- Autonomie und Würde
- Beziehungswesen Menschenskind
- Der notorische Ödipus-Komplex
- Kalibriert auf königliche Maße
- Der Zirkelschluss um den eigenen Nabel
- Vermessen oder Ebenmaß?
- Tacheles – das äußerste Maß
- Anmerkungen:
Eigentlich sollte ich einen Text über das „Maß“ schreiben: Weite, Länge, Höhe, Tiefe. Über das rechte Maß, das Menschenmaß – aber dann ist Jens Spahn zurückgetreten.
Mitten in der parlamentarischen Sauregurkenzeit. Nicht von allen Ämtern, nur als Chef der CDU/CSU, und auch nicht aus freien Stücken. Er sei zu weit gegangen, heißt es. Bis nach Amerika, wo er und sein Mann sich ihren Kinderwunsch erfüllten, mithilfe einer Dienstleistung, die in Deutschland illegal ist und gegen die er sich als Katholik und Christdemokrat mit deutlichen Worten verwahrt hatte: „durch einen gemieteten Mutterbauch“. Aus dem Amt fegte ihn die Empörung darüber, dass der führende Politiker auf eine Weise zum Kinde kommt, wie es für Otto Normalbürger unerschwinglich wäre, und sich obendrein den Luxus einer privaten Moral leistet, während er für den Plebs eine andere geltend macht.
Die Nachricht vom Vaterglück im Hause Spahn & Funke bringt Zunder in die Debatte über Nachwuchs-Arrangements für Regenbogenpaare, über die Grauzone zwischen Reproduktionstechnologie und Menschenhandel und – wenn auch nur am Rande – darüber, was dem Wohl des Kindes dient. Wie weit darf man(n), darf frau gehen im Streben nach Elternglück? Welche Rechtsgüter stehen zur Disposition, und ist die Allgemeinheit überhaupt befugt zur Regelung derart persönlicher Fragen? Die Gurke ist aus dem Glas, der Geist aus der Flasche: Leihmutterschaft und Eizellenspende bleiben ein heißes Eisen in dieser Legislaturperiode.
Die Argumente pro und contra sind leicht zugänglich, deswegen verweise ich nur auf einige erhellende Artikel in der Sache*. Die Debatte offenbart Verwerfungen, die tiefer reichen als jene zwischen den berechtigten Interessen der involvierten Parteien, oder zwischen Chancen und Gefahren der Hightech-Reproduktionsmaschinerie in einer globalen und wertepluralen Gesellschaft. Christen, die sich kritisch äußern, wird oft vorgeworfen, anderen ihre „persönlichen“ Glaubenssätze (Spaghettimonster) aufzudrängen, wenn sie Überzeugungen in der öffentlichen Debatte geltend machen. Was haben schon Christen, allen voran in der Union, an Substanz beizusteuern?
Nichts – meint die Beinahe-Verfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf. Im Interview in DIE ZEIT vom 20. Juli hielt sie der Union vor, ihre Position zur Leihmutterschaft sei von einem Menschenbild geprägt, „das nicht mehr dem Grundgesetz entspricht“. Der Staat dürfe Frauen die selbstbestimmte Entscheidung nicht „paternalistisch“ absprechen. Überhaupt ginge es den Kritikern, allen voran der (katholischen) Kirche in der Debatte, „leider gar nicht um Vernunft- und Sachargumente, sondern vor allem um die eigene Ideologie. Um ein Menschenbild, das nicht auf die Autonomie des Einzelnen setzt und unserem Grundgesetz fernliegt.“
Eine fragwürdige Ideologiekritik aus dem Munde der Rechtsgelehrten, die in der Pandemie mit der Meinung aufwartete, eine Impfpflicht sei nicht nur verfassungskonform, der Staat könne sogar die verfassungsrechtliche Pflicht zu ihrer Einführung haben. Während Brosius-Gersdorf beteuert, ihr täten „die Paare leid, die sich wegen Homosexualität oder aufgrund biologisch-genetischer Gründe einen Kinderwunsch nur im Ausland erfüllen können“, moniert sie ethische Vorbehalte gegen Leihmutterschaft als Splitter im Auge der Skeptiker. Dabei verstellt ihr der Balken im eigenen Auge – die ideologische Überhöhung der Autonomie – die Sicht auf die Tatsache, dass „unser Grundgesetz“ dem autonomen Handeln des Einzelnen klar die Barriere des Sittengesetzes (Art. 2 Abs.1 GG) als sozial-ethischen Mindeststandard entgegensetzt.
