Aus Jakob wird Israel
- Vom erschlichenen Segen …
- … zur erfüllten Verheißung
- Vom unentrinnbaren Schicksal …
- … zur rettenden Wende
- Von der Verblendung durch Angst und Wahn …
- … zum Erkennen im Lichte der Wahrheit
- Vom Kult des Krieges zur Kultur des Schalom
Keiner steigt ein zweites Mal in den gleichen Fluss. Jakob war vor der Todesdrohung seines Zwillings Esau über den Jordan geflohen und fand bei Laban, dem Bruder seiner Mutter Rebekka, Zuflucht. Erst hatte er seinem Bruder in einer schwachen Stunde das Erstgeburtsrecht für einen Teller Linsen abgehandelt.
Als der erblindete Isaak dann Esau für die Nachfolge vorsah, erschlich sich Jakob hinterlistig in der Maske des Bruders den väterlichen Segen. Seine Eltern nannten ihn zu Recht Jakob, den Fersenhalter, weil er von Geburt an sich an die Ferse des Zwillings heftete – stets bereit, ihn und alle Rivalen durch List zu Fall zu bringen.
Vom erschlichenen Segen …
Im Hause des Onkels gelang es Jakob nicht nur, einen ansehnlichen Wohlstand zu erwirtschaften, sondern auch den horrenden Brautpreis für Rahel, die Tochter Labans, zu entrichten. Und das gleich zweimal, denn zuerst wurde ihm Lea, die Ältere, untergeschoben.
In Laban und seiner Hinterlist hatte der Fersenhalter seinen Meister gefunden – und sein Leben trotz äußerer Erfolge in eine Sackgasse manövriert. Er wusste sich zwar unter dem Segen Gottes, war aber nicht in der Lage, sein Erbe im gelobten Land anzutreten.
Obwohl er in all den Jahren auch Labans Reichtum gemehrt hatte, nahm er in dessen Gesicht zunehmend Gegnerschaft wahr, die zu Gewalt neigte. Die Schikanen des Onkels machten Jakob hörbereit für den Ruf Gottes, ins väterliche Land zurückzukehren, und einsichtig dafür, wie schwer er sich am Bruder versündigt hatte. Die Rachsucht des geprellten Zwillings hatte sein Leben wie eine schwelende Wunde gezeichnet; darunter lag aber seine eigene Wirklichkeit voller Kränkung, Lebensdefiziten und Charakterfehlern. Denen musste er sich genauso stellen wie dem Konflikt mit Esau. Dazu war Jakob lange nicht bereit gewesen. Labans Hinterhältigkeit spiegelte ihm sein eigenes Rivalisieren, lehrte ihn aber auch, dass man der Rivalität besser beikommt, wenn sie offen zutage tritt und verhandelbar wird – wie in Labans Traum vor der letzten, klärenden Begegnung (1 Mose 31,24-29). Denn während man einen Feind mit allen Mitteln zu vernichten sucht, gesteht man dem Rivalen zumindest die Chance zu, sich – und sei es in Worten – zu verteidigen und ggf. zu obsiegen. Das tat Laban, als er den flüchtigen Schwiegersohn einholte, zur Rede stellte und am Ende in Frieden ziehen ließ.
… zur erfüllten Verheißung
Wer im Rivalen nur den Feind sieht, die Bedrohung der eigenen Existenz, kann nicht anders als ihn vernichten zu wollen, um selbst zu überleben. Im Feindesmodus ist das Gewissen unerreichbar für das Reden Gottes. Der Mensch ist unfähig, sein Gegenüber als den Menschen zu sehen, der ihm ähnlich ist und auf dessen Leben er genauso schicksalhaft einwirkt, wie dieser auf das seine. Er bildet sich ein, die Vernichtung des Feindes wäre die Lösung aller Probleme. Das vertieft die Selbsttäuschung. Die Falle der Todesangst schnappt zu. Der Mensch ist gefangen im Lebensgefühl einer umfassenden, tödlichen Bedrohung. In solcher Bedrohung ist er willens, viele mit in den Tod zu reißen, um den Rivalen zu vernichten und seine Angst zu befrieden, was jedoch nur von kurzer Dauer sein wird. Diese menschliche Befindlichkeit ist auch gemeint, wenn Paulus schreibt: Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod, denn der Tod ist verschlungen vom Sieg (1 Kor 15,26; vgl. Jes 25,8; Hos 13,14).
