Deutsch-chilenische Begegnung

Heil durchs Minenfeld

Ein Chilene in Alemania

Das erste, was mir einfällt, wenn ich über Feindschaft nachdenke, ist die Frage nach ihrem Gegenstück – denn wenn ich Feindschaft definieren will, muss ich auch das Gegenteil benennen können. Was ist Feindschaft, und was ist sie nicht? Und da denke ich an den Begriff der „Agape“.1
Feindschaft ist der Gegenbegriff zur Agape. Die Feindschaft in der Welt hat offensichtlich nicht nachgelassen. Heute und vielleicht mehr denn je nehmen feindschaftliche Konzepte Raum in unseren Überzeugungen ein. Dadurch nehmen Unsicherheit, Verwirrung und Werteverlust zu. Vom Fußball bis hin zu politischen Ideologien, Religion, Wirtschaft wird alles in Entweder-Oder eingeteilt, es wird kein Mittelfeld akzeptiert. Nur hier aber könnte man einen Dialog eröffnen, der es uns ermöglicht, unseren Feind zu verstehen, seine Schmerzen und die Absichten hinter seinem Verhalten zu erkennen.
Anfang 2025 wurde ich in Frankfurt von einem Mann angesprochen, der freundlich winkte und mir ein Informationsblatt überreichte. Als er meinen Akzent bemerkte, fragte er, woher ich käme. Ich sagte, dass ich aus Chile sei, und er war begeistert. „Ich lerne Spanisch“, sagte er, und wir unterhielten uns sehr angenehm auf Spanisch. Er erzählte, dass er mit einer Kolumbianerin verheiratet sei und in Kolumbien gelebt habe. Bisher hatte ich der Broschüre keine Beachtung geschenkt, aber als ich sie aufschlug, stand dort AfD. Ich weiß nicht viel über die politischen Parteien in Deutschland und habe dem keine Bedeutung beigemessen. Der Mann war sehr freundlich und ich versuchte, das zu erwidern. Schließlich verabschiedeten wir uns mit einer Umarmung.
Gegenüber standen Demonstranten, die mit Bannern gegen die AfD auf der anderen Straßenseite protestierten. Plötzlich kam ein aufgebrachter junger Mann auf mich zu und sagte: „Warum hast du mit diesem AfDler gesprochen? Sie sind deine Feinde.“ Ich war überrascht und antwortete: „Ich fand ihn sehr nett.“ Der junge Mann, sichtlich wütend, sagte zu mir: ****„Du siehst nicht aus wie ein Deutscher und solltest nicht mit ihnen reden, denn Leute wie dich wollen sie aus dem Land jagen.“

Ich ziehe aus dieser Erfahrung zwei Schlussfolgerungen: Wenn Ideen von unkontrollierter Leidenschaft genährt werden, schließt das die Möglichkeit zum Dialog aus. Und ein mir Fremder bat mich, aus einem anderen Fremden einen Feind zu machen. So entsteht Feindschaft.
Es ist notwendig klarzustellen, dass es hier nicht um Politik geht, sondern um Menschen, die sich wohl nie in ihrem Leben getroffen haben und vielleicht nie wieder sehen werden, aber auf irgendeine Weise Feinde sind – und sich jenseits von Worten als Feinde begegnen.
Vielleicht braucht es aus genau diesem Grund das Konzept der Agape. Denn die Agape verlangt als Gegenentwurf zur Feindschaft weder nach Feinden noch nach Gegensätzen. Sie sucht die Bereitschaft zum Dialog zwischen Menschen und ihren Ideen. Diskutieren und streiten bedeutet nicht, den anderen zu hassen. Für den Dialog ist es daher unerlässlich, gut informiert, wach und interessiert zu sein, was mit uns als Gesellschaft passiert. Nicht nur um gute Argumente zu haben, sondern auch, um den anderen zu verstehen.

Anmerkung:
1 Agape bedeutet auf Griechisch eine bedingungslose, selbstlose und wohltätige Liebe, die höchste und spirituellste Liebe, wie Gottes Liebe zur Menschheit oder altruistische Liebe zwischen Menschen, die stets das Wohl des anderen suchen. Dieser Begriff, der im Neuen Testament weit verbreitet ist, wurde auch auf christliche brüderliche Mahlzeiten (Agapes) angewandt, um Einheit und Brüderlichkeit zu fördern.