Autonomie und Würde
Die Verfassung schützt durchaus die Integrität der Wertegemeinschaft! Vor allem aber schützt sie vulnerable, schutzbedürftige, in ihrem Handlungsradius beeinträchtige Personen gegen überzogene Autonomiebestrebungen potenter, durchsetzungsfähiger und zahlungswilliger Individuen. Es ist legitim, Leihmutterschaft als sittenwidrig zurückzuweisen, wenn die Würde von Mutter und Kind angetastet wird, indem das unveräußerliche Gut, das das Verhältnis der beiden natürlicherweise darstellt, ausgehebelt und in den Dienst eines dubiosen Autonomieanspruchs gestellt wird.
Allem voran postuliert Art. 1 Abs. 1 GG, dass die Würde des Menschen unantastbar ist – nicht etwa die Autonomie des Einzelnen! Der Begriff kommt da gar nicht vor; womöglich, weil er „unserem Grundgesetz fernliegt“. Der Mensch hat Würde qua Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht, selbst wenn er noch nicht, oder wenn er nicht mehr autonom zu handeln vermag. Seine inhärente Würde erst rechtfertigt einen Anspruch auf die Entfaltung der Persönlichkeit und auf selbstbestimmtes Handeln. – Wessen Menschenbild also „entspricht nicht mehr dem Grundgesetz“, Frau Brosius-Gersdorf?
In einer Sache hat sie recht: Es geht nur vordergründig darum, individuelle Ansprüche, Rechte und Pflichten auszutarieren. Im Kern geht es um die Frage: Was ist der Mensch?
Beziehungswesen Menschenskind
Bei Elternschaft und Kindschaft geht‘s ans Eingemachte. Sie sind die erste, ureigene Zuordnung des Menschen zur Menschheit, das Urmaß aller Zugehörigkeit und der Wurzelboden unserer Identität.
Noch bevor irgendwelche Eigenschaften oder Fähigkeiten der Person erkennbar werden, bevor ihm andere oder er selbst etwas zuschreiben könnten, ist ein jeder Mensch Kind seiner beiden Eltern. Eine unumgängliche leibliche Gegebenheit. Wir können keine valide Aussage über den Menschen machen, keine anthropologischen, ethischen, soziologischen oder theologischen Folgerungen über die menschliche Person ziehen, wenn wir ihre Herkunft ignorieren oder relativieren.
Ob im Guten oder im Argen: nur wer sich der existenziellen Wucht seiner Herkunft stellt, kommt sich selbst auf die Spur. Ob es uns die Sprache verschlägt oder unseren Worten Flügel verleiht, wie dem Psalmisten, der überwältigt von der Weite des Kosmos und der Heiligkeit des Schöpfers, seine staunende Frage in dieser allerersten Zuordnung verankert:
Was ist der Mensch (enesch) – dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind (ben adam) – dass du dich seiner annimmst? (Psalm 8, 4)
Wir Menschenkinder erschließen uns die Welt aus dieser Urbeziehung. Unser Schicksal macht nur in Verbundenheit Sinn. Die Berichte der Bibel wissen wohl auch ein Lied zu singen von Gefahren, Verlusten und Verletzungen in den primären Bindungsbeziehungen, die unsere Identität porös machen. Der verkleidete Jakob, der verkaufte Josef, der ausgesetzte Mose – um nur die bekanntesten Protagonisten zu nennen. Auch ihnen galten diese versehrten Primärbeziehungen als Maß, um die Weite, Tiefe, Länge und Höhe ihrer Realität ausloten, in der ihnen Gott begegnete. Das ist übrigens kein exklusiv biblischer Gedanke, sondern eine universelle Erfahrung. Besonders ist nur der Zuspruch, dass uns kein blindes Schicksal den Platz im Gefüge der Geschlechter zuweist, sondern ein wohlwollend zugewandter Schöpfer.