Jakob hatte es nicht auf Feindschaft angelegt, sie war aber die Folge seines Handelns, das Esau zur brutalen Gewaltbereitschaft reizte. Ihm konnte Jakob äußerlich entfliehen, nahm das Gift der Feindschaft aber überall mit hin. Angst umrankte seinen von Gott gesegneten Lebensbaum wie schmarotzender Efeu. Alles, was er tat und was er ließ, nährte das Gefühl latenter Bedrohung. Wenn er in seiner zweiten Lebenshälfte nicht an sich selbst und an Gottes Segen scheitern wollte, konnte er das nicht länger ignorieren. Segnen heißt im Tiefsten: „Ich will, dass du lebst, und mein Wohlwollen soll dich begleiten.“
Vom unentrinnbaren Schicksal …
Das Motiv der Feindschaft zwischen Brüdern, gar Zwillingen, findet sich in den Erzählungen vieler Völker. Wenn die Gewalt eskaliert, wie im Streit von Romulus und Remus, droht sie ganze Zivilisationen in ein vernichtendes Chaos zu stürzen. Gewalt ist das todbringende Chaos menschlicher Rivalität, die sich zur Feindschaft steigert. Im Gründungsmythos Roms musste der Rivale vernichtet und die Stadt auf seinem blutigen Opfer gegründet werden. Gründungsmorde sind durchgängige Handlungsmotive auch der nicht-fiktionalen Menschheitsgeschichte: Ein Sündenbock wird für den Unfrieden verantwortlich gemacht und getötet, um die soziale Ordnung zu festigen. Natürlich ist ein derart errungener Friede fragil und muss mit immer neuen Opfern stabilisiert werden. Das führt zu Gewalt in Dauerschleife. „Die Gewalt ist das, was aus jedem, der ihr unterworfen ist, ein Ding macht“ und „vernichtet … jeden, den sie berührt“, so das hellsichtige Fazit von Simone Weil.1
Die Geschichte von Jakob erzählt uns, dass Gott die Brüder nicht den Folgen ihrer Feindschaft überlässt. Sie sollen den Zwist beilegen und die Neigung zu Misstrauen und Hass, die ihre Wahrnehmung und ihr Handeln verzerrt, in Seinem Licht erkennen und überwinden. Ankerpunkt dazu ist der Wille Jakobs festzuhalten, allerdings nicht mehr die Ferse des Rivalen, sondern die Verheißungen Gottes. Sein Weg führt ihn in der tiefsten Nacht seines Lebens in die Begegnung mit dem inneren Feind, die weit bedrohlicher ist als die Konfrontation mit dem äußeren.
… zur rettenden Wende
Nachdem Jakob seine Familie und seine Habe über die Furt ans andere Ufer gebracht hat, bleibt er am Jabbok allein zurück. Voller Furcht erwartet er den Bruder, der ihm mit vierhundert Mann entgegenzieht. Es ist ungewiss, ob Jakobs Strategie, ihn mit Geschenken zu besänftigen, aufgehen würde. Beide wissen, dass die Begegnung für einen tödlich enden kann – sie sind am point of no return, und alles deutet darauf hin, dass sich in ihrem Schicksal die blutige Geschichte der Völker weiterschreiben wird. Die Geschichte nimmt jedoch eine Wendung, die wie ein Blitz die Nacht ihrer beider Leben erhellt und zum Vorboten einer tiefgreifenden Befreiung, des Heils für die ganze Menschheit, wird.
Hellwach lauscht Jakob in die Nacht. Unerwartet wird er im Dunkeln von einer unbekannten Macht in ein Ringen auf Leben und Tod gezogen; ohne Waffen, ohne Mitstreiter, völlig auf sich gestellt. Gegen wen oder was streitet er? Einen Wegelagerer, Dämon, Engel oder seine tiefsitzenden Lebensängste? Der Feind ist von allem etwas – aber in allem findet Jakob auch Gottes Angesicht, wie er es am Morgen bekennen wird. Mit letzter Kraft verlangt der Überwältigte von seinem Gegner, dass der ihn segne. Dieser spricht ihm zu: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.
