Kühe für den Frieden
Seit einigen Jahren unterstützen wir mit der ojcos-stiftung das „Cows for Peace“-Programm von CARSA (Christian Action for Reconciliation and Social Assistance). CARSA wurde auf Initiative einiger rwandischer Pastoren gegründet, die die langjährige Feindschaft zwischen Hutus und Tutsis, die mit dem Völkermord 1994 ihren Höhepunkt erreichte, überwinden wollten. Der Völkermord in Rwanda liegt über drei Jahrzehnte zurück. Zwar leben die einstigen Täter und ihre Opfer seit langem wieder Tür an Tür, doch die räumliche Nähe schafft noch keinen Frieden. Die Distanz zwischen ihnen scheint unüberwindbar. Die einen sind vom Unheil, das ihre Angehörigen erlitten haben, schwer traumatisiert und empfinden Angst und Hass gegenüber den Tätern. Die Täter wiederum haben tiefe Schuld- und Schamgefühle.
Die Gründer von CARSA erkannten: Der erste Schritt der Annäherung ist, das Trauma, die innere Seelennot auf beiden Seiten anzusprechen. Daher beginnt jedes Cows-for-Peace-Programm mit einem Workshop, bei dem die Teilnehmer aus beiden Gruppen Hilfestellungen zur Heilung ihres Traumas erhalten.
Im zweiten Teil des Workshops geht es um Vergebung. Erst nachdem Schritte in Richtung Heilung gegangen wurden, können die teilnehmenden Täter-Opfer-Paare mit Hilfestellung der Mitarbeiter aufeinander zugehen. Dem Täter wird es möglich, um Vergebung zu bitten, und dem Opfer, diese Vergebung zuzusprechen.
Im Anschluss an den Workshop treffen sich die Teilnehmer regelmäßig in Zellgruppen, in denen sie weiterhin von CARSA-Mitarbeitern betreut werden. Wenn ein Täter-Opfer-Paar auf einem guten Weg der Versöhnung ist, bekommt das Opfer eine Kuh. Diese wird gemeinsam mit dem Täter versorgt und die Erträge werden geteilt. Das erste Kalb geht an den Täter, die weiteren Kälber werden an die anderen Täter-Opfer-Paare der Zellgruppe abgegeben.
Langsam führt die Versöhnung zwischen den Menschen dazu, dass Armut, Unterernährung und Beziehungen innerhalb ihrer Gemeinschaft angegangen werden können. Ehemalige Feinde arbeiten zusammen, bauen neu Beziehungen auf und integrieren sich wieder in die Gemeinschaft.
Einen Einblick in die Art und Weise, wie die Versöhnungsarbeit von Cows for Peace Beziehungen und Menschen verändert, geben die vielen Zeugnisse von Täter-Opfer-Paaren, die dieses Programm durchlaufen haben und nun gemeinsam eine Kuh versorgen.
Bizimungu Justin
47 Jahre alt, verheiratet, vier Kinder, Überlebender des Völkermordes
Während des Völkermords war ich 17 Jahre alt. Meine Familie floh nach Kabgayi, doch mein Bruder und mein Vater wollten in unser Dorf zurückkehren. Beide kamen auf dem Weg zurück in unser Dorf um. Welche Rolle Boniface dabei gespielt hatte, erfuhr ich während des Gerichtsprozesses gegen ihn. Es gab Zeugen, die Boniface gesehen hatten, als er meinen Vater tötete. Aufgrund ihrer Aussage wurde er sofort verhaftet.
Als er freigelassen wurde, herrschte zwischen uns immer noch großes Misstrauen, und ich hätte nie gedacht, dass ich ihm jemals freiwillig begegnen möchte. Nachdem wir beide den Versöhnungsworkshop besucht hatten, hat sich das geändert. Boniface bat mich um Vergebung und es war mir möglich, ihm zu vergeben. Unsere Beziehung hat sich verbessert.
Nun gehören wir beide zu einer Zellgruppe. Wir sind dankbar, durch das Projekt „Cows for Peace“ eine gemeinsame Kuh erhalten zu haben. Dadurch sehen wir uns regelmäßig, verbringen Zeit miteinander und bauen so Vertrauen und unseren Zusammenhalt wieder auf.
Kanamuganga Boniface
58 Jahre alt, verheiratet, ehemaliger Täter
Wir wurden von der Regierung dazu angehalten, die Tutsis zu hassen und zu entmenschlichen. Wer sich dem nicht anschloss, wurde als Verräter des Landes gebrandmarkt. Als der Völkermord begann, schloss ich mich der Interahamwe-Miliz an. Ich gehörte zu der Milizeinheit, die Justins Vater ermordete, und das bereue ich bis heute.
Wegen des Mordes an Justins Vater kam ich vor Gericht und bekannte mich schuldig, eine wichtige Rolle im Völkermord gespielt zu haben, woraufhin meine Strafe gemildert wurde. So verbrachte ich nur die erste Hälfte meiner Strafe im Gefängnis und die zweite Hälfte mit gemeinnütziger Arbeit.
Doch auch nach dieser Zeit ließ mir das, was ich getan hatte, keine Ruhe. Mir war bewusst, welch großen Schaden ich den Opfern zugefügt hatte. Die Zeit, die ich im Gefängnis war, hatte mir in keiner Weise geholfen, meine Seele zu heilen oder meine Schuldgefühle zu verringern.
All das hat sich geändert, seit ich am CARSA-Versöhnungsworkshop teilgenommen habe. Ich fühle mich jetzt akzeptiert und habe dank meiner neuen Freunde aus der Zellgruppe neuen Mut. Sie zeigen mir Liebe und Mitgefühl. Sie sind wie eine Familie für mich, und ich hoffe, dass wir gemeinsam noch viel erreichen werden.
Justin heißt mich immer in seiner Familie willkommen und unterstützt mich nach besten Kräften. Wir beide sind glücklich über die gemeinsame Kuh und den Frieden, der in unsere Beziehung gekommen ist.