Der notorische Ödipus-Komplex
Nicht nur die Israeliten haben verstanden, dass Wesen und Würde der Person unlösbar mit ihrem Ursprung verknüpft ist. Auch die griechische Antike betont, wie bedeutsam das Generationengefüge im Streben des Menschen nach Daseinsberechtigung, Identität und Selbstwirksamkeit ist. Ganz prominent in der Ödipus-Saga, wie sie der Athener Dichter Sophokles auf die Bühne brachte.
Wir kennen die tragischen Verflechtungen: Dem Königspaar von Theben wird prophezeit, dass, falls sie dem Willen der Götter zum Trotz einen Sohn zeugen, dieser den Vater töten und die Mutter freien würde. Um das zu verhindern, wird der Säugling ausgesetzt, jedoch aufgefunden und von einem fremden Königspaar großgezogen. Nachdem ihm das Orakel von Delphi die gleiche Prophezeiung offenbart, verlässt der Jüngling Ödipus panisch das Paar, das er für seine Eltern hält – und das Unheil nimmt seinen Lauf. Er tötet unwissentlich den Vater, heiratet die Mutter und besteigt den Thron von Theben. Erst als die Stadt wegen des ungesühnten Königsmordes von der Pest heimgesucht wird und Ödipus Ermittlungen zur Aufklärung einleitet, kommt die Wahrheit ans Licht.
Ödipus ist ein Leben lang zwei Leitsätzen, eingraviert in die Säulen des Apollon-Tempels in Delphi, hinterhergerannt, um am Ende kolossal an ihnen zu scheitern: „Erkenne dich selbst!“ und „Nichts im Übermaß!“ – Wie auch sollte ein Menschenkind, das über seine Herkunft getäuscht wurde, erkennen, wer es ist? Und wie sollte jemand, der sich selbst nicht kennt, das rechte Maß finden für ein fruchtbares, wirkmächtiges Leben? Die alten Griechen stellten die richtigen Fragen…
Was aber ist dem Menschen angemessen? Was braucht er, um die Weite, Höhe, Länge und Tiefe seiner kreatürlichen Bestimmung auszuloten – also das, was das Grundgesetz als das „Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ (Art. 2 Abs. 2) garantiert und Frauke Brosius-Gersdorf als „Autonomie“ verstanden haben will? Ich denke, unser christliches Erbe hat dazu durchaus Substanzielles beizusteuern, auch über persönliche Glaubenssätze hinaus. Und das hat zu tun mit dem rechten Maß.
