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Malerei von Bruno Ritter©. Menschengruppe sieht in den Himmel

Weil er es besser weiß – Mit Gott im Bund

Schon als Kind fühlte ich mich Gott zugehörig, doch oft hatte ich Angst, nicht gut genug zu sein. Zu der Zeit gab es genaue Vorstellungen, was man als Christ tut und was nicht, wer dazu gehört und wer nicht. Später hörte ich Sätze wie:

Du bist von Gott angenommen, so wie du bist. Du musst dir Gottes Liebe nicht verdienen.

Ich betrat einen Raum größerer Freiheit. Fühlte mich noch mehr zu Gott hingezogen, wollte mich ihm ganz hingeben. Ich wollte von ihm lernen, wie ich mein Leben leben soll und mich verändern lassen, wo Veränderung nötig war.

Immer mehr durfte ich erkennen, dass es Gott nicht darum geht, dass wir irgendwelche Gesetze erfüllen, um ihm zu gefallen, sondern darum, dass wir von ihm lernen dürfen, was gut und was schlecht für uns und unsere Mitmenschen ist. Diesen großartigen Gott liebe ich. Er hat sich mir gegenüber als großzügig, treu und zuverlässig erwiesen. Und auch in Dingen, die er mir nicht gab, erkannte ich seine Liebe.

Was ich heute in manchen Gottesdiensten und auf vielen kirchlichen Plattformen höre, macht mich traurig. Es wird eine andere Art von Liebe gepredigt, eine, die Gottes Liebesgebot umdreht. Im Verständnis des Gebots, Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Verstand, und den Nächsten wie sich selbst, hat sich das Selbst mehr und mehr nach vorne gedrängt.

Ein Selbst, das selber weiß, was gut für es ist. Aus dem „du sollst deinen Nächsten lieben“ wurde ein Recht darauf, dass der Nächste mich so akzeptieren und lieben soll, wie ich bin. Und gerade von der Kirche wird diese Akzeptanz eingefordert, denn ist das nicht genau die Nächstenliebe, die sie predigt?

Diese Forderung, die letztlich nur bedeutet, dass „mein Wille geschehe“, ist zutiefst im Menschen verankert. Selbst wissen zu wollen, was Gut und Böse ist, führte zur Trennung zwischen Gott und den Menschen. Aus Liebe zu uns fand er einen Weg, der die Überwindung dieser Trennung möglich machte.

Christus bot uns an, in den Bund mit ihm zu treten und lehrte uns zu beten: „Dein Wille geschehe“. Wer zu ihm und zu seiner Kirche gehören möchte, sollte sich bewusstmachen, dass er damit nicht nur ein Anrecht auf ein Erbe erhält, sondern in einen neuen Bund eintritt.

Bundeszugehörigkeit

Was ist das für ein Bund, den wir mit Gott eingehen dürfen, was ist sein Angebot? Wie leben wir als Menschen, die diesen Bund mit ihm eingegangen sind? Was bedeutet es für uns, dass Gott dem Menschen einen Bund anbietet? Was ist die Essenz des Bundes, den wir geerbt haben? Zu alttestamentlichen Zeiten machten diese Aspekte einen Bund aus: Freiwilligkeit, Segen und Fluch, Gesetz.

Freiwilligkeit

Ein Bund wird aus freien Stücken geschlossen. Zu Zeiten Abrahams war es üblich, dass ein Volk mit einem anderen Herrscher einen Bund schloss, um dessen Schutz zu erhalten, oder dass zwei Völker sich zusammenschlossen, um gemeinsam stärker zu sein. Beim Bund Gottes mit Abraham und später mit dem ganzen Volk war es Gott, der den ersten Schritt tat.

Er, von dem die Menschen sich schon abgewandt hatten, bot ihnen an, erneut in einen Bund mit ihm einzutreten. Die Israeliten hatten die Wahl, diesen Bund zu bejahen und den Göttern, denen sie vorher gedient hatten, abzusagen oder nicht: Wählt heute, wem ihr dienen wollt… (Jos 24,15). So forderte Gott die Israeliten heraus. Sie waren erwählt und wurden doch gefragt, ob sie Gott und seinen Ordnungen folgen wollten oder nicht.

Und durch Mose stellte Gott Israel vor die Wahl: Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch: den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten des HERRN, eures Gottes, die ich euch heute gebiete; den Fluch aber, wenn ihr nicht gehorchen werdet den Geboten des HERRN, eures Gottes, und abweicht von dem Wege, den ich euch heute gebiete, dass ihr andern Göttern nachwandelt, die ihr nicht kennt (5 Mo 11, 26-28).

