Kontrafaktisch
- Feindschaft stiftet Identität
- Die Relativierung radikaler Feindesliebe
- Grundeinstellungen christlicher Diskursbeteiligung
Eine Fähigkeit, die man uns Sozialwissenschaftlern an der Uni offensichtlich unbedingt beibringen muss, ist die Vorsicht vor „schillernden“ Begriffen. Feindesliebe ist ein durchaus schillernder Begriff, den man in seiner Verwendung erst mal zu fassen bekommen muss. Der Tragweite, die in der Gegensätzlichkeit der Begriffe „Feind“ und „Liebe“ liegt, nähern sich andere Texte wesentlich besser. Hier will ich mich damit beschäftigen, was die Aufgabe der Feindesliebe, die Jesus so wichtig zu sein scheint, in der politischen Auseinandersetzung bedeutet und was sie in der Praxis so schwer macht.
Feindschaft stiftet Identität
Wenn ich mich mit Christen über gelebte Feindesliebe im politischen Kontext unterhalte, fällt mir oft auf, welch weites Verständnis es davon gibt, was ein politischer Feind ist und wen man als Feind bezeichnet. Es braucht offenbar kein Ringen um Leben und Tod, sondern lediglich tiefe Uneinigkeit hinsichtlich sehr spezifischer Themen. Betrachtet man den politischen Diskurs, an dem wir Christen immer wieder beteiligt sind, ist von Feindesliebe beiderseits oft wenig erkennbar. Im Gegenteil scheinen beide Seiten häufig geradezu Gefallen am Versuch zu finden, den von der Gegenseite provozierten Untergang unserer Gesellschaft aufzuhalten. Schnell fallen mir da politische Theoretiker wie Carl Schmitt und Chantalle Mouffe ein, die davon ausgehen, dass die Identität einer gesellschaftlichen Gruppierung sich ganz wesentlich durch die Abgrenzung zu anderen Gruppen definiert. Beide gehen davon aus, dass der Kampf gegen einen Feind der Grundmodus von Politik ist. Dieser Kampf ist auch klar abgegrenzt vom verständigungsorientierten Dialog mit einem politischen Gegner.
Siebzig Prozent der Deutschen nehmen eine zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft wahr. Dabei ist die Feindschaft zwischen den Gruppen oft gar nicht inhaltlich gerechtfertigt. Nils Kumkar stellt in seinem Buch „Polarisierung“ interessante Ergebnisse vor, die nahelegen, dass insbesondere die deutsche Gesellschaft gar nicht besonders stark inhaltlich polarisiert ist. Weil moderne Kommunikationsprozesse so komplex geworden sind und man trotzdem politisch orientiert bleiben will, werden kommunikative Grenzlinien in die politische Öffentlichkeit eingezogen. Diese führen dazu, Bilder auf die politischen Gegner zu projizieren, die inhaltlich nicht unbedingt gerechtfertigt sind. Diese Zuschreibungen legen dann den Grundstein für politische Feindschaft. Politische Feinde sind sich also häufig noch nicht einmal besonders uneinig, sie gehören nur der falschen gesellschaftlichen und kommunikativen Konstellation an. Kleine Irritationen reichen völlig, um einen Gegner zum Feind werden zu lassen. Aus dieser Beobachtung einer eigentlich künstlich im kommunikativen Prozess (z. B. in den sozialen Medien) hergestellten Feindschaft stellen sich ganz praktische Fragen:
Haben wir es wirklich nötig, uns in emotionale Feindschaft mit Menschen zu begeben, deren Andersartigkeit uns selbst gar nicht stark berührt? Muss ich wirklich hinter jeder Äußerung meines politischen Gegners den Teufel und seine Herrschaft über diese Welt entdecken? Winden wir uns nicht oft um die Nächstenliebe herum, indem wir Menschen und Gruppen zu Feinden machen, die uns bei Lichte betrachtet nicht ernstlich bedrohen?
Hier soll gar nicht bestritten werden, dass es echte Feindschaft gibt, Konflikte, durch die Menschen existenziell bedroht werden, in denen der Gegner unfair, manipulativ und gewaltsam vorgeht. Feindschaft in naiver Gleichgültigkeit wegzudefinieren, bis niemand mehr übrigbleibt, den man als politischen Feind bezeichnet, ist auch eine Strategie, keine Feindesliebe üben zu müssen. Umso radikaler mutet Jesus Aufforderung zur Feindesliebe an, noch radikaler als die zur Nächstenliebe. Denn in Wirklichkeit ist mein nächster Gegner, auch im politischen Diskurs, nicht von vornherein schon mein Feind, ich muss ihn erst dazu erklären.
Die Relativierung radikaler Feindesliebe
Gerade bei Menschen, die sich angeblich gern in Feindesliebe üben, nehme ich oft ein enges Verständnis davon wahr, wem diese Liebe gelten soll - und wem nicht. Die Ausreden sind wirklich kreativ. Es heißt dann, den Feind zu lieben bedeute ja vielleicht, ihn irgendwie in seiner Existenz zu bejahen, aber es könne doch nicht bedeuten, sich seine gefährlichen, subversiven Positionen auch noch anzuhören. Natürlich sollen wir für unsere Feinde beten…, dass diese Idioten endlich zur Vernunft kommen. Selbstverständlich müssen wir ihnen dienen…, am besten mit moralischer Zurechtweisung. Und bei aller Feindesliebe sind ja wohl genügend Distanz und Selbstschutz das Wichtigste.