Kalibriert auf königliche Maße
Längenmaße orientieren sich seit jeher an Körpermaßen. In einigen Sprachen sind sie in Gebrauch, im Deutschen etwas verstaubt: Daumen(dicke), Spanne, Handbreit, Elle, Fuß, Schritt oder Klafter (klãftra = altdeutsch für Um-Armlänge). Die Ägypter kannten kalibrierte Elle-Stäbe: die „königliche Elle“ (52,5 cm) in der Architektur und die „kleine Elle“ (ca. 45 cm) im Alltagsgeschäft. Die Differenz soll die Handbreit des Pharaos gewesen sein. Karl der Große hatte kurzerhand die eigene Elle zum Maß im ganzen Reich gesetzt, und Heinrich I. von England bestimmte als Yard den Abstand zwischen seiner Nasenspitze und dem Daumen am ausgestreckten Arm. Mit dem Ende des Ancien Régime wurde in Paris 1790 der „meter“ neu definiert als der zehnmillionste Teil der Entfernung zwischen Nordpol und Äquator. Ein Platin-Iridium-Stab, der Etalon, diente bis 1983 als Urmeter, seitdem wird der Meter über die Lichtgeschwindigkeit definiert. Das Fortschreiten der Abstrahierung sagt einiges darüber aus, wie sich das Verhältnis des Menschen zur Welt und zu sich selbst gewandelt hat …
Der Zirkelschluss um den eigenen Nabel
Standardisieren heißt immer auch abgleichen. Aber was taugt als Bezugsgröße? Wer setzt das Maß? Pharao? Karl der Große? Die Linie zwischen zwei Punkten auf dem Globus? Das Rasen der Photonen im Vakuum?
Alle Bereiche unseres Lebens sind geprägt von der Lust und der Last, auf andere bezogen zu sein. Nichts an uns ist autonom – sogar unser Bild von uns selbst speist sich aus Vorstellungen, Werten und Erwartungen unserer Umgebung.
Anschaulich wird das an Leonardos Skizze vom vitruvianischen Menschen, einer männlichen Gestalt mit ausgestreckten Extremitäten im doppelten Rahmen von Kreis und Quadrat. Die Renaissance hatte das Lehrwerk des römischen Architekten Vitruv wiederentdeckt und zum Standard erhoben. Dieser nannte als drei Grundpfeiler der Baukunst die firmitas (Festigkeit), utilitas (Nützlichkeit) und venustas (Schönheit). Das Bauwerk sollte sich dabei an den Proportionen des Menschen orientieren, allerdings nicht an den vorfindlichen, sondern am geometrisch ermittelten Ideal:
„Der natürliche Mittelpunkt des Körpers ist der Nabel. Liegt ein Mensch mit gespreizten Armen und Beinen auf dem Rücken, und setzt man die Zirkelspitze am Nabel ein und schlägt einen Kreis, dann berühren diesen die Fingerspitzen beider Hände und die Zehenspitzen. Ebenso wird sich am Körper auch die Figur eines Quadrats finden. Das Maß von den Fußsohlen bis zum Scheitel angewendet auf die ausgestreckten Hände ergibt die gleiche Breite und Höhe, so wie bei quadratisch angelegten Flächen nach dem Winkelmaß.“
Die Vorstellung, dass der Mensch nach einem kosmischen Ebenmaß mit den Grundbausteinen der Welt verbunden ist, findet sich im Grundwasser aller Zivilisationen. Ebenso die leidvolle Einsicht, dass diese Harmonie empfindlich gestört ist: Der Mensch ist aus dem Leim gegangen und die Welt aus den Fugen geraten. Der Bauchnabel, leiblicher Marker von Herkunft und Urbeziehung, taugt nicht mehr als verlässlicher Ausgangspunkt, um uns in der Welt zu verorten: Unsere Beziehungen sind versehrt und der geistliche Urgrund unseres Seins unkenntlich geworden.
Wir haben unsere Mitte verloren und sind hin- und hergerissen zwischen Selbstanmaßung und Selbstverachtung. Wie Ödipus, der alle Hebel in Bewegung setzt, um seine Autonomie zu behaupten, sich aber umso tiefer im Geflecht von Lebenslügen verstrickt, die ihn und die Seinen seit Generationen umranken. In dem Bestreben, den Niedergang seines Geschlechts zu verhindern, führt er genau diesen herbei. Ihm bleibt zum würdevollen Abgang nur das Eingeständnis seiner Schuld und der eigenen Nichtigkeit in einem unwirtlichen, dem Menschen abgewandten Universum.
Vermessen oder Ebenmaß?
Wie finden wir wieder zur Mitte? Was rettet aus Vermessenheit und Verlorenheit?