Segen und Fluch

Nicht nur Segen, auch der Fluch gehörte in alttestamentlichen Zeiten unabdingbar zu einem Bund. Was mit dem Fluch gemeint ist, verdeutlicht der Bundesschluss mit Abraham, er zeigt aber auch, dass schon für das Volk Israel ein Weg heraus aus dem Fluch vorbereitet war.

Der Bundesschluss mit Abraham (s. Jos 24,15-21) geschah so: Gott kommt zu Abraham und gibt ihm die Verheißungen, die zu diesem Bund gehören. Abraham fragt: „Woran erkenne ich, dass du diese Verheißungen auch erfüllst?“ Was Gott dann von Abraham verlangt, klingt für uns erst einmal sehr seltsam.

Er soll ein Rind, eine Ziege, einen Widder und zwei Tauben bringen, sie bis auf die beiden Tauben halbieren und die Tierhälften auf den Boden legen, so dass man zwischen ihnen durchschreiten kann. Was Abraham tut. Wieso ist er diesen Anweisungen gefolgt? Abraham kannte dieses Ritual. So wurde damals ein Bund geschlossen.

Üblicherweise schritten die beiden Bundespartner zwischen den Tierhälften hindurch und bezeugten damit, dass es dem, der diesen Bund brechen würde, so ergehen solle wie diesen Tieren. Das war der Fluch, der genauso wie der Segen dazugehörte.

Nun geschieht etwas Ungewöhnliches: Abraham hat alles vorbereitet und wartet auf Gott. Dabei schläft er ein, und als er aufwacht, sieht er Gott in Form eines Feuertopfes und einer Fackel mitten durch die Tierhälften hindurchschreiten, ohne Abraham in den Akt des Bundes einzuschließen.*

Gott versprach damit, den Fluch infolge der Übertretung des Bundes allein auf sich zu nehmen. Das bedeutete nicht, dass eine Abkehr vom Bund keine negativen Folgen mehr haben würde, aber die Folgen waren nicht mehr irreversibel.

Durch Umkehr zu Gott konnte der Fluch abgewendet werden. Dieser Weg der Versöhnung bedurfte zwar immer der von Gott eigens dafür angeordneten Opferrituale, doch schon im Abraham-Bund steckt die Verheißung des endgültigen Opfers, die sich in Jesus erfüllt hat.

Gesetze/Ordnungen

Zu einem Bund gehören Gesetze, die das Leben mit dem Bundespartner regeln. So auch die Gesetze, die Gott den Israeliten gab, allen voran die Zehn Gebote. Es waren nicht, wie heute oft vermutet, Gesetze, die Gott gnädig stimmen sollten, sondern Gesetze, die dem Leben dienten. Nachdem Mose die Israeliten das Gesetz gelehrt hatte, sprach er: Haltet euch an diese Gebote und befolgt sie; dann werden die anderen Völker sehen, wie weise und klug ihr seid. Wenn sie von euren Gesetzen hören, werden sie sagen: „Dieses große Volk besitzt Weisheit und Verstand!“ Denn kein anderes Volk, ganz gleich wie groß, hat Götter, die ihm so nahe sind wie uns der Herr! Wann immer wir zu unserem Gott rufen, hört er uns. Wo ist ein Volk, groß wie wir, das so gerechte Gebote und Weisungen hat, wie ich sie euch heute gebe? (5 Mo 4,6-8, HfA)

Immer wieder bekannten die Israeliten, leider meistens erst, nachdem sie abgefallen waren und den Bund erneuerten, dass die Gebote wirklich gut für sie seien. So heißt es bei Nehemia: Du gabst uns Gesetze, die zum Leben führen (Neh 9,29).

Auch Psalm 1 beschreibt, wie gut es ist, sich nach Gottes Weisungen auszurichten. Israel durfte von Gott dem Schöpfer selbst erfahren, was gut für die Menschen ist und was nicht. Dies war ein Vorrecht, keine Unterjochung unter die Gesetze eines machtgierigen Herrschers.

Verbunden mit dem Leib Christi

Freiwilligkeit

Christen sind eingeladen, im Glauben an das einmalige Opfer Jesu in den Bund einzutreten. Sie dürfen zum Volk Gottes dazugehören, werden gerettet aus Glauben, so wie schon Abraham aus Glauben und nicht auf der Basis seiner Werke gerettet wurde (s. Röm 4,3).

