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Pixelbild Adam und Eva

Der Körper ist keine Kränkung – Gängige Menschenbilder auf dem Prüfstand

Jeppe Rasmussen –

Das Lied trillert fröhlich, fünf Kinder rennen um einen Stuhlkreis. Plötzlich verstummt die Musik, vier Kinder erobern eine freie Fläche, eins geht leer aus und scheidet aus. Mit vier Kindern und drei Stühlen kann die Reise nach Jerusalem weitergehen.
Dieses heitere Spiel kann einen nicht nur ins Schwitzen bringen, sondern auch Erkenntnisse liefern. Erkenntnisse, die viele heute für umstritten halten: Der Körper – lebendig und Raum (Sitzplatz) einnehmend – ist Teil der menschlichen Person. Das Spiel zeigt: Auch wenn fünf Menschen im Geiste den Entschluss fassen, sich auf denselben Stuhl niederzulassen, gelingen wird es nur einem. Körper und Geist sind zwei unterschiedliche Aspekte der einen menschlichen Person.
Eine fast banal anmutende Feststellung. Trotzdem gab und gibt es in der (post-)modernen westlichen Welt viele Bestrebungen, den einen Aspekt zu verabsolutieren und den gegenteiligen für vollkommen unwichtig zu erklären. Zu diesen Strömungen passt das Wort von Dostojewski: „Es ist uns sogar lästig, Mensch zu sein – ein Mensch mit wirklichem, eigenem Fleisch und Blut; wir schämen uns dessen, halten es für eine Schmach und trachten lieber danach, irgendwelche phänomenalen Allgemeinmenschen zu sein. […] Bald werden wir so weit sein, dass wir von einer Idee gezeugt werden.“1

Deterministisches Körperbild

Dass wir Menschen ein zwiegespaltenes Verhältnis zum eigenen Körper haben, ist verständlich. An ihm erleben wir Freude, Lust und Wachstum, aber auch Schmerzen, Krankheit und Verfall. Der Geist und seine Gedanken sind (scheinbar) frei, nur der Körper scheint an Zeit und Raum gebunden. Das begrenzt uns, zwingt zur Einnahme von Position und Perspektive und konfrontiert uns mit der als Kränkung erlebten Tatsache, dass wir weder allwissend noch allmächtig sind.
Wie über den Menschen gedacht wird, ist alles andere als egal. Die Anthropologie, das Bild vom Menschen, prägt auch die Einstellung zum leiblichen Sein. „Denn das Bild des Menschen, das wir für wahr halten, wird selbst ein Faktor unseres Lebens. Es entscheidet über die Weise unseres Umgangs mit uns selbst und mit den Mitmenschen, über Lebensstimmung und Wahl der Aufgaben.“2 Die Bilder, die heute unser Denken über den Menschen in seiner Leiblichkeit prägen, haben uns von unserem Körper weitgehend entfremdet.

Eines davon ist das naturalistisch-deterministische Menschenbild. Es trägt bei der Bedeutung der menschlichen Natur und Biologie besonders dick auf: Der Mensch wird durch seine Materie bestimmt und unterliegt – bis zur vollständigen Determination – den Naturgesetzen. Verhalten, Vorlieben und Persönlichkeit des Menschen werden durch Gene, Hormone und neuronale Verdrahtungen im Gehirn gesteuert. Jegliches Reden über freies Bewusstsein oder einen menschlichen Geist können nur verstanden werden als Folge von biochemischen Prozessen. Aus denen geht der Geist, ebenso wie das Verhalten (z.B. Bindung, Liebe und Altruismus) hervor.3 Weil von den Naturgesetzen bestimmt, ist der Mensch auch steuerbar. Seine Biologie kann optimiert werden. Häufig halten die Denker und Vorreiter dieser Schule den Menschen auch für optimierungsbedürftig.