Diese Frage bewegte auch die ersten Christen in Ephesus. Sie waren noch mit Ödipus, Odysseus und anderen mythologischen Figuren der Antike großgeworden. Ihre Landsleute verehrten die Artemis Ephesia in einem prächtigen Tempel – einem der sieben Weltwunder. Der Kult vereinte in einem kuriosen Amalgam zwei gegensätzliche Prinzipien: die überbordende Fruchtbarkeit der Muttergöttin (Kybele) und den Antinatalismus der männerscheuen Jägerin (Artemis-Diana). Als beflissene Hebamme war sie launische Herrin über Leben und Tod der Leibesfrucht. Kreißende Frauen riefen sie an, sich ihrer Kinder anzunehmen.
Solche Urbilder des Menschlichen, der Welt und der darin wirkenden Kräfte waren den Ephesern geläufig. Wie aber, was aber ist der Mensch im Bilde Gottes, zu dem sie sich nun bekehrt hatten? Des Menschen Kind, dessen sich der Schöpfer annimmt? Sie erhofften sich Aufschluss im Brief des Apostels.
Saulus aus Tarsus war Zeltmacher mit gutem Augenmaß. Als Schüler des Gamaliel kannte er die Heilige Schrift in- und auswendig. Als Diaspora-Jude waren ihm die Werke der Dichter und Philosophen Griechenlands vertraut. Er wusste, wer er war: Israelit aus dem Stamme Benjamin, der sein Pedigree bis zu den Patriarchen herbeten konnte. Und gebürtiger Bürger Roms, der seine Rechte kannte und geltend machen konnte. Kein Stoff, aus dem antike Tragödien sind. Und dennoch war Saulus drauf und dran, sich wie ein wütiger Ödipus heillos zu verrennen, als er mit dem Haftbefehl des hohen Rates in der Tasche der jungen Gemeinde des Jesus von Nazareth nachstellte. Am Ende hat ihn nicht das Orakel von Delphi zu Selbsterkenntnis und Mäßigung gemahnt; es war die unsanfte Kollision mit dem Auferstandenen, die sein gesamtes Koordinatensystem auf den Kopf stellte.
Aus dieser heilsamen Erschütterung ist die Einsicht hervorgegangen, die er mit den Geschwistern in Ephesus teilt:
Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem jede Vaterschaft (patria) in den Himmeln und auf Erden benannt wird: Er gebe […]; dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohnt und ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid, damit ihr imstande seid, mit allen Heiligen völlig zu erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, und zu erkennen die alle Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt werdet zur ganzen Fülle Gottes. (Eph 3,14-19)
Christus ist das Königsmaß, der Etalon der Menschlichkeit. Nicht nur Vorbild, dem wir nacheifern, sondern Urbild, auf das hin wir erschaffen sind. An ihm wird das äußerste Maß der Liebe Gottes offenbar.
Tacheles – das äußerste Maß
Das Äußerste, das Letzte, das Wesentliche und Vollkommene nennt das biblische Hebräisch „tachlit“. Aus diesem Wort leitet sich der jiddische Ausdruck „Tacheles reden“ ab: zum Kern der Dinge vordringen, auf den Punkt kommen. In Christus redet Gott Tacheles mit der Menschheit. Er bringt die Schöpfung auf den Punkt.
Was für ein Privileg! ruft Paulus der Gemeinde im Schatten des Artemis-Tempels zu: Uns ist das Geheimnis wahrer Elternliebe offenbart! An Christus sehen wir, wie Gott uns sieht. Sein Blick ruht liebend auf den Menschenkindern (ben adam), weil der Menschensohn (bar enesch, Vgl. Dan 7,13), der Erstgeborene und Erbe der Herrlichkeit, uns zu Miterben gemacht hat.
