Zwei Versuche hatte ich schon unternommen. Nun war der dritte dran. Die Watzmann-Ostwand – mit 1800 Höhenmetern die höchste Wand der Ostalpen – wollte ich solo durchsteigen. Alles schien passend, wenn auch für den folgenden Nachmittag Regen angesagt war. Schon zweimal war ich am Wetter gescheitert, jetzt sollte es klappen. Der Start gelang sehr gut, ich war sicher und schnell und hatte alsbald das erste Drittel fast hinter mir. Doch dann setzte der Regen ein.
Einen Tag zu früh! Was tun? Ich zögerte keinen Augenblick. Ich liebte Frau und Kinder und hatte durchaus Lust aufs Leben. Klar, ich hatte auch Lust auf diese Wand, Lust meine eigenen Grenzen mit der Solobegehung zu erweitern. Aber: ich wollte keinesfalls unnötiges Risiko eingehen. Also entschied ich mich bei den ersten Tropfen für den sofortigen Rückzug. Rasch ging es abwärts. Die innere Anspannung wich … als ich plötzlich bemerkte, dass ich da, wo ich jetzt war, nicht sein sollte. Verstiegen – der großen Gefahr dieser riesigen Wand mit drei Kilometer Kletterlänge erlegen. Die unerhörte Weite ist das eigentliche Problem dieser Tour. Und damit die Orientierung. Damit sich die aufkommende Panik legen konnte, suchte ich mir einen kleinen Felsvorsprung und atmete tief durch. Nach fast einer halben Stunde war ich wieder ruhig, konnte mich klar orientieren und fand meinen Weg sicher ins Tal.
Neues riskieren
Ab und an erscheint mir mein Leben wie solch eine weite Wand. Unzählbare Möglichkeiten, aber auch ebenso viele Gefahren. Ich vermute, dass König David ebenso empfand, als er schrieb: Du stellst meine Füße auf weiten Raum (Psalm 31,9). Ja, Gott ist ein Gott der Weite, nicht der Enge. Und die Wege, die er mich in meinem Leben geführt hat, haben stets dafür gesorgt, dass ich in weiteren weiten Räumen gelandet bin. Diese Weite lädt ein, mutig zu sein: Neues wagen, aufbrechen statt stehenbleiben, die eigenen Grenzen verschieben. Hinein ins Unbekannte. Nicht nur alpin, sogar was die eigene Glaubenserfahrung betrifft1. Solche mutigen Aufbrüche sind vor allem das Privileg der Jungen. Sie müssen spüren, wo Räume zu eng werden, und sie müssen Neues riskieren. Nicht nach ihrer Lust – sonst bleibt ihr Aufbruch doch ein enger Raum – sondern nach Gottes Weisung: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Wie verlockend ist solch eine Weite! Und welche Möglichkeiten warten jenseits des mir Bekannten! Aber eben auch die eine und andere Gefahr. Man kann sich versteigen. Oder verlaufen. Und das ist sicher keine Frage des Alters. Im weiten Land gibt es ungeschützte Stellen. Wenn man den sicheren Ort mit dem Wagnis eintauscht, kann es zu kritischen Situationen kommen. Da gelten zwei Dinge: ruhig bleiben und Orientierung gewinnen. Wohl dem, der dies frühzeitig eingeübt hat!
Zu diesen beiden Tugenden kommt eine dritte: Man muss Entscheidungen treffen und diesen vertrauen. Am Watzmann war für mich sofort klar: Rückzug und Abstieg. Und als ich mich verstiegen hatte: Ruhig werden und sich zur richtigen Route zurückorientieren.
Grenzen erkennen
Das weite Land, in das Gott uns lockt, ist übrigens kein unbegrenztes Land. Wer loszieht, muss sich in der Wirklichkeit seiner Grenzen einfinden können. Nur so kann er diese dann auch jedes Mal ein kleines Stück verschieben.
Gerhard Engelsberger schreibt: „Der Mensch kann nicht mehr geben, als ihm gegeben ist. (…) Menschen, die ihr Maß nicht kennen, sind sich selbst und anderen eine Last.“ Aber auch: „(…) Menschen, die ihr Maß gefunden haben, sind ein Segen für ihre Umgebung“2. Nur wer sein eigenes Maß einschätzen kann, kann aufbrechen. Nicht weil sein Maß so trefflich wäre, sondern weil er vom Maß dessen lebt, der sein Leben auf weiten Raum stellt!
Zurück zum Watzmann. Das für mich nachhaltig Eindrücklichste dieser Solo-Tour begann, als eigentlich alles vorüber war. Als ich sicher am Wandfuß stand und nur noch den Touristenweg nach St. Bartholomä zurückbummeln musste. Der Regen hatte sich verzogen. Und in mir war eine tiefe Freude über diese Tour. Sie hatte mich nicht an mein ursprüngliches Ziel gebracht. Aber ich war rasch und sicher vorangekommen und hatte die kritische Situation im Abstieg gut überwunden. Ich war so zufrieden, dass ich mir in diesem Moment sicher war, nie wieder hierher zurückkehren zu müssen.
Die Weite lädt ein, tiefes Glück zu erfahren. Dabei ist es nicht entscheidend, ob man seine Ziele erreicht oder nicht. Die Erfahrung im Umgang mit der Weite – die des Aufbruchs und der Rückkehr, des Wagnisses und der richtigen Entscheidung in kritischer Lage – genügen vollauf.
So habe ich auch im Leben insgesamt meinen Weg gefunden. Kürzlich habe ich meinen 65. Geburtstag gefeiert. Und in wenigen Woche wird mein 40. Ordinationsjubiläum sein. So manche Tour liegt hinter mit. Manche hat mich ans Ziel gebracht, bei anderen musste ich umdrehen oder wenigstens das Ziel anpassen. Wenn Mut und Wille zum Aufbruch das Privileg der Jüngeren ist, so ist es der Dank und die Zufriedenheit für der Älteren. Auch ohne die Begehung der Watzmann-Ostwand in meinem Tourenbuch sehe ich voller Dank und Zufriedenheit zurück. Und das nicht nur alpin. Und auch wenn es unerreichte Ziele gibt, sind es doch keine offenen Rechnungen. Gott hat mein Leben auf weiten Raum gestellt! In dem, was hinter, und in dem, was noch vor mir liegt!