Begegnung im senfkorn.-Laden in Gotha-West

Osterbegegnung

Umdenken in Gotha-West

Manchmal hat der Geist von Jesus bei uns eine Chance, rechtzeitig, bevor die Gelegenheit vorbeigezogen ist und wir schnell in den Verteidigungsmodus verfallen. An diesem Tag war das so, und das war gut für alle, die dabei waren.
An einem der ersten Tage der Karwoche sammelten sich wieder viele Leute im senfkorn.-Laden. „Ostern suchen in Gotha-West“ nannten wir diese Nachmittage mit kleinen achtsamen Stadtteilspaziergängen, freiem Gestalten in persönlichen Heften und einer abschließenden Zeit für Lieder, Austausch und biblische Geschichte. Gerade hatten die Kinder und Erwachsenen die Tische aufgeräumt und sich im vollen Raum einen Platz zum Zuhören gesucht. Gerade hatte ich auf das Bild an der Wand gedeutet, um das es heute gehen sollte. Da ging die Tür auf und eine Frau trat herein. Mit ihr eine Welle von ­Anspannung und Zorn, die sie mühsam unterdrückte.

Kaum auszuhalten

Wir kannten sie. Verletzend hatte sie schon die Kinder, mit denen wir auf dem Platz gerade spielten, angegangen: „Was wollt ihr hier! Ihr könnt doch alle gar kein Deutsch!“ Schützend hatten wir die Kinder aus der Schusslinie geholt. Einer von uns war mit ihr ein Stück weitergegangen. Jetzt hier im Laden lud sie jemand in die Runde ein. Nur in der Mitte war noch ein Stuhl übrig, ganz in meiner Nähe. Ich fuhr fort. Fuchtelnd machte die Frau auf sich aufmerksam, bis sie laut herausplatzte: „Das ist alles Lüge! Dieser Gott kann gar nicht gut sein. Sonst gäbe es die ganzen Kriege nicht!“ Dann wandte sie sich zu den anderen und wurde lauter: „Glaubt denen kein Wort! Die tischen euch eine Lüge auf!“ Michael war mittlerweile neben ihr in die Hocke gegangen und sprach ruhig und klar: „Bitte kommen Sie mit mir raus. Wir können gerne draußen weiterreden.“ Die Frau wurde noch lauter: „Fassen Sie mich nicht an! Sie haben mir gar nichts zu sagen. Und ich mache, was ich will.“ Sie nahm mich direkt ins Visier: „Was Sie da reden, das ist alles Lüge! Dass Sie sich nicht schämen, was Sie den Leuten hier verkaufen.“ Es kam wie ein harter Wind von vorne auf mich zu. Ich atmete tief, entspannte meine Schultern, nahm die Hände runter, blieb ganz ruhig vor ihr stehen und schaute sie an. Michael versuchte es noch einmal: „Bitte kommen Sie mit mir raus.“ Noch keine Chance. Im Zorn verteilte sie weiter Beleidigungen.
Im Raum wurde es unruhig. Man raunte sich etwas zu, ein Kind fing an zu weinen, jemand rief: „Jetzt seien Sie mal still! Das ist ja unmöglich!“ Ich legte den Finger an den Mund. „Sch…“, sagte ich nur. Irgendwann kam die Frau zu sich, stand immer noch wutschnaubend auf, stolperte zwischen den Menschen hindurch und verließ mit Michael den Laden.

Doch ausgehalten

Als die Tür hörbar ins Schloss fiel, wurde es sehr still und alle schauten mich an. Auf dem Schoß seiner Mutter beruhigte sich das Kind. Ein tiefer Seufzer kam mir aus der Brust. „Danke, dass ihr mit mir ausgehalten habt“, kam es mir. „Die Fragen, die sie gestellt hat, sind schwer. Ich habe darauf keine schnelle Antwort.“ Zustimmendes Gemurmel. Ich fuhr fort: „Ich habe zwei Bitten an euch: Wenn ihr heute von hier wieder nach Hause geht, dann sprecht nicht über diese Frau mit anderen. Macht sie nicht schlecht im Stadtviertel. Sie sagt diese Sachen nicht, weil sie böse ist, sondern weil sie Erfahrungen gemacht hat, die sie das denken lassen. Diese Erfahrungen machen sie unglücklich. Und erinnert ihr euch? Von wem lernen wir hier in unserer senfkorn.-Gemeinschaft?“ Die Menschen im Raum blickten mich still und aufmerksam an. „Von Jesus!“ kam es aus einer Ecke. Ich nickte. „Ja, von Jesus. Und was sagt Jesus über die, die ihn verfluchen?“ Wieder Stille. Segnet, die euch fluchen. So sagt Jesus. Wünscht denen Gutes, von denen andere denken, sie hätten es nicht verdient. In dieser Woche hören wir jeden Tag, wie Jesus das in seinem eigenen Leben verwirklicht hat. Von ihm lernen wir. Wir können hier in Gotha-West einen Unterschied machen, wenn wir rausgehen und die segnen, die nicht nett zu uns sind.“ Eine Träne lief mir die Wange runter. Wärme und Mitgefühl machten sich breit unter den Leuten. Viele nickten. Wieder seufzte ich. „Und was machen wir jetzt?“ fragte ich in die Runde. „Wollen wir hier für heute Schluss machen, oder wollen wir noch weitermachen mit unseren Liedern und Bildern?“ „Weitermachen!“ rief jemand. Und so machten wir es. Aber niemand erinnerte sich hinterher an das, was noch kam. Unsere Gelegenheit, etwas tiefer zu begreifen, hatten wir alle zusammen schon gehabt.

****Empfehlenswerter Podcast von Ute Paul: Gesehen. Gehört. Verstanden? Mitschnitt eines Vortrags von Ute Paul über die Sehnsucht nach echter Begegnung