Die Elberfelder Bibel übersetzt das Wort „patria“, das oft mit „Geschlechtern“ wiedergeben wird, als „Vaterschaft“. Es geht um den Ursprung des Lebens. Alle väterlich-elterliche Dynamis hat ihren Ursprung in Gott. Im Gegensatz zu Tieren und Pflanzen ist der Mensch nicht auf Reproduktion programmiert, sondern im Bilde Gottes zu liebender Beziehung erschaffen und als Mann und Frau gemeinsam zur Elternschaft mandatiert (Vgl. Gen 1). Dieses Mandat ist eingewoben in das dynamische und sensible Geflecht von primären Bindungen (an Vater und Mutter), von Ablösen und Anhaften im Gefüge der Generationen, in dem Rollen und Zuordnungen nicht austauschbar sind (vgl. Gen 2).
Nachwuchs steht Erwachsenen nicht einfach zu – auch nicht, wenn sie den Willen, die Macht und die Mittel haben, sich ein Kind zu verschaffen. Oder sich eines Kindes zu entledigen, wenn es ungelegen kommt. Ein Kind ist Geschöpf Gottes, den Eltern anvertraut – darin gründet die unveräußerliche Würde der Menschenkinder (ben adam). Sowohl Kindersegen als auch sein Ausbleiben dienen den biblischen Gestalten zur Bewährung des Glaubens und als Katalysator für göttliches Heilshandeln. Jeder Versuch, Kinderlosigkeit durch findige Arrangements zu unterlaufen, mündet in bedrohlichen Krisen. In Epheser 6 führt der Apostel aus, wie der Logos=Tacheles, die in Christus auf den Punkt gebrachte Liebe des himmlischen Vaters auch die Beziehung zwischen Eltern und Kindern in der Gemeinde auf ein neues Fundament stellt, die ureigene Würde der Elternschaft und der Kindschaft wiederherstellt und beides in die Fülle bringt.
Leonardos Skizze wurde zum Emblem des Humanismus, der Zuversicht, dass der Mensch in der Lage ist, den Fliehkräften des Kosmos sich selbst entgegenzusetzen und die Welt nach dem eigenen Maß zu erforschen, zu erschließen und zu meistern. Immerhin nach einem Menschenmaß, das sich an Christus orientiert. Dieser Fluchtpunkt ist durch die Jahrhunderte zunehmend verblasst, war aber noch erkennbar, sodass die Väter des Grundgesetzes nach dem Flächenbrand einer vermessenen Ideologie, die Menschen systematisch dehumanisierte, an dieses Maß wieder anknüpfen konnten: „Im Bewusstsein ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen“, heißt es in der Präambel.
Wenn wir anfangen, es als autonome Entscheidung der Frau zu feiern, dass sie ihre Gebärfähigkeit oder ihre Eizellen kommerzialisiert und vom elterlichen Mandat abkoppelt, dann leisten wir nicht nur einem ausbeuterischen System Vorschub, sondern setzen die Würde des Menschen selbst aufs Spiel: Mutterschaft wird entpersönlicht und verzweckt, der Frauenleib zur Dienstleistung und das Kind zum Vertragsobjekt zwischen Geschäftspartnern (ganz zu schweigen vom Verbleib der für die Prozedur schockgefrorenen vier bis sechs weiteren Embryonen). Obendrein wird das Kind empfindlich in seinem „Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ (Art. 2 Abs. 1 GG), eingeschränkt, denn die kann sich erst aus der Urbeziehung mit der Frau heraus, in der es neun Monate heranwächst, entfalten! Liebevolle Adoptiveltern wissen nur zu gut, dass die Trauer um diese verlorene Erstbeziehung auch in der eigenen Beziehung mit dem Kind Raum braucht und womöglich ein lebenslanges Thema bleiben wird.
Reden wir Tacheles: Zu meinen, die Person ließe sich, ohne Schaden zu nehmen, vorsätzlich und kalkuliert von ihrer Herkunft ablösen, ist die posthumanistische Bankrotterklärung für den Menschen als leiblich-seelisch-geistliches Beziehungswesen.