Konstruktives Körperbild

Ein anderes ist das sozial-konstruktivistische Menschenbild, das heute lautstark auftritt. Es ruft aber von der
gegenüberliegenden Warte. Ihm zufolge sind Natur und Biologie des Menschen willkürlich und unbestimmt; vielmehr konstituiert die soziale und kulturelle Prägung den Menschen in seiner Persönlichkeit, seinem Wollen und Verlangen. Auch das Merkmal Geschlecht betrachten diese Denker als Ergebnis einer Konstruktion gemäß dem Diktum Gernot Böhmes, wonach für die Moderne alles „Gegebene in ein Gemachtes zu verwandeln“4 sei. Der Mensch habe keine Natur, Mann- und Frau-Sein sind – wie jede Identität – Ausdruck einer selbstgewählten Festlegung, die beliebig häufig verändert werden kann.
Beide Positionen haben eine „Auffassung des Körpers als eines objektivierbaren, uns äußerlichen Vehikels oder Apparates, der grundsätzlich unserer freien Verfügung und Manipulation unterliegt.“5 Für Vertreter der naturalistisch-deterministischen Position wird der Körper zum Experimentierfeld biologischer, chemischer oder genetischer Optimierungsversuche. Der Geist ist lediglich ein Epiphänomen (eine Begleiterscheinung) dieser Vorgänge. Die sozial-konstruktivistischen Denker heben die Fähigkeit des Geistes (das Bewusstsein, die Gefühle, das Wollen und Verlangen) hervor, den Körper und seine Identität – unabhängig von der Biologie – immer wieder durch Sprechakte neu zu konstruieren.

Die Ausgangspositionen dieser Ideen sind weit voneinander entfernt; im Umgang mit dem Körper stehen sie sich nahe. Beide halten die körperliche Natur des Menschen für veränderbar. Quantensprünge im Bereich der Neurowissenschaften, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und weitere neue Erkenntnisse sowohl im medizinischen als auch im Bereich der künstlichen Intelligenz beflügeln heute Hoffnungen, wonach der Mensch bald seine Biologie hinter sich lassen könne.

Der Mensch als Leib

Diese Ideen sind keineswegs neu. Bereits Platon bezeichnete den Körper als „Kerker der Seele“, den diese verlassen müsse, um zu den Ideen aufzusteigen. Das Christentum entstand in einer vom gnostischen Denken geprägten Zeit. Die Gnostiker sahen die materielle Welt als einen Abfall von den geistlichen Sphären der obersten Gottheit an, zu der nur körperlose Seelen emporsteigen können. Trotz solcher Vorläufer machen viele heutige Menschenbilder vor allem beim französischen Philosophen René Descartes (17. Jh.) Anleihen. Er teilte die Welt in einen geistig-geistlichen und einen materiellen Raum6 und trennte beide scharf voneinander. Damit legte er den Grund für eine wachsende Verdinglichung des menschlichen Körpers, die sich bis heute fortsetzt.7 In den vorher beschriebenen Positionen haben sich diese Gedanken radikalisiert.
Der Mensch ist aber nicht nur Körper oder nur Geist, sondern beides! Alle Versuche, den Menschen als nur biologische Maschine oder reinen Geist zu verstehen, greifen zu kurz. Den heutigen Denkern, seien es Transhumanisten oder identitätspolitische „Geister“, sei entgegengesetzt: Der Mensch kann sich weder aus der Biologie herausidentifizieren noch ausschließlich in sie hineindeterminieren. Vielmehr sind Menschen immer „lebendige, das heißt verkörperte oder leibliche Wesen“8. Körper wie Geist gehören unabdingbar zu unserer Existenz. Wir fühlen, nehmen wahr, denken und handeln als Menschen – mit Körper und Geist. Selbstverständlich kann sich der Geist distanziert, befremdet oder instrumentell zum eigenen Körper verhalten. Dass der Geist existenziell auf den Körper angewiesen ist, kann er weder ignorieren noch aufheben. Die untrennbare Einheit aus Körper und Geist macht die menschliche Person aus. Diese materielle und geistig-geistliche Seite des Menschen wird im Ausdruck des Leibes vereint. Der Mensch hat einen Körper, ist aber Leib.

Ethische Grundsatzfragen

Für Christen, die sowohl daran glauben, dass die Fülle der Gottheit (Kol 2,9) in Jesus Christus Leib wurde, als auch daran, dass wir leiblich mit ihm auferstehen werden, sind Fragen zum Verständnis von Leiblichkeit von grundlegender und zentraler Bedeutung. Und die Suche nach Antworten auf eine Reihe ethischer Fragen von heute nimmt eine jeweils andere Richtung, je nachdem, wie die Verbindung zwischen Körper und Geist des Menschen verstanden wird:

Abtreibung und Euthanasie:
Wenn der Geist nicht vom Körper zu trennen ist, dann existiert die menschliche Person sobald und solange es den lebendigen Leib gibt.9

Sexuelle Beziehung:
Wenn der Mensch eine Einheit aus Körper und Geist ist, gehören Vereinigung (einschließlich der Lust) und Fruchtbarkeit grundlegend zur ehelichen Sexualität. In der freiwilligen Ganzhingabe aneinander lässt sich die Vereinigung nicht von der Fruchtbarkeit trennen, ohne gleichzeitig die Trennung der Fruchtbarkeit von der Vereinigung gutzuheißen. Die Attraktivität der Theologie des Leibes von Johannes Paul II. besteht gerade in der Integration von Vereinigung und Fruchtbarkeit in ein konstruktives Verständnis von Mann und Frau und deren Gottebenbildlichkeit in der ehelichen Vereinigung.10

