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Wieder haben Christen auf der ganzen Welt Pfingsten gefeiert. Mit festlichen Gottesdiensten. Mit Liedern über den Heiligen Geist. Mit den alten Worten aus der Apostelgeschichte: Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel (Apg 2,2). Pfingsten gehört zu den großen Festen der Christenheit.
Und doch wirkt es manchmal merkwürdig fern. Denn die biblischen Bilder sind eindrücklich: Feuerzungen. Sturmwind. Menschen aus vielen Nationen. Eine Predigt, die plötzlich jeder in seiner eigenen Sprache versteht. Dreitausend Menschen lassen sich taufen. Es ist kein stilles Fest. Pfingsten kommt mit Kraft. So, wie Menschen sich Gottes Handeln oft vorstellen: mit Sturmwind, Feuer und sichtbarer Veränderung.
Vielleicht liegt gerade darin aber auch ein Problem. Denn viele Christen kennen dieses Pfingsten nur aus der Ferne. Sie kennen die großen biblischen Bilder. Aber ihr eigenes Leben fühlt sich oft ganz anders an. Nicht wie Sturmwind oder Feuer. Sondern eher wie ein müder Alltag voller Sorgen, Schuld und innerer Kämpfe. Und genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf das Pfingstfest. Denn Apostelgeschichte 2 erzählt nicht nur von einem außergewöhnlichen Tag der Kirchengeschichte. Sie erzählt auch etwas Grundsätzliches über den christlichen Glauben.
Eine Kraft von außen
Unsere Zeit liebt den Gedanken der Selbstoptimierung. Die Probleme liegen angeblich außerhalb von uns, die Lösung aber in uns selbst. Man soll an sich arbeiten, an sich glauben und die eigene Kraft entdecken.
Und doch merken viele Menschen irgendwann, dass sie mit sich selbst oft nicht fertigwerden. Erst recht können wir uns nicht selbst Frieden geben. Denn der Mensch kreist seit dem Sündenfall immer wieder um sich selbst. Martin Luther beschreibt ihn als homo incurvatus in se – als einen Menschen, der in sich selbst verkrümmt ist. Vielleicht erklärt das auch, warum menschliches Zusammenleben so oft von Konkurrenz, Egoismus und Konflikten geprägt ist.
Die Jünger erscheinen an Pfingsten jedenfalls nicht als besonders starke oder begeisterte Menschen. Sie haben Angst, sind unsicher und ziehen sich zurück. Die Veränderung beginnt deshalb nicht in ihrem Inneren. Die Kraft kommt von außen. Vom Himmel. Der Heilige Geist selbst kommt zu den Jüngern.
Genau darin liegt ein zentraler Gedanke von Pfingsten: Der Mensch rettet sich nicht selbst. Gott kommt zum Menschen. Darum spricht die Bibel so oft davon, dass Glaube ein Geschenk ist. Vergebung, Trost und auch die Kraft zum Durchhalten müssen wir uns nicht selbst erschaffen. Vielleicht liegt gerade darin etwas Befreiendes. Der christliche Glaube verlangt nicht zuerst, dass Menschen stark werden. Er verkündet zuerst, dass Christus für sie stark geworden ist.
Feuer ohne Abstand
Die Feuerzungen von Pfingsten gehören zu den eindrücklichsten Bildern der Bibel. Im Alten Testament war Feuer oft Zeichen der Gegenwart Gottes. Mose begegnet Gott im brennenden Dornbusch. Israel sieht Feuer und Rauch am Sinai. Eine Feuersäule begleitet das Volk durch die Wüste. Doch diese Begegnungen hatten immer auch etwas Bedrohliches. Die Menschen hielten Abstand. Gott war heilig. Der Mensch sündig.
