Weiter gehen
Clara Neubert lebt in Dresden und schreibt derzeit ihre Bachelorarbeit zum Thema Entwicklungszusammenarbeit. Sie staunt immer wieder darüber, wie Gott Menschen an Orte führt, an die sie sich selbst nie geschickt hätten.
„Traditiooon, Traditiooon“ schallt es durch den Saal. Die ganze OJC singt aus voller Kehle. Ich grinse meine Freunde an: Erwachsene sind schon lustig – auf der einen Seite reden sie von Weiterentwicklung, auf der anderen Seite lieben sie das Alte.
So oder so ähnlich sind meine Erinnerungen an die Sederfeiern, die ich als Kind in der OJC kennen und lieben gelernt habe. Überhaupt habe ich aus den vier Jahren, die meine Familie in Reichelsheim lebte, viel über unsere jüdischen Wurzeln mitgenommen.
Als ich zwölf Jahre alt war, ist meine Familie weiter gegangen – auch wenn sich dieser Schritt für mich zunächst eher wie ein Weggehen anfühlte. Ich musste Freunde zurücklassen und mein Zuhause abgeben. Erst später habe ich verstanden, dass meine Eltern mir damit etwas Wertvolles mitgegeben haben: den Mut, Gott auch auf unbekannten Wegen zu vertrauen.
Damals war meine Aufgabe einfach: mitgehen. Mittlerweile muss und darf ich solche Entscheidungen selbst treffen. In meinem Gesundheitsmanagement-Studium musste ich entscheiden, wie ich mein Praxissemester gestalte. Ich wollte auf keinen Fall in ein Krankenhausbüro – und verlegte meinen Wohnsitz für drei Monate auf einen anderen Kontinent, nach Tansania. Ich bin von Haus aus ein Familienmensch und ungern länger von ihr getrennt. Mein Praxissemester begann also mit dem ersten Wunder, nämlich dass Gott ein kleines Mädchen, das wegen Heimweh regelmäßig von Übernachtungsveranstaltungen abgeholt werden musste, in den Flieger nach Tansania setzte und ihm zutraute, die einzige Ausländerin im Dorf zu sein.
Es folgten viele weitere Wunder, aber eine Sache hat mich besonders bewegt: Die Frage nach der Existenz von Gott stellte sich überhaupt nicht. Die geistliche Welt war kein Hirngespinst, sondern Realität und damit änderte sich auch das alltägliche Leben. Entscheidungen wurden im Gebet getroffen, Herausforderungen und Freuden mit Gottes Wort beantwortet und gefeiert. Ich habe Menschen erlebt, die so tief in der Bibel verwurzelt waren, dass sie für jede Lebenssituation einen Bibelvers parat hatten – nicht als fromme Floskel, sondern als Orientierung für ihr Handeln.
Ich habe erlebt, was es heißt, einfach „nur“ eine Rebe an Gottes Weinstock zu sein (Joh 15). Und welche Kraft davon ausgeht, wenn wir unsere Wurzeln kennen. Ich darf Anteil haben an einem unglaublich großen Schatz, eingepfropft in die Geschichte, die Gott schon seit Jahrtausenden mit seinem Volk schreibt (Röm 11). Ich wünschte, ich könnte zum krönenden Abschluss schreiben, dass mir Entscheidungen zu treffen mittlerweile leicht fällt oder dass ich genauso eine Bibelfestigkeit besitze wie meine Freunde aus Tansania. Beides ist nicht so, aber ich liebe es genauso sehr wie es mich immer wieder herausfordert, mir von Gott seine Wege und Herrlichkeit in meinem Leben zeigen zu lassen. Ich möchte immer weiter gehen, wissen, dass Gottes Gnade immer überfließt und in allem meine Wurzeln nicht verlieren.
Fundamente für später
Tobias Pechmann hat von 1983 bis 2002 in seiner Familie bei der OJC mitgelebt. Seit 2024 leitet er das katholische Hilfswerk für arme und verfolgte Christen, KIRCHE IN NOT – Österreich.
Kälte, Fackeln und warme „Arme-Leute“-Suppe: Manche Erinnerungen an meine Kindheit in der OJC, wie die an den Hirtenlauf, haben sich eingebrannt. Ein Ostern ohne Sederfeier war für mich lange undenkbar, und wenn am Wochenende die Glocken der Schlosskapelle nicht um 11:55 Uhr zum Gebet riefen, fehlte etwas. Dass mich das nicht nur atmosphärisch geprägt hat, entdeckte ich erst viel später.
Trotzdem war es lange keine leichte Aufgabe zu beschreiben, wie das Aufwachsen in einer „ökumenischen Kommunität in der evangelischen Kirche“ so ist. Seit ich katholisch bin, ist das deutlich einfacher, weil klösterliches Leben ganz natürlich dazu gehört.
Viele Samen, die Gott durch das Leben mit Glastüren und Pietismus in mich gelegt hat, sind aufgegangen und tragen viel Frucht. Die Weite und Liturgie des Alltags der OJC bereichern auch heute meinen Glauben. 2011 bin ich nach längerer Prüfung katholisch geworden und ich entdecke ständig neu das Gute, Wahre und Schöne an der Weltkirche. Die Gemeinschaft der OJC war hierfür wichtig, weil sie mir geholfen hat, meinen Weg mit Gott an der Hand Jesu zu gehen.