Homosexualität und Transsexualität/Transgender:
Der Zeitgeist gibt hier dem Bewusstsein und den Gefühlen einen absoluten Vorrang vor dem Körper. Deutlich wird das im Umgang mit einer Nicht-Übereinstimmung zwischen Körper und Bewusstsein: Der Zeitgeist besagt, dass das Bewusstsein zu bestätigen ist. Das führt unter Umständen dazu, dass medizinische Therapien empfohlen werden, die einen gesunden Körper irreversiblen Operationen unterziehen, um die äußere Erscheinung dem inneren Empfinden anzupassen. Kommt hingegen jemand und bittet darum, die erlebte Inkongruenz zwischen Bewusstsein und Körper zugunsten seines gesunden, fruchtbaren Körpers zu lösen, wird ihm vorgeworfen, er sei homo- und/oder transphob. Nur die gefühlte Innerlichkeit sei wichtig, dem Körper wohne von Natur aus weder Bedeutung noch Zweck inne. Demgegenüber ist festzuhalten: der Körper eines Mannes verweist auf den Körper einer Frau – und umgekehrt. Diese Sinnhaftigkeit des Körpers gilt es zu achten.

Transhumanismus:
Auch hier wird davon ausgegangen, dass der Geist vom Körper getrennt werden und durch hochkomplexe Datenstrukturen ersetzt und auf ein anderes Trägermaterial hochgeladen werden könnte, um damit dem „lästigen“ Aspekt des Menschseins entfliehen und „von einer Idee gezeugt“ werden zu können. Datenstrukturen fehlt aber Individualität. Der Leib macht den Menschen zur individuellen Person.
Die konstituierenden Merkmale menschlichen Seins sind für jeden, der an Christus glaubt, entscheidend: leiblich und lebendig. Seine Inkarnation und schließlich die Hingabe seines lebendigen Leibes feiern wir in jedem Abendmahl. Und durch sie wächst die Hoffnung unseres Glaubens: dass wir alle auf einer Reise nach Jerusalem sind.

Anmerkungen:
1 F.J. Dostojewski: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Frankfurt am Main 2006 (1864), S. 146. Zitiert nach Thomas Fuchs: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie. Berlin 2021, S. 71.
2 Karl Jaspers, 1974, Der philosophische Glaube, S. 50.
3 Siehe z.B. Gerhardt Roth und Nicole Struiber: Wie das Gehirn die Seele macht. Stuttgart 2014. Brigitte Falkenburg zeigt in ihrem Buch Mythos Determinismus auf, dass viele deterministische Aussagen der modernen Neurowissenschaften auf einem veralteten Verständnis der Physik basierten. Vgl. Brigitte Falkenburg: Mythos Determinismus. Berlin 2012. Auch der Philosoph Markus Gabriel setzt sich mit dem Neurozentrismus auseinander, der annimmt, dass Ich gleich Gehirn sei. Vgl. Markus Gabriel: Ich ist nicht Gehirn. Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert. Berlin 2015.
4 Gernot Böhme: Das Gegebene und das Gemachte. In: Phänomenologie und Kulturkritik. Hg. M. Großheim, S. Kluck. Freiburg 2010, S. 140-150. Zitiert nach Fuchs: a.a.O., S. 16.
5 Thomas Fuchs: a.a.O., S. 73.
6 Res cogitans und res extensae – das denkende Ding und das sich ausweitende Ding.
7 Vgl. Carl R. Trueman: The Rise and the Triumph of the Modern Self. Illinois 2020.
8 Thomas Fuchs: a.a.O., S. 75. Der Begriff des Leibes umfasst diese Bedeutung, dass der Mensch sowohl Körper als auch Geist ist. Er gehört zur materiellen und geistlichen Welt zugleich.
9 Vgl. Daniel Moody: The Flesh Made Word. Wrocław 2016.
10 Vgl. Eph. 5,31-32. Siehe auch: R. Albert Mohler, Jr., We cannot be silent. Nashville 2015, S. 19-22. Und auch Carl R. Trueman, The Rise and the Triumph of the Modern Self. S. 406. Trueman verweist bezeichnenderweise auf die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. als „the best work on the body from a Christian perspective“.

 

Salzkorn 4 / 2022: ÜberMensch? – Transhumanistische Ideen fordern Antworten
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