende des Buches fragst du, was nun die Berglehre für uns heute zu bedeuten hat, auch angesichts des weltweiten Wettrüstens und der Kriege. Helmut Schmidt hat einmal gesagt: „Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen.“ Du sagst: „Die Fülle der Vernunft besteht heute darin, die Berglehre allmählich aus den Gotteshäusern und den theologischen Fakultäten heraus und Schritt für Schritt in die Parlamente (…) hineinzutragen, wo sie hingehört.“ – Das hört sich gut an, aber scheitert es nicht an der Realität? Wie in dem Beduinensprichwort, das du selbst zitierst: „Zum Frieden gehören zwei. Zum Krieg reicht einer.“
****Diesen „einen“, wer immer das sei, kann nur eines in seinem Vorhaben entmutigen: die Verteidigungsfähigkeit des anderen. Das ist seit Kain der Lauf der Welt, den weder Moses noch Jesus bislang zu ändern vermochten – was uns keineswegs nötigt, uns mit der Amoralität der Welt abzufinden. Im Gegenteil! … Die Konsequenz liegt auf der Hand: Umsicht, Ausdauer und zähe Beharrlichkeit können dem Ethos der Bibel schrittweise auch zur politischen Geltung verhelfen. … Das Friedensprogramm der Berglehre ist eine Vision, die wir nicht preisgeben dürfen. Jesu richtig verstandene Berglehre kann zur Grundlage einer Realpolitik des Überlebens werden – als Wegweiser zum Weltfrieden hin. Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben wählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen. (Dtn 30, 19)
__Das macht Hoffnung. Danke, Pinchas, für dein Ausleuchten der Berglehre. Das hört sich zwar nach harter Arbeit an, aber auch nach einer „Real-Utopie des Kleinfriedens“, um noch einmal deine Worte zu gebrauchen. Ich mache keine Politik, aber Kleinfrieden kann ich ja mal versuchen.
****Ja, Gerlind, der Friede muss mühselig eingeübt werden. Er beginnt nicht in Genf oder Moskau oder Washington, sondern bei uns zu Hause an jedem Küchentisch.
Anmerkung: Die Zitate sind dem Buch: Wie liebt man seine Feinde? (Grünewald-Verlag, Mainz 1986) entnommen. Es ist leider nur noch antiquarisch erhältlich.