Jetzt oder nie!

Es gibt Augenblicke im Leben, die alles verändern

Was, wenn Jesus gerade jetzt an dir vorübergeht? Eine bewegende Auslegung der Geschichte vom blinden Bartimäus über Mut, Sehnsucht und den Glauben, der alles verändert.

Lesedauer: 8 Minuten

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Michael Weinmann

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Da sitzt ein Mann am Straßenrand, bei dem scheinbar alles gelaufen ist. Der hat doch nichts mehr zu erwarten. Bettelnd, blind, beziehungslos lebt er. Aussichtslos. Ohne Sicht. Ohne Perspektive. Von den anderen abgestempelt als hoffnungsloser Fall. Da wird sich nichts mehr ändern. Alles ist festgelegt. Seine Vergangenheit bestimmt seine Gegenwart und Zukunft. Doch dann tritt jemand in sein Leben. Einer kommt vorbei. Nein, viele kommen vorbei. Irgendwas ist los. Das ist der Moment, in dem er die Initiative ergreift! Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre.
Damit fängt das Neue an. Der Blinde hört. Und das Hören führt ihn zu intensiver Suche. Etwas ist in Bewegung geraten, Menschen sind in Bewegung geraten. Nur was hat das mit ihm zu tun? Es geht an ihm vorbei. Sie gehen an ihm vorbei. Die Menschen gehen vorüber. Sie bemerken ihn nicht einmal.

Er gehört zum Hintergrund, an dem man vorbeiläuft, ohne ihn zu beachten.
Wie ist das mit uns, die wir mit Jesus unterwegs sind. Ihm vorauseilen, ihm nachfolgen, an seiner Seite gehen? Sehen wir die Menschen, die kein anderer sieht? Berührt mich, was nicht so Privilegierte erleben? Die ohne Dach überm Kopf, fremd, beeinträchtigt, chancenlos sind?

Er gehört zum Hintergrund, an dem man vorbeiläuft, ohne ihn zu beachten.
So wie Fidelia, die auf der Straße lebt und jetzt abgeschoben werden soll. Sie spricht sehr gut Deutsch, hat viel getan für dieses Land, hat sich mit ganzer Kraft eingesetzt für die Menschen hier, hat gelernt und gearbeitet. Jetzt soll sie zurück in „ihr“ Land, in dem ihre ganze Familie vom Bürgerkrieg aufgerieben wurde. Bei einer Begegnung mit ihr in der Kirchengemeinde, fangen ihre Gesprächspartner plötzlich an zu lachen. „Warum lacht ihr?“ „Ach nichts. – Es ist nur seltsam, dass wir beide fast 70 Jahre alt sind und jetzt gerade zum ersten Mal mit einer Person reden, die eine schwarze Hautfarbe hat.“ Und das in einer Stadt, in der viele verschiedene Menschen leben.

Da sind wir also Nachbarn, aber wir reden nicht miteinander. Aus Angst voreinander, weil wir uns nicht kennen, uns nicht sehen? Oder einfach, weil wir uns übersehen und vorübergehen.

Und Jesus? Geht der auch vorbei? Als der Blinde sich einmischt und nachfragt, wird ihm genau das gesagt: Jesus von Nazareth geht vorüber! Das ist das Ergebnis seines Nachforschens, seiner Suche. Nicht: Jesus ist da. Oder gar: Er ist immer für dich da. Nein! Sie sagen ihm: Jesus geht vorüber.

Was ist denn das für eine Nachricht? Was soll er denn damit anfangen? Viele sehen so auf Jesus: eine vorübergehende Erscheinung. Passé. Vergangen mit all seiner Liebe und Barmherzigkeit. Nicht mehr präsent. Vorbei gegangen. Heute zählen andere Werte: Erfolg, Tüchtigkeit, „Wir zuerst“.

Zurück zur Geschichte:
Welche Möglichkeiten hat der Blinde?

  1. Er findet sich ab: Ah, der geht also auch vorüber an mir. Na klar. Aber das geht vorüber. Das ist nur eine Phase, ein Moment der Hoffnung. Das verändert nichts. Was da jetzt an mir vorbeizieht an Begeisterung, Hoffnung, an neuen Möglichkeiten, das bringt doch nichts. Schön wärs, wenn etwas neu würde. Aber auch Jesus geht vorüber.
    Hätte der Blinde so gedacht, dann würde er heute noch am Straßenrand sitzen und betteln. Sein Leben, sein Elend ginge auf den vorgespurten Bahnen weiter, immer weiter bis zum bitteren Ende. Hätte Fidelia so gedacht, dann hätte sie nicht Freunde gefunden, die jetzt mit ihr beten und einen Weg suchen.

