Erlebt
Großartig und provokativ
Jesu Liebesgebot – bis zu der Aufforderung, die Feinde zu lieben, ist für mich das großartigste und provokativste Merkmal des Christentums. Zitiert habe ich es oft, wenn es um Kriege, persönliche Fehden u. a. ging. Aber dies auch praktisch umzusetzen, war und ist für mich eine persönliche Herausforderung.
In den Jahren als Öffentlichkeitsbeauftragte der OJC erlebte ich immer wieder, dass wir als OJC als „Feinde“ des öffentlichen Lebens eingestuft wurden. So weigerten sich auf Landes- und Bundesebene Politiker der Grünen Partei, überhaupt mit uns zu sprechen. Drei Jahre lang wurden wir vom Hessischen Sozialministerium unter der Verantwortung grüner Politiker geprüft, ob wir unsere FSJ-Arbeit weitermachen dürfen. Wie ging es mir mit diesen massiven Angriffen, die ich auch als persönliche Angriffe erlebte?
Feindesliebe ist nicht ein Gefühl, sondern eine Entscheidung. Wenn es nur um das Gefühl ginge, sähe es schlecht bei mir aus. Es war und ist ein immer erneutes Ringen, den anderen so stehen zu lassen, wie er ist und wie es ihm seine Möglichkeiten erlauben. Das heißt nicht, dass ich still alles schlucken muss. Auch in der Gegen- und Verteidigungsrede leuchtet der Respekt und damit ein Aspekt der Liebe für den anderen auf. Zudem ist das Gebet als Akt der Liebe eine konkrete Übung in Freiheit den anderen, den „Feind“, Gott anschauen zu lassen. Das wandelt mich.
„Dieses paradoxe und unauslotbare Evangelium, das wir vielleicht – selbst unter Christen – noch nicht wirklich zu leben begonnen haben, hat eine unglaubliche Kraft, uns zu freien Menschen zu machen, uns zu befähigen, in Wahrheit zu lieben, um wirklich zu Menschen zu werden …“ (P. Jaques Philippe)
Elke Pechmann
Nachträglich
„Weißt du nicht, dass Doris* hinter deinem Rücken bei Eltern und Kollegen schlecht über dich redet?“ Nein, bis mir diese Information zu Ohren kam, wusste ich das nicht. Dass die Beziehung zu Doris immer schlechter wurde, hatte ich gemerkt. Dabei hatte sie sich selbst gewünscht, mit mir zusammenzuarbeiten. Ein Jahr zuvor, als sie ihr Praktikum in meiner Kindergartengruppe machte, hatten wir einen guten Umgang miteinander. Jetzt, wo sie meine Kollegin war, fing sie an, meine pädagogischen Methoden zu kritisieren. Anstatt mich mit ihr hinzusetzen und zu überlegen, wie wir besser zusammenarbeiten können, hüllte ich mich in meiner Verunsicherung in Schweigen. Probleme mit anderen Menschen angehen war nie meine Stärke. Also was nun? Auch vonseiten der Eltern bemerkte ich eine immer weiterwachsende negative Haltung mir gegenüber.
Noch bevor ich eine Lösung finden konnte, setzte sich unser Kindergartendirektor mit uns zusammen, gab ihr die alleinige Schuld für das Geschehene und tauschte sie gegen eine Kollegin aus einer anderen Gruppe aus. Danach habe ich mich ihr gegenüber nie negativ geäußert, und auch nicht versucht, die Eltern im Gegenzug wieder auf meine Seite zu bringen. Gelungen ist mir das sicher nicht immer, denn natürlich hatte mich ihr Verhalten verletzt. Nach etwa einem Jahr kam sie zu mir und bat mich um Entschuldigung für das, was sie mir angetan hatte. Heute haben wir ein gutes Verhältnis zueinander, wenn wir uns sehen.
*Name geändert
Silke Edelmann
Liebe deinen Fremden
Dera schlägt mir das Messer, das ich ihr zum Schnitzen in die Hand gedrückt habe, auf die Brust. Zum Glück falsch herum. Mir bleibt kurz das Herz stehen. Sie nennt mich H&%#nsohn und vieles andere. Ich versuche nur zu hören. Merke, dass sie ausprobiert, wann ich schwach werde und gewalttätig. So kennt sie es. Menschen behandeln sie schlecht, sagen Schlimmes zu ihr. Nach einer Weile grüßt sie mich auf der Straße. Erzählt etwas, das sie bewegt. Zumindest dann, wenn keine anderen Menschen in der Nähe sind, vor denen sie stark sein müsste.
Zaro erzählt mir und meiner Kollegin, als wir im „Hundeklo“ (einer der wenigen Grünflächen in Köln-Kalk) stehen und den Plastikmüll entfernen, wie er im Sommerurlaub in seiner Heimat Bulgarien einem obdachlosen Jungen gezeigt hat, wie man sich duscht. Ihm etwas zu essen gegeben hat. Er erzählt davon beseelt. Spürt, dass das heilige Momente waren, mit diesem Jungen, wie Gott ihn da beschenkt hat. Diesen stinkenden Jungen zu lieben. Zaro ist Muslim. Wenn er erzählt, während wir einen Ort für andere Menschen, die hier leben, schön machen, dann ist er mir fremd, seine Kultur, seine Klarheit, dass Gott in allem wirkt. Er ist mir fremd und gleichzeitig spüre ich, dass Gott redet und sich mir zeigt.
Wie können wir Gott in den uns Fremden finden? Ich will reagieren, sie verändern, damit sie in mein Weltbild passen. Ich versuche es anders: Liebe deine Fremdheitsmomente. Mich selbst aushalten, in dieser Unfähigkeit, das Fremde zu lieben. Aushalten, was komisch erscheint und erleben, dass Gott eben da ist.
Tobias Diekmeyer