Was ist des Menschen Kind? Das wird gerade neu ausgeknobelt. Was tragen wir dazu bei? Welche Begriffe haben wir für unsere Hoffnung? Und wie machen wir sie verständlich und einsichtig in einem politischen Umfeld, das die Biotech-Variante des Artemis-Kultes als reproduktive Selbstbestimmung feiert? In einer Kultur, die nur Wunschkindern ein Recht auf Leben einräumt, und in der es Okay ist, wenn Wunscheltern biologische Beziehungen instrumentalisieren und verschleiern.
Wir müssen reden.
Anmerkungen:
Stimmen aus Kirche und Öffentlichkeit zur Debatte über Leihmutterschaft und Jens Spahns Umgehung des Verbotes in Deutschland
Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)
Leihmutterschaft. Verletzlichkeit von Frauen und Kindern verdient besonderen Schutz. Stellungnahme
Bischof Dr. theol. habil. Stefan Oster, Passau
Statement zur Leihmutterschaft. Der Bischof warnt er eindringlich vor einer Kommerzialisierung des menschlichen Lebens und betont die unantastbare Würde des Kindes. Siehe auch hier bei Youtube
Prof. Dr. med. Paul Cullen, Humanmediziner und klinischer Chemiker, Ehrenvorsitzender des Vereins Ärzte für das Leben
Gebärmuttervermietung und der Mensch als Ware: Die Verfügbarmachung von Frauen und Kindern
Was bedeutet Leihmutterschaft im Hinblick auf die Unverfügbarkeit des Menschen und seiner Würde. Der Mediziner nimmt praktische Implikationen dieser Reproduktionstechnik ins Visier – denn die Risiken für Mutter und Kind bleiben oft unbeachtet.
Annika Ross, Journalistin, Redakteurin bei EMMA:
Leihmutterschaft: Frauen sagen Nein! Der Kauf eines Kindes hat Jens Spahn zu Fall gebracht - zurecht. Durch den Skandal ist in der Mitte der Bevölkerung angekommen, um was es bei wirklich geht. Mit dieser Welle der Empörung – vor allem von Frauen – hatte wohl niemand gerechnet.
Birgit Assel, Dipl.-Sozialpädagogin und Traumatherapeutin:
Der vergessene Georg. Das Wohl des von einer Leihmutter ausgetragenen Sohns von Jens Spahn wird in den meisten politischen und moralischen Debatten zum Thema nicht berücksichtigt.
Dr. med. Martina Lenzen-Schulte, Medizinjournalistin:
Das globale Geschäft mit Gebärmüttern. Flatrates, Erfolgsgarantien, Premium-Pakete: Der internationale Markt für Leihmutterschaft folgt den Regeln eines Luxusgeschäfts. Die Leidtragenden sind oft die Frauen, die die Kinder austragen. Doch manche von ihnen werden inzwischen selbstbewusster.
Birgit Kelle, Journalistin und Autorin im Interview in SWR 1 – Leute
Darum ist Leihmutterschaft in Deutschland verboten. Gespräch mit der Autorin von Ich kauf mir ein Kind. Das unwürdige Geschäft mit der Leihmutterschaft. FBV 2024
Univ.-Prof. Dr. Frauke Brosius-Gersdorf im Interview:
»Wer Frauen als ›Brutkästen‹ bezeichnet, will nicht diskutieren«. Die Verfassungsrechtlerin hat Verständnis für die Inanspruchnahme einer Leihmutter durch Jens Spahn. Trotzdem hält sie seinen Rücktritt für konsequent.
Konstantin Schreiber, Journalist, Nachrichtenredakteur, Publizist
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Zur Gewichtung von Freiheit im Grundgesetz –im Zusammenhang mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde. Erwiderung zu Frauke Brosius-Gersdorfs Statement über Leihmutterschaft und Selbstbestimmung der Frau.