An Pfingsten geschieht nun etwas Neues. Das Feuer erscheint nicht mehr nur auf einem Berg. Nicht verborgen hinter dem Vorhang des Tempels. Es ruht auf den Menschen selbst. Die Gegenwart Gottes kommt mitten hinein in das Leben seiner Kirche. Nicht mehr verborgen hinter heiligen Orten oder besonderen Momenten. Sondern mitten unter gewöhnlichen Menschen. Und genau das verändert die Jünger. Mutig werden sie nicht durch eigene Stärke, sondern durch die Gewissheit, dass Christus den Weg zum Vater geöffnet hat.
Am Sinai stand Mose als Mittler zwischen Gott und Volk. An Pfingsten predigen die Apostel den größeren Mittler: Jesus Christus. Er bringt nicht nur Gebote, sondern Vergebung. Er trägt die Schuld der Menschen und öffnet ihnen den Zugang zu Gott. Darum wird aus Angst plötzlich Freimut. Aus versteckten Jüngern werden öffentliche Zeugen. Nicht, weil sich ihre Persönlichkeit verändert hätte. Sondern weil sie vonChristus her neu auf Gott und die Welt blickten.
Die Sprache des Nächsten lernen
Besonders auffällig an der Pfingstgeschichte ist die Vielfalt der Sprachen. Lukas nennt in Apostelgeschichte 2 bewusst die vielen verschiedenen Völker: Parther und Meder und Elamiter … Kreter und Araber. Menschen aus vielen Regionen hören das Evangelium gleichzeitig in ihrer Muttersprache.
Gerade darin liegt eine wichtige Aussage. Das Evangelium wird nicht zuerst exklusiv in Hebräisch, Aramäisch oder Griechisch verkündet. Es erklingt gleichzeitig in vielen Sprachen. Pfingsten macht damit deutlich: Keine Kultur besitzt Christus exklusiv. Kein Volk steht im Zentrum des Reiches Gottes. Und keine Sprache ist heiliger als die andere.
Gerade Christen vergessen das manchmal. Dann entsteht leicht der Eindruck, dass die eigene Form des Christseins die einzig richtige sei. Dass bestimmte Lieder, bestimmte Ausdrucksweisen oder die eigene kirchliche Kultur dem Evangelium näher stünden als andere.
Natürlich dürfen Christen ihre liturgischen Formen lieben. Pfingsten erinnert die Kirche aber zugleich daran, dass das Evangelium Menschen erreichen soll. Darum lernt sie immer wieder die Sprache ihres Nächsten – sprachlich, kulturell und menschlich.
Der leise Wind danach
Die Apostelgeschichte erzählt ein gewaltiges Wunder. Doch interessant ist, was danach kommt. Schon bald gibt es Streit in der jungen Kirche. Menschen handeln heuchlerisch. Es entstehen Konflikte. Die Gemeinde muss lernen, mit Spannungen umzugehen. Das große Brausen bleibt nicht dauerhaft. Der Alltag kehrt zurück. Und vielleicht ist gerade das tröstlich. Denn christlicher Glaube besteht nicht aus dauernder Begeisterung. Nicht jeder Tag fühlt sich geistlich stark an.
Viele Christen leben ihren Glauben eher still. Zwischen Arbeit, Sorgen, Krankheit, Einsamkeit und Müdigkeit. Doch gerade dort wirkt der Heilige Geist. Nicht nur im Spektakulären. Sondern auch im Gewöhnlichen. Im Wort Gottes. In Predigt, Taufe und Abendmahl. Und oft gerade in den stillen Momenten des Glaubens.
Vielleicht ist das die eigentliche Stärke von Pfingsten. Dass Gott seine Kirche nicht nur in außergewöhnlichen Momenten trägt, sondern auch dann, wenn vom Feuer des Anfangs scheinbar wenig übrig geblieben ist.
Christlicher Glaube bedeutet nicht, ständig geistliche Höhenflüge zu erleben. Oft zeigt er sich gerade im unspektakulären Alltag. Ein Christ voll Heiligen Geistes trägt oft nicht Medaillen auf der Brust, sondern Dornen im Fleisch. Und doch hält Gott seine Kirche fest – auch im müden Alltag, in der Schwachheit und dort, wo der Glaube manchmal nur noch wie ein leiser Wind wirkt.