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Von euch gelernt

Von euch gelernt

Hermann Klenk – „Share your poorness“ – Teile, was du hast. Unser Freund René Padilla aus Buenos Aires, ein Pfarrer der Baptistengemeinde, hat uns bei jedem seiner Europatrips in Bensheim oder Reichelsheim besucht. Jedes Mal hat er uns eine Bibelstudie gehalten. Er hat uns das NT aus der Sicht eines Lateinamerikaners, der in den Slums eine wachsende Gemeinde betreute, erschlossen.

Einmal ging es ums Teilen, ums Spenden und Opfern, darum, großherzig zu sein. Ein Mannschaftler fragte ihn: „Wie soll ich von 50.- DM Taschengeld, mit dem ich alle meine Ausgaben bestreiten muss, auch noch ein Opfer geben?“ René war ein väterlicher Mensch und hatte ein demütiges, gewinnendes Lächeln. Er antwortete: „You can learn this from the poorest in the slums, share your poorness!”

Teile deine Armut, teile was du hast.

Nicht die Höhe deines Opfers ist entscheidend, sondern dein fürsorgliches, liebendes Herz. So haben ich und Friederike gelernt: Ein Opfer wird nicht an dem gemessen, was man gibt, sondern an dem, was man behält (s. Mk 12,42). Das hat uns als Ehepaar immer wieder ermutigt, unser bescheidenes Taschengeld mit anderen zu teilen. Wir können heute sagen: Wir sind nie zu kurz gekommen, wir haben nie Mangel gehabt.

„Count your blessings!“
Zähle den Segen

Immer wieder hat uns Sr. Pia aus Indien besucht. Sie war Direktorin der 5000 katholischen Schulen in Indien und Beraterin des Vatikans in päd.-theologischen Fragen für die junge Generation.

Einmal saßen Friederike und ich mit Mitarbeitern und ihr in unserer Küche im Quellhaus in Bensheim zum Frühstück zusammen. Wir tauschten aus, was uns in der Stille am Morgen klargeworden war. Und dabei sind wir, wegen Dingen, die gerade nicht so gut liefen, in einen „Jammermodus“ verfallen. Sr. Pia hörte uns eine Zeitlang zu, und dann unterbrach sie uns in ernstem Ton: „My sisters and brothers, count your blessings.“ Sie erinnerte uns daran, für all das Gute, für allen Segen, den Gott uns schon geschenkt hat, zu danken.

Danken führt aus Jammer und Selbstmitleid heraus. Danken ist das einzige selbstlose Gespräch, das ich mit Gott führen kann. Das ist mir in diesem Gespräch klargeworden. Danken gibt eine Kraft, die unser Denken und Leben verändert.

„The nutshell message“
Die Botschaft in der Nussschale

Ende der 70er Jahre hatten wir Surya Sena und seine Ehefrau bei uns zu Gast in der Großfamilie. Er war der bekannteste Opernsänger Sri Lankas. Abends saßen wir und die Großfamilie wie immer mit unseren Gästen im Wohnzimmer. Wir erzählten einander aus unserem Leben.

Damals fragte er uns: „What is your life-message in very short words – what is your nutshell-message?” Was ist eure Lebensbotschaft in ganz wenigen Worten, so dass sie in eine Nussschale passen würde?

Dann erzählte er, wie Jesus ihn gefunden hat und ihm Glauben schenkte. Seitdem beschäftige ihn die Frage: Wie kann ich den vielen Menschen, die ich treffe, weitersagen, was mein Leben verändert hat? Z. B. was würde ich dem (damaligen) chinesischen Präsidenten Tschu-En-Lai, falls ich ihn treffen würde, sagen, was ist meine wichtigste Botschaft für ihn?

Lange hat er an dieser Frage herumgedacht. Nach 10 Jahren kam Surya Sena bei einem Staatsbankett, das die damalige Premierministerin von Sri Lanka, Sirimavo Bandaranaike, zu Ehren ihrer Gäste gab, neben Tschu-En-Lai zu sitzen. Sie kamen miteinander ins Gespräch und er konnte ihm seine Nutshell-message sagen.

Nachdenklich und tief beeindruckt dankte ihm Tschu-En-Lai und wünschte noch vielen solch eine Erfahrung. Das hat mich sehr angesprochen und auch ich dachte darüber nach, was meine Nutshellmessage ist. Neben Erfahrungen mit Gott ist mir am nächsten Christfest die Grundlage dazu eingefallen:

Welt ging verloren, – Ich ging verloren,
Christ ist geboren. – Christ ist geboren.
Christ ist erschienen, – Christ ist erschienen,
uns zu versühnen. – Dich zu versühnen.
Freue dich – Christenheit! – Freue dich, Hermann!

„Where he guides, he provides“
Wo Gott führt, da sorgt er auch

Unser Bürgermeister hatte die tiefe Überzeugung, überlebende ehemalige Reichelsheimer jüdische Bürger und deren Kinder einzuladen, um in „Tagen der Begegnung“ vom Schicksal Einzelner zu erfahren und um Verzeihung zu bitten für die Gräueltaten, die an ihnen in Reichelsheim geschehen sind.

Nach jahrelangen Debatten im Gemeinderat wurde die Kostenübernahme für 11 Teilnehmer, max. 11.000.- DM, für Flüge und 10 Tage Aufenthalt, beschlossen. Aber es meldeten sich 47 Personen – und der Bürgermeister kam in große Not, die er mit uns teilte.

Wir Mitarbeiter der OJC hatten entschieden, die Gäste zehn Tage lang aufzunehmen und zu versorgen, und alle restlichen Kosten für Flüge und Aufenthalt, für viele Fahrten und Besuche in der ganzen Republik, zu übernehmen. Das kostete unsere ganze Kraft und Klarheit. Unser ganzes Vertrauen in Gott. Ich wurde beauftragt, einen Kostenvoranschlag auszuarbeiten. Davon konnte Reichelsheim 11.000.- DM übernehmen.

Wir begannen, für die fehlenden 64.000 DM zu beten. Gott hatte uns diese Aufgabe vor die Füße gelegt. Da waren wir uns ganz sicher. Bei jeder der wöchentlichen Lage-Besprechungen mit der Gemeinde Reichelsheim berichteten wir den Spendenkontenstand. Die Zahlen haben uns alle jedes Mal neu ermutigt. Am Ende dieser Aktion fehlten noch 5.000.- DM.

Als dies eine holländische Freundin der OJC erfuhr, hat sie aus lauter Freude, dass deutsche Bürger Holocaust-Überlebende eingeladen hatten, den fehlenden Betrag gespendet. Ihr Anruf vor der Abrechnung: „Herr Klenk, egal wie hoch der Fehlbetrag ist, ich werde ihn ausgleichen.“ Das hat meinen Glauben sehr gestärkt.

Von Hermann Klenk

Salzkorn 3 / 2022: WELTWEIT #FAIRBUNDEN
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