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Saúl Cruz – Mindestens drei Jobs

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Gerlind Ammon-Schad – Saúl Cruz, 40 Jahre alt und Mexikaner mit indigenem Blut in den Adern, ist Ehemaliger – als 19Jähriger war er zuerst bei einem Baucamp in Reichelsheim, 2007/08 kam er für ein FSJ. Von dieser Zeit spricht er mit Dankbarkeit und Klarsicht: Im Rückblick erkennt er, dass ihm dieses Jahr geholfen hat, sich zu strukturieren und seine Schüchternheit ein wenig zu überwinden.

Saúl verbrachte die ersten Lebensjahre in einem Slum. Seine Eltern waren nach einer Bibelschulausbildung in England dem inneren Wunsch und dem Auftrag Gottes gefolgt, in Mexiko City Nachbarschaftszentren aufzubauen, Räume gegen die Ursachen