Liebe Freunde!
In unserem diesjährigen Urlaub in Holland hat mich die Weite des Himmels begeistert. Mein Mann meinte lapidar: „Naja, wenn das Land flach ist, hat der Himmel mehr Platz.“ Weite ist ein befreiender Begriff. Auch für unseren Freundestag an Himmelfahrt stand er Pate: Weite®denken. Als Gemeinschaft haben wir uns danach weiterdenkend gefragt: Was gibt unserem Glauben festen Halt, so dass die Weite nicht beliebig wird? Von einem festen Boden aus können wir tatsächlich in die Weite abspringen – und sicher wieder landen. Und ohne Angst loslassen: Denkmuster genauso wie Urteile. Vom Halt ist es nicht weit zur Haltung. Ich wünsche mir, dass meine Haltung mehr Himmelsweite bekommt. Wie eine holländische Landschaft: dem Himmel mehr Raum gebend. Einer unserer älteren Gefährten formulierte es so: „Ich bin jetzt so alt. Ich will nur noch tun, was Gott möchte.“ Das ist seelische Ebene mit viel Himmel drüber!
Meine Haltung braucht im Umgang mit Andersdenkenden immer mal wieder Korrektur: Dass das schon vor zweitausend Jahren richtungsweisend war, kann man in der Geschichte von Petrus und Kornelius nachlesen, die wir als kleines Theaterstück abdrucken – geeignet zum Nachspielen im Gottesdienst. Auch die anderen Beiträge drehen sich um die Frage, wie wir den Umständen in unserem Leben begegnen. Werten wir das, was uns widerfährt, als Zufall oder erkennen wir das Potential, das uns damit in genau diesem Moment geschenkt wird? Erkennen wir die Weite, die sich hier unerwartet auftut?
Beim Nachdenken über diese Fragen sind wir auf den Begriff der Serendipität gestoßen. Nie gehört vorher! Mit Serendipität wird die Fähigkeit beschrieben, etwas Wertvolles zu finden, obwohl man gar nicht auf der Suche war. Im absichtslosen, aber aufmerksamen Unterwegssein finden wir in scheinbar belanglosen Dingen unerwartete Bereicherung. Wir werden überrascht vom Leben. In einer hochkomplexen Welt begegnen wir ständig Unbekanntem und müssen daher Resilienz entwickeln, um nicht permanent unter Stress zu stehen. Anstatt uns vom Unerwarteten und Neuen unter Druck setzen zu lassen, können wir es umarmen und mit Interesse betrachten. So kommen wir aus der Schockstarre zu kreativen Lösungen. „Entdeckung bedeutet, zu sehen, was alle anderen gesehen haben, aber zu denken, was niemand anderes gedacht hat“, sagte Albert Szent-Györgyi, ungarischer Nobelpreisträger für Medizin, Entdecker von Vitamin C und Ascorbinsäure. Das Penicillin und die Glühbirne sind Zufallsfunde von Wissenschaftlern. Sie haben damit aber einen enormen Beitrag für die Menschheit geleistet. Wahrnehmen, verknüpfen und weiterdenken: Das ist Serendipität. Weite entsteht!
In gewissem Sinne ist dieses Heft eine Fortführung des letzten Heftes „focus“. Konzentration und Entscheidungswille auf der einen Seite braucht Weite auf der anderen Seite.
Wir müssen aber auch die Frage stellen: Wie weit wollen wir gehen? In der neu entfachten Debatte um Leihmutterschaft und Eizellenspende geht es ans Eingemachte: Wir möchten unsere Stimme erheben gegen die unsägliche Verdrehung und Umdeutung der Frage, was der Mensch ist, wie es sich mit Menschenrecht und Menschenwürde verhält. Unser Titelbild mit Bauch und Nabel dockt genau hier an: an unserer geschöpflichen Einbettung in der Generationenfolge, jener Mitte, von der aus das Leben – verwurzelt und verbunden – in die Weite wachsen kann. Statt Nabelschau: Lasst uns Tacheles reden!
In der OJC ändert sich immer mal etwas – auch darüber informieren wir euch gerne. Denn wir wünschen uns euer Mittragen durch Gebet, Interesse oder tätige Hilfe. Großes haben wir in Greifswald vor. Lasst euch mitnehmen in unser Bauvorhaben und gebt uns gerne Rückmeldung!
Jetzt am Übergang vom Sommer zum Herbst erinnert uns der Himmel mit seinem Wolkenspiel und seinen Farben an den Vers: Denn so hoch der Himmel ist, ist seine Gnade über mir! Also: Immer wieder den Blick erheben und die Weite wirken lassen – damit unser Glaube Halt bekommt. Damit wir die „Zufälle“ nicht übersehen. Damit wir weiter gehen können.
Viel Freude beim Schmökern!
Reichelsheim, den 13.08.2026