Das Besondere an der christlichen Feindesliebe ist aber gerade, dass sie nicht unserer persönlichen Reputation dient. Wir werden zwar auch Kohlen auf das Haupt der anderen sammeln, wenn wir uns nicht auf ihr Niveau von Hass und Ablehnung begeben (Röm 12,20). Aber zuallererst ist Feindesliebe eine demütigende Sache für den, der sie übt. Meine Gefühle jemandem gegenüber aufzugeben, der mir ein Hindernis ist, in ihm das Ebenbild Gottes zu sehen, ist und bleibt schwer. Helmut Schmidts Zitat von der Bergpredigt, mit der man keine Politik machen kann, mache ich mir viel zu oft zu eigen, wenn ich über die großen Mühen nachdenke, die damit verbunden sind, feindliche Positionen zu verstehen. Das Haupthindernis für Feindesliebe ist dann nicht Hass, sondern Bequemlichkeit.
Grundeinstellungen christlicher Diskursbeteiligung
Jürgen Habermas fordert für gelingende Verständigung, welcher Meinung der andere auch immer sei, sei ihm zu unterstellen, dass er mit seinen Äußerungen einen aufrichtig gemeinten Anspruch auf faktische Wahrheit und moralische Richtigkeit stellt. Tauscht man daraufhin gute Argumente aus, können diese Ansprüche angefochten werden. Mit gegnerischen und feindlichen Meinungen kann man sich aber erst auseinandersetzen, wenn man sie als ernstzunehmende Ansprüche akzeptiert. Ich glaube, in diesen „kontrafaktischen Unterstellungen“ liegt sehr viel Feindesliebe.
Wir als Christen sollten uns immer wieder fragen, ob wir die kommunikativen und politischen Situationen, in die wir gestellt sind, nicht dadurch verbessern könnten, dass wir unserem Gesprächspartner unter diesen Vorzeichen aufrichtig zuhören, seine Perspektive zu verstehen versuchen und dann ihm zugewandt unsere darlegen.
Ich übe, Menschen mit fundamental anderen Meinungen nicht als erstes die christliche Moralkeule über den Schädel zu ziehen.
Es gibt aber auch Situationen, in denen Feindesliebe beeindruckender ist, viel größeren Mut und Überwindung erfordert, in der sie Zukunftsorientierung mit Menschen voraussetzt, die einem Schreckliches angetan haben. In solche Situationen sind die meisten von uns (Gott sei Dank) nicht oft gestellt. Wer, wenn nicht wir, sollte das Gebot der Feindesliebe auch bei bestehender politischer Feindschaft ernst nehmen und einüben? Wir können uns ja sicher sein, dass wir einen Fürsprecher haben, der am Ende alles wieder geraderückt, der uns zu der Gerechtigkeit verhilft, zu der wir uns nicht selbst verhelfen (können). Wir können im politischen Betrieb aufbauend auf Demut und Vertrauen in unseren Herrn bei uns anfangen. In unseren politischen Feinden müssen wir bei Lichte betrachtet manchmal wirklich sehen, was sie sind: Menschen, die unsere Überzeugungen ablehnen und häufig mit unfairen Mitteln kämpfen. Die in der Bergpredigt geforderte Liebe zu den Feinden kann nichts daran ändern, dass es Meinungen, Verhalten und Kommunikationsweisen gibt, gegen die wir uns mit inhaltlicher Klarheit stellen müssen. Politik ist immer auch von Konfrontation und Kontroverse geprägt. Jesus selbst ist äußerst streitbar. Auch unsere Positionen müssen gehört werden und dazu müssen wir sie laut sagen. Aber die Perspektivübernahme, die verstehen will, die Grundhaltung, dem Gegenüber einen Moment länger als unbedingt nötig Aufrichtigkeit zu unterstellen, der Wille, den Versuch sich zu erklären nicht abzubrechen, auch wenn man immer wieder auf ungerechtfertigte Ablehnung stößt, das sollten meiner Meinung nach die Grundeinstellungen christlicher Diskursbeteiligung sein. Feindesliebe wird erlebbar, wenn wir politisch auf den unseriös pauschalisierenden Schlag auf die eine Wange nicht mit einem Schlag zurück reagieren.
Die Alternativen dazu sind auch nicht besonders vielversprechend. Auf die Vernichtung unserer Feinde durch unser politisches Engagement brauchen wir gar nicht zu hoffen. Die schlagartige totale Niederlage einer ganzen politischen Strömung ist historisch extrem selten und zumindest ich sehe in der Bibel keine Prophezeiung, die eine christliche Weltherrschaft vor Jesu Wiederkommen nahelegt. Was uns zu tun bleibt, ist, unseren Standpunkt, ohne abzuweichen, klar zu machen, die zu lieben, die uns bekämpfen und den Rest getrost dem zu überlassen, der alles im Griff hat.