ÜberBrücken

mit Projektpartnern aus Costa Rica

Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenig Brücken.
Isaac Newton

Letztes Jahr im September hatten wir auf Schloss Reichenberg Besuch aus Costa Rica. Rebekka und Joel, ein junges Ehepaar mit drei Kindern, brachten uns die weite Welt ins Haus. Sie leben in einem bergigen Gebiet im Osten des Landes, wo die Ethnie der Cabecar-Indigenen zu Hause ist. Ihr Besuch bei uns: Eine Brücke zwischen den Welten!

Die Familie lebt schon in der dritten Generation dort: in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts kamen die Großeltern aus den USA, um die Sprache dieser Volksgruppe zu lernen, zu erforschen und zu verschriftlichen – mit dem Ziel, die Bibel zu übersetzen. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis die ersten Menschen sich von der Menschenfreundlichkeit Gottes ergreifen ließen. Vierzig Jahre später übernahm ihr Sohn Timoteo die große Aufgabe, die Arbeit weiterzuführen. Eine Brücke zwischen den Generationen!

Zuerst aber musste er feststellen, dass die bisher geleistete Übersetzung einen großen Irrtum barg: Der Name Gottes war von einer indigenen Gottheit übernommen worden. Im tieferen Eintauchen in die indigene Sprache wurde Timoteo bewusst, dass dieser Gottesbegriff in nichts der Beschreibung des biblischen Gottes glich! Im Gegenteil: Dieser Name transportierte ein kriegerisches, stolzes und menschenverachtendes Gottesverständnis. Diese Erkenntnis kam einer Katastrophe gleich und löste bei der weltweiten Wycliff-Gemeinschaft ein Erdbeben aus. Einsturzgefährdete Brücke!

Timoteo blieb nur ein Ausweg: Die ganze bisherige Übersetzung zu verwerfen und noch einmal von vorn zu beginnen. Mit mehreren indigenen Mitarbeitern geht er seither diesen Weg. Tatsächlich fand sich in der indigenen Sprache eine Vorstellung für „das höchste Wesen“, die sich mit dem biblischen Gottesbild deckt und mit dem Namen Jehova belegt werden konnte. Mit diesem Durchbruch ging eine explosionsartig sich entwickelnde indigene Gemeinde einher! 2014 konnte die Ausgabe des Neuen Testaments übergeben werden, in diesem Sommer wird das inzwischen überarbeitete NT mit weiten Teilen des AT übergeben. Gott baut Brücken zu jedem Volk!

Zurück zu Rebekka, Timoteos Tochter: Sie hat Zahnmedizin studiert und im kleinen Dorf Grano de Oro eine Praxis eingerichtet. Mehrmals im Jahr schließt sie die Praxis, lädt ihre Utensilien auf Allradfahrzeuge und fährt mit Kind und Kegel in die Berge, um indigene Patienten zu behandeln. Bezahlt wird sie mit Naturalien. In ihrer Praxis bildet sie indigene Zahnarzthelferinnen aus, die von Röntgenaufnahmen bis zu Zahnprothesen alles bewerkstelligen. Brücken bauen für ein Leben mit Biss!

Verheiratet ist Rebekka seit 2013 mit Joel, einem Schweizer Zimmermann. Zuerst hat er sich darangemacht, die indigene Sprache Ditsei zu lernen. Dadurch haben die Menschen Vertrauen zu ihm gefasst. Und nach und nach traten sie aus verschiedenen Dörfern an ihn heran mit der Bitte: „Hilf uns, eine Brücke über den reißenden Fluss zu bauen, damit die Kinder gefahrlos zur Schule gehen können.“ Hängebrücken über Flüsse!

Joel baut diese Brücken – mit den Dorfbewohnern. Zusammen mit ihnen stellt er die Fundamente her, Joel erstellt die Drahtseilkonstruktion, die Einheimischen sägen und montieren die Bodenbretter und helfen beim Transport der Materialien. Diese Zusammenarbeit erfordert einen sensiblen Umgang miteinander und viele Absprachen – die Versuchung besteht, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Aber dann wäre es nicht das Projekt des Dorfes. Brücken zwischen den Kulturen!

Auf dem ca. 150 Hektar großen Farmgelände um Timoteos Großfamilie stehen auch Herbergen für Indigene. Wenn Arztbesuche oder Behördengänge anstehen, dauert die Anreise zu Fuß mehrere Tage. Und die Termine ziehen sich mit Folgeterminen oft über Wochen hin. In den Herbergen können die Familien für einige Zeit unterkommen. Sie helfen auf der Farm mit und versorgen sich selbst. Wechselnde indigene junge Leiter aus den Bergdörfern werden berufen, diesen Familien zur Seite zu stehen und sie in ihren Anliegen zu begleiten. Ihren Behördengängen und Arztbesuchen werden oft Steine in den Weg gelegt: Rassismus und Dominanz der weißen Latinobevölkerung sind allgegenwärtig. Hier bekommen sie Unterstützung. Brücken über den Abgrund der Anforderungen!

Rebekkas Schwester Ruth ist oft auf diesen Brücken unterwegs und verhandelt mit Jugendamt, Krankenhaus und Schule. Ihr Herz schlägt besonders für die Kinder: Sie erstellt Schulmaterial in der indigenen Sprache. Die Kinder sprechen bis zur Einschulung nur ihre Muttersprache, erst mit dem Schuleintritt lernen sie spanisch. Lesen und Schreiben auf Spanisch birgt die Gefahr, dass die Muttersprache zurückgedrängt wird, denn die indigene Sprache war bis vor einigen Jahrzehnten eine rein mündlich tradierte Sprache. Die Menschen aber wollen ihre eigene Sprache lesen und schreiben lernen. Brücken bauen zwischen den Steilufern der Sprachen!

Jede Kultur ist Veränderungen unterworfen. Verändert sie sich nicht, bleibt sie nicht. Daher bedeutet Brücken bauen in der Mission immer beides: Anerkennung und Schutz der Ursprungskultur und gleichzeitig gewandt werden in der sie umgebenden Kultur. Brücken negieren die Differenzen nicht, sie überwinden sie.

Gott selbst hat sich einer ziemlichen Veränderung ausgesetzt, als er in Jesus Mensch wurde. Und er hat damit eine tragfähige Brücke gebaut, mit der Absicht, ein reges Hin und Her in Gang zu setzen: Eine Brücke zwischen Himmel und Erde!

Joel und Rebekka, Ruth und ihr Vater Timoteo mit seiner Frau Elizabeth sind mehr als nur Philanthropen. Ihr Fundament liegt im Vertrauen auf Gott. „Tragende Brücken bauen kann man nur, wenn man feste Pfeiler hat.“ (Christoph Kardinal Schönborn auf der Mehr-Konferenz 2024 in Augsburg).

Youtube-Video zur Arbeit der Bibelübersetzung

Youtube-Video Building more than bridges

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