Die Einladung ist da, aber auch Jesus stellte diejenigen, die zu ihm kamen, vor eine Entscheidung (s. Lk 14,25-34). Er schickte niemanden fort, aber er ließ diejenigen, die die Kosten der Nachfolge nicht auf sich nehmen konnten oder wollten, so wie den reichen Jüngling, wieder ziehen.

Ja, Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, er möchte alle Menschen zu sich ziehen, aber er möchte, dass sie dies aus freien Stücken tun.

Segen und Fluch

Die Bundesrituale aus dem Alten Testament klingen unseren Ohren heute unerträglich. Musste man wirklich so konsequent sein, dass man mit dem eigenen Leben für die Einhaltung eines Vertrages bürgt? Gut, damals vielleicht. Man kann sich sogar vorstellen, dass Menschen so grausam sind, aber Gott? Braucht es wirklich ein Opfer?

Offenbar ja, sonst hätte Jesus nicht sterben müssen, und ohne seinen Tod wären wir nicht Erben der Verheißung, die an Abraham ergangen ist. Es braucht das Opfer, damit wir dazugehören können. Sollten wir da nicht eher mit Demut und Dankbarkeit an Gott herantreten, ihn lieben, weil er uns zuerst geliebt hat?

Gott hat sich für uns hingegeben. Können wir nicht im Vertrauen von ihm lernen, wie wir leben und handeln sollen, anstatt zu verlangen, dass Gott in seiner Liebe uns so weitermachen lässt, ohne uns verwandeln zu lassen, ohne nach seinen Ordnungen zu fragen?

Gesetze/Ordnungen

Einige mögen sagen, dass es keine Gesetze mehr gibt, außer dem Gebot der Liebe. Ja, das stimmt. Nur was bedeutet diese Liebe? Ist sie eine Freiheit, die mir erlaubt, alles zu tun, was ich möchte, solange kein anderer zu Schaden kommt? Oder setzt die Liebe mir Grenzen, weil sie weiß, dass nicht alles gut für mich ist, auch wenn ich es noch so sehr begehre?

Paulus schreibt: Wer sich mit Gott verbindet, der ist ein Geist mit ihm (1 Kor 6,17). Was diese Einheit bedeutet, können wir von Jesus lernen. Er tat nur, was er den Vater tun sah, und hörte auf ihn. So wie er eins ist mit dem Vater, möchte er auch eins sein mit uns. Dazu ist es wichtig, auf seine Stimme zu hören, damit wir erkennen, was sein Wille ist, was es bedeutet, in seinen Ordnungen zu leben.

Es geht hier um Gesetze, die unsere Beziehung zu Gott und den Mitmenschen regeln, nicht um eine Aufstellung von Ge- und Verboten. Wesentlich ist unsere Herzenshaltung, mit der wir das Wort Gottes lesen. Lese ich die Schrift mit einem zweifelnden Geist und frage: „Sollte Gott wirklich gesagt haben … ?“ oder suche ich zu erfahren, was Gottes Wille ist? Möchte ich, dass mein Wille geschieht oder sein Wille?

Beim Antritt eines Erbes spielt die gemeinsame Gestaltung des Lebens keine Rolle mehr, das Erbe steht dem Erben in den meisten Fällen zur freien Verfügung. Mit einem Bund fängt die Beziehung zum Urheber erst richtig an. Und jede Beziehung braucht Regeln und Abmachungen.

Ein Erbe muss nicht in einem familiären Verhältnis zu anderen Bundespartnern stehen, aber diejenigen, die Ja gesagt haben zum Neuen Bund, sind durch ihre gemeinsame Liebe zum Urheber des Bundes und in ihrem gemeinsamen Bestreben, sich an dessen Ordnungen zu halten, eng miteinander verbunden.

Ein Erbe kann ich mir vielleicht erstreiten, kann Forderungen stellen, aber in einen Bund trete ich ein, nachdem ich mir überlegt habe, ob mir die Bedingungen zusagen.

Wer einen Bund mit Gott eingeht, der gesteht Gott zu, besser zu wissen, was Gut und Böse ist. Niemand muss perfekt sein, niemand wird es auf dieser Erde werden. Auch das verbindet uns als Bundespartner. Wir sind alle auf dem Weg und lernen gemeinsam, was es heißt, einander Zugehörigkeit und Liebe zu schenken.

Unser Einssein wird nicht durch gegenseitige Kritik gefördert, sondern durch die Offenheit, voneinander zu lernen, uns ergänzen und auch korrigieren zu lassen.

Anmerkung
* www.jewishencyclopedia.com & www.engediresourcecenter.com

Salzkorn 2 / 2022: zugehörig – Verbundenheit wagen
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