Von der Verblendung durch Angst und Wahn …
Gesiegt hat Jakob nicht über Menschen, noch über Gott; gesiegt hat er über sich selbst, seine Lebensängste und -wunden, seine Lebenslüge, seine Hinterlist – wie es Elie Wiesel eindrücklich ausführt.2 Der verkrümmte Charakter des Fersenhalters, der mit allen rivalisiert, ringt im Angesicht Gottes ernstlich um Wahrhaftigkeit und Verantwortung. Die schmerzhaft ausgerenkte Hüfte wird Jakob ein Leben lang an die eingerenkte, neu empfangene Identität als Israel erinnern. Gebrochen ist der Zwang, sich permanent gegen alle behaupten zu müssen, und damit der Reflex, anderen Böses zu unterstellen, sie als Feind zu betrachten. Jakob kann nun, auch im Blick auf sich selbst, Gut und Böse unterscheiden. Augustinus formuliert in seinen Bekenntnissen als Summe und Lehre der Selbsterkenntnis: „Das Wort Gottes ist der Gegner deines Willens, bis es der Urheber deines Heils wird. Solange du dein eigener Feind bist, ist auch das Wort Gottes dein Feind. Sei dein eigener Freund, dann ist auch das Wort Gottes mit dir im Einklang.“3
… zum Erkennen im Lichte der Wahrheit
Mit der aufgehenden Sonne erblickt Jakob seinen Bruder Esau und dessen Streitmacht. Dieser lässt sich Jakobs Demutsgesten erst gefallen, eilt ihm aber dann entgegen, küsst und umarmt ihn. Sie weinen miteinander. Weinen macht die Herzen weich und Verwandlung möglich. Jakob offenbart dem Zwilling seinen Gesinnungswandel: Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht (1 Mose 33,10b). Er hatte sich am Jabbok seiner Angst gestellt, wurde frei von der Feindschaft gegen sich selbst und von der Gegnerschaft zum Bruder. So kann er an ein neues Leben glauben. Diese Wandlung erlebte Jakob an, mit und durch seinen Bruder – besiegelt durch Gottes Handeln. Gott von Angesicht zu Angesicht begegnen, nicht als Feind, sondern als Freund – das ist die tiefste Vergewisserung des Lebens. Das ist die tiefste Israel-Identität. Auch Mose wird einst dadurch ausgezeichnet, dass Gott mit ihm von Angesicht zu Angesicht redet, wie mit einem Freund (2 Mose 33,11). Jesus schließlich wird es bekräftigen: Ihr seid meine Freunde (Joh 5,14-15). Seine Freundschaft befähigt zur Feindesliebe. Um dieser Freundschaft willen ringt Jesus auf Golgatha, besiegt den letzten Feind, den Tod, und versöhnt uns mit Gott und miteinander. Darin haben wir Christen aus den Völkern als seine Nachfolger Anteil an der von Gott gewirkten Israel-Identität.
Vom Kult des Krieges zur Kultur des Schalom
Wie wird uns das hier und heute, im Dunkel unserer von Feindseligkeit und Angst geprägten Wirklichkeit geschenkt? So wie kein Mensch das Licht unmittelbar sehen kann, so sehen auch wir Gott nicht unmittelbar. Was wir für Licht halten, sind die Dinge und Gegenstände, die uns durch das Licht sichtbar werden und die in uns die Sehnsucht nach Gott entzünden. Insbesondere die Menschen, denen wir im Licht Gottes begegnen. Auch und erst recht Menschen, die uns als Feind entgegentreten. Im Rückblick werden wir darin der Gottesbegegnung gewahr und erkennen, dass Er an uns gehandelt hat und handeln wird.
Jakob und Esau war ein anhaltender Friedensschluss gelungen, auch wenn sie realistisch genug waren, den Abstand zu wahren, der ihnen den Frieden erhielt. Was sie miteinander errungen hatten, das mussten auch Jakobs Söhne – unter anderen Umständen zwar, aber auf ebenso harte Weise – lernen, um als Erben des Segens leben und ihn an ihre Kinder weitergeben zu können. Die versöhnungsbereite Begegnung mit dem Feind und das Ringen um Frieden bleibt keiner Generation erspart – aber seit Jakob und Esau haben wir keine Ausrede mehr.
Simone Weil: Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt, posthum Berlin 2025, zit. nach: Die Tagespost 18.12.25, S. 24 ↑
Elie Wiesel: Adam oder das Geheimnis des Anfangs: Legenden und Porträts, Freiburg 19802, S. 106ff ↑
Aurelius Augustinus zit. nach Piet van Breemen: Im Geheimnis daheim, Würzburg 2008, S. 15-16, (PL 38, S. 637) ↑