Demonstration der Jenaer Friedensgemeinschaft anlässlich des Pfingsttreffens der FDJ

Leicht ist das nicht

Frieden hat, wer Frieden gibt

Ich erinnere mich noch gut an die Nachrichten in den 1980er Jahren: Friedensdemonstra­tionen in den DDR. Wer hätte das damals für möglich gehalten? Schwerter zu Pflugscharen, war die Losung. So wie wir es beim Propheten Jesaja lesen können (Jes 2,4). Aus Kanonen Glocken gießen. Umgekehrt wie zu Kriegszeiten, wenn Kirchenglocken zu Kanonen umgeschmolzen werden. Frieden schaffen! Gemeinsam etwas Gutes pflanzen, etwas Sinnvolles aufbauen. Frieden stiften.
Dieser Sehnsuchtsruf ist nie verklungen. Wir hören ihn bis heute immer und immer wieder an vielen Orten. So auch im Nahen Osten. Peace now! So heißt die jüdische Friedensbewegung. Jetzt Frieden schließen, nicht erst, wenn alle tot sind.
Als Christen fragen wir uns, was wohl Jesus dazu sagt? Was ist sein Beitrag zum Thema Frieden? Hören wir seine Stimme:
Euch aber, die ihr zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde. Tut wohl denen, die euch hassen. Segnet, die euch verfluchen. Betet für die, die euch misshandeln.
Wer dich auf die rechte Backe schlägt, dem haltet auch die andere hin. Und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch das Gewand nicht. Gib jedem, der dich bittet. Und wenn einer dir etwas nimmt, von dem fordere es nicht zurück.
Wie ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch ihr mit ihnen um. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, was für einen Dank habt ihr dann? Auch die Sünder lieben ja die, von denen sie geliebt werden.
Vielmehr, liebt eure Feinde. Und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen.
So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne und Töchter des Höchsten sein; denn er ist gütig – auch gegen Undankbare und Böse. Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.

(Lk 6,27-37)

Wo kommen wir denn hin, wenn wir…?

Ist das nicht eine verrückte Idee: Menschen lieben, die uns hassen. Diejenigen segnen, die uns verfluchen. Für die beten, die uns misshandeln. Und dann auch noch die linke Wange hinhalten, wenn jemand uns auf die rechte schlägt? Kann man diese Aufforderungen Jesu ernst nehmen, in der Welt, in der wir leben? Läuft es in dieser Welt nicht nach anderen Regeln? Auge um Auge! Wie du mir, so ich dir! Rache ist süß! Wo kommen wir denn hin, wenn wir immer nachgeben und alle Hiebe einstecken und uns alles gefallen lassen? Wo kommen wir da hin?
Jesus dreht diese Frage um: Wo kommen wir hin, wenn wir uns immer rächen? Wenn wir nur ans Heimzahlen denken? Wenn wir Hass mit Hass vergelten und Unrecht mit Unrecht? Wo kommen wir da hin?
Jesus überrascht wieder einmal. Auf unsere Frage, wie das mit dem Frieden sei, fängt er nicht an zu philosophieren: Frieden im Allgemeinen und im Besonderen. Jesus antwortet ganz praktisch. Ganz konkret. Frieden kannst du nur haben, wenn du ihn gibst. Wenn du deinen Teil dazu beiträgst.
Liebt eure Feinde. Tut wohl denen, die euch hassen. Segnet, die euch verfluchen. Betet für die, die euch misshandeln.
Martin Luther King hat einmal gesagt: „Dunkelheit kann die Dunkelheit nicht vertreiben. Das kann nur das Licht. Hass kann den Hass nicht vertreiben, das kann nur die Liebe.“
Es gibt im Lukasevangelium eine Geschichte (Lk 9,54), da wird Jesus in einem Dorf die Gastfreundschaft verweigert. Und seine Jünger würden am liebsten Feuer auf diesen Ort regnen lassen. Wut im Bauch! Und Jesus? Er fragt seine Jünger: Wisst ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid? Wisst ihr nicht, dass ihr als Kinder Gottes ihm ähnlich seid?

Niemals hört im Weltenlauf die Feindschaft je durch Feindschaft auf.
Durch Liebe nur erlischt der Hass. Ein göttliches Gesetz ist das.

Woher die Liebe nehmen?

Die Frage ist: Woher sollen wir diese Liebe nehmen? Das Wort, das hier im Griechischen steht, agape, meint nicht die menschliche Liebe, sondern die göttliche Liebe. Liebe, die ihren Grund in Gott selbst hat. Er, der gütig ist, der barmherzig ist, der geduldig ist – auch gegen die Bösen und Undankbaren.
Feindesliebe hat seine tiefste Wurzel im Glauben an Gott, der alle seine Geschöpfe liebt. Clemens v. Alexandria, ein früher Kirchenvater (um 150 n. Chr.), erklärt: „Jesus meint nicht, dass wir das Böse lieben sollen, sondern den Menschen, auch wenn er Böses getan hat, weil er ein Geschöpf Gottes ist.“
Gott schützt also nicht das Böse, auch nicht das Unrecht, auch nicht die Gemeinheit. Da ist Gott klar und deutlich dagegen. Aber er liebt den Menschen dahinter. Man könnte sagen: Gott liebt den Sünder, aber nicht die Sünde.
Im Römerbrief heißt es (5,8): Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Von Gott schon geliebt, als wir noch gegen ihn waren. Wer ist der Größte im ganzen Land? Der die Liebe seiner Feinde gewinnt. Das ist der Ursprung aller Feindesliebe.
Mein Vater war als junger Mann sieben Jahre im Krieg. Nach dem Zusammenbruch ist er zu Fuß quer durch Russland bis zur Ostsee gelaufen. Er wollte in den Westen zu seiner Verlobten. Uns hat er erzählt, er hätte nur überlebt, weil russische Großmütter, Babuschkas, ihm immer wieder heimlich Unterschlupf und Verpflegung gewährt haben. Ihm, dem deutschen Feind! So beginnt der Weg zum Frieden: Wie Gott mir – so ich dir! Barmherzig werden, wie der Vater im Himmel mit dir und mir barmherzig ist.
Denkt an Jesus, der am Kreuz, im Blick auf seine Peiniger, betet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Feindesliebe ist nicht leicht. Und sie gelingt auch nicht immer gleich gut. Aber wir dürfen darum beten, dass Gott uns den Geist der Versöhnlichkeit gibt und uns zum Werkzeug seines Friedens macht, dort, wo er uns hingestellt hat.