  2. Der Blinde packt die Gelegenheit beim Schopf! Jetzt oder nie. Er macht auf sich aufmerksam.
    Er schreit: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
    Was passiert, wenn eine Person das tut? Ist das nicht peinlich, die eigene Not so öffentlich zu machen? Darf sie denn in einer Welt der Erfolgreichen von ihrem Elend reden? Wer aus dem Dunklen ins Licht tritt, muss mit Widerstand rechnen, mit Widerspruch.
    Er muss auch damit rechnen zu scheitern. Die vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. „Halt deinen Mund, bleib auf deinem Platz. Sei zufrieden, dass du hier betteln darfst!“ Da ist kein Raum mehr für falsche Hoffnungen. Wenn du dich zu weit raus wagst, verlierst du deinen Platz. Du machst dich lächerlich. Du wirst es bereuen. Also: Besser still sein. Klein beigeben. Oder aber …

  3. … die Anstrengung verstärken. Keine Ruhe geben. Nicht aufhören, für Gerechtigkeit zu schreien. Sich nicht abfinden damit, dass nichts zu sehen ist von irgendeiner Hoffnung. Lebensblind, glaubensblind, hoffnungsblind – das kann doch nicht das Letzte sein.
    Also schreit er noch lauter: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner. Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Das ist der Augenblick der Gnade: Jesus geht vorüber. Jetzt fällt die Entscheidung!
    Schweigt der Blinde, aus Angst, enttäuscht zu werden? Orientiert er sich an den andern? Schämt er sich, seine Not, seine Sehnsucht zu zeigen? Lässt er sich einschüchtern vom Widerstand derer, die schon dazu gehören? Dann wird der Kairos vorübergehen, ohne dass sich auch nur das Geringste ändert. Oder du sagst: Das ist jetzt meine Chance! Jetzt oder nie! Jetzt fange ich an zu beten, zu rufen, zu schreien: Jesus erbarme dich meiner.

Und Jesus antwortet:
Was willst Du?

Was willst du, dass ich dir tun soll? Was willst du, der schon lange mit Jesus unterwegs ist? Was du, der noch am Rand sitzt? Die Jünger wollen, dass alles bleibt, wie es ist. Dass sich nichts ändert. Dass Jesus bei ihnen bleibt. Immer! Dass sie bei ihm geborgen sind.

Und der Blinde am Wegrand? Will er wirklich, dass sich was ändert? Er wünscht sich Gesundheit, nicht mehr blind zu sein. Aber wenn er die Augen aufmacht und sieht, wird sich alles verändern! Was er sehen wird, stellt ihn vor ungeahnte Herausforderungen.

Was willst du? Weißt du das? Wer diese Frage hört, sollte sich Zeit nehmen, um sich darüber klar zu werden: Was will ich wirklich? Jesus kommt nicht einfach und löst unsere Probleme. Er mutet uns zu, nachzudenken. Er fragt: Was willst du? Wirst du es wagen, ihm zu sagen, was du willst? Das, was du zutiefst willst, aussprechen, nicht unverbindlich als ein „Naja, wäre ja schön, wenn…. Irgendwie wünsche ich mir schon, dass sich was verändert, weiß nicht so genau, geht ja nicht. Ich bleib in meinem Träumeland.“ Nein, vielmehr: Aussprechen, was du willst und damit die Veränderung zulassen, die das bringt. Es ist riskant, Jesus um Veränderung zu bitten. Was, wenn er dich beim Wort nimmt? Und dich damit in eine ganz neue Verantwortung stellt. Denn das Ganze hat ja einen viel weiteren Horizont. Hier wird nicht einfach erzählt, wie ein armer blinder Mann von seinem Leiden befreit wird, eine kranke Person gesund wird. So hätten wir das gerne. Einen Jesus, der sich um unsere Gesundheit kümmert. Hauptsache gesund. Dann kann ich fröhlich heimgehen und weitermachen wie bisher.

Aber die Geschichte vom Blinden, dem die Augen aufgehen, steht ja in einem Zusammenhang: Unmittelbar vor dieser Heilung hat Jesus mit seinen Jüngern über das Kreuz gesprochen: Der Menschensohn wird der Besatzungsmacht ausgeliefert, verspottet, misshandelt, angespuckt, ausgepeitscht und getötet werden. Und am dritten Tage wird er auferstehen. Und so fragt er den Blinden: Willst du? Willst du das sehen? Die zwölf Jünger konnten das nicht begreifen und nicht einsehen. Sie sahen nicht, was das soll, waren blind für Gottes Weg und Willen. Der Blinde aber sagt: Ja. Ich will dich sehen, Jesus, wohin mich das auch führen wird.

Wenn du mir die Augen dafür öffnest, dass deine Liebe, Jesus, dich ins Leiden führt. Dass du dem Unrecht, dem Leid, der Brutalität, dem Versagen, der Machtgier, den Abgründen – auch meinen eigenen – nicht mit Gewalt begegnest, sondern mit der Macht deiner Liebe: dann will ich sehen! Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend. Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und …

Was wird er nun tun mit sehenden Augen? Was wird er sich anschauen? Welchen Augen-Blicken folgen, welchen Bildern sich aussetzen? Und er folgte ihm nach und pries Gott. Der Blinde von Jericho macht die Augen auf und sieht den Weg. Er sieht, wo es langgeht, wo Jesus langgeht. Und geht mit! Er „sieht“, dass das Leiden Jesu an der Welt und für die Welt zum Leben führt und zum Heil.

Das gilt auch heute: Wo du dich Jesus vertrauend öffnest, dir von ihm die Augen öffnen lässt, wird sich alles verändern. Du selbst wirst heil werden und mitgenommen auf einen Weg, auf dem du zum Segen wirst für andere.