Zu den Früchten des gemeinschaftlichen Lebens der OJC gehört für mich auch die Weite durch Gäste aus aller Welt, die plötzlich an unserem Mittagstisch auftauchten: christliche Syrer, Oppositionelle aus Südafrika, rührige russische Aktivisten oder Navajo-Indianer aus den USA. Mehr aber noch weitete sich mit den Jahren mein Blick darauf, wie Glaube und Alltag konkret Hand in Hand gehen: Das Feiern von Festen und des Kirchenjahrs bekamen über das Vertrautsein hinaus eine Bedeutung für mich, besonders, als mir bei allem Guten im Freikirchlichen die Liturgie mehr und mehr fehlte.
Durch das Aufwachsen in der OJC hat Gott einen roten Segensfaden in mein Leben gewoben, der mir manchmal deutlich den Weg weist, häufig eher wie Morgentau, fast unsichtbar, auf meinem Leben liegt. Gott sei Dank gibt es die OJC!
Zeit & Kaffee
Flinn Franke ist verheiratet, studiert in Erfurt Stadt- und Raumplanung und trinkt gerne Kaffee. Von seinem fünften bis achtzehnten Lebensjahr ist er in der OJC, erst in Reichelsheim, später in Greifswald, aufgewachsen.
Es ist mal wieder ein ganz normaler Uni-Tag und gegen 15 Uhr stehe ich vor der Entscheidung, nochmal zum Lernen in die Bib zu gehen oder nach Hause zu radeln und einen Kaffee zu trinken. Ich entscheide mich, wie so oft, fürs Zweite. Dieses „Käffchen“ am Nachmittag ist für mich ein Ankerpunkt im Tagesablauf, vielleicht, weil es in meinem Elternhaus auch so war. Gegen 15 Uhr kamen alle, die gerade zu Hause waren, zum Kaffee trinken, Obst oder Kekse essen und quatschen zusammen. Ganz simpel, aber für mich im Rückblick sehr bedeutsam, denn: Meine Eltern nahmen sich Zeit. Zeit für Gespräche, Zeit für Spiele, Zeit für uns.
Mir ist erst im Nachhinein bewusst geworden, dass das gar nicht selbstverständlich ist. Ich realisierte, dass wir in der OJC etwas anders lebten als meine Freunde es in ihren Familien taten. Dieses Anders ist schwer zu beschreiben. Es war gar nicht das kleine Gehalt und der „einfache Lebensstil“, dass wir uns weniger leisten konnten, sondern dass meine Eltern etwas Kostbares zu schenken hatten: Zeit. Arbeits- und Lebenszeit waren in der OJC nicht so scharf getrennt, meine Eltern konnten und mussten sich ihre Arbeitszeit oft flexibel einteilen. Das ist für meine Eltern sicherlich nicht immer einfach, da Flexibilität meist auch ständige Ansprechbarkeit für Gäste im Haus oder auch uns Kinder bedeutet. Dass sie sich in dieser Spannung dann Zeit für uns nahmen, dafür bin ich sehr dankbar.
Füreinander-Zeit-Haben ist ein hohes Gut – besonders heutzutage. Wenn Freunde von ihrer Kindheit erzählen, merke ich, dass ich in einer ziemlich christlichen Blase aufwachsen durfte. Das ist zwar nicht nur positiv, denn ich habe z.B. erst mit sechzehn vom selbstverständlichen Mit-Glauben zum bewussten Selbst-Glauben gefunden.
Trotzdem bin ich für diese Prägung sehr dankbar und möchte in meinem Leben auch Zeit für andere Menschen haben.
Den eigenen Weg gehen
Joel Nölling möchte Menschen verstehen, Gott besser kennenlernen und ein Leben führen, das einen Unterschied macht.
Immer wenn ich gefragt werde, woher ich komme, erzähle ich gerne, wie toll der Ort ist, den ich Heimat nenne. Ich wuchs nicht nur in meiner Familie mit meinen Eltern und zwei Geschwistern auf, sondern in einer riesigen Familie mit vielen Freunden und Vorbildern. Auch die Feste, die wir gemeinsam feierten, zeigten mir, was es bedeutet, in Gottes Reich zu leben. Als Kind habe ich vieles nicht verstanden, doch ich habe beobachtet, wie meine Eltern ihren Glauben in der OJC leben. Die Erfahrungen, die ich dort sammeln durfte, sind Gold wert. Zu sehen, wie ein Leben, das voll und ganz Jesus gewidmet ist, sein kann, hat mich sehr geformt. Meinen eigenen Weg mit Gott zu finden, war aber nicht immer leicht.
Innerhalb der OJC aufzuwachsen, war ein Segen, aber auch Leben in einer Bubble. Als ich an die weiterführende Schule kam, sah ich, dass die Welt außerhalb nicht überall so friedlich, liebevoll und heil ist (wie die OJC zumindest wirkt). Das forderte mich sehr heraus und es wurde mehr und mehr klar, dass ich nicht einfach fortsetzen kann, was meine Eltern leben, sondern ich muss den Weg, den ich mit Jesus gehen will, selbst finden. Nach meinem Abitur machte ich eine sechsmonatige Jüngerschaftsschule bei Jugend mit einer Mission. Diese Zeit brachte mich näher zu Jesus, denn ich wurde herausgefordert, eine persönliche Beziehung mit Ihm zu leben. Das ist, was Jesus mit uns will. Gebet, Lobpreis und stille Zeit waren nicht mehr nur „Dinge, die dazu gehören”, sondern Zeit mit Jesus, Begegnungen, die mich verändert haben. Ein Freund fragte mich kürzlich, wer mir das beigebracht hätte – daraufhin meinte ich: Jesus. Zu lernen, wie nah wir ihm sein können und dass durch Ihn alles kommt, ist ein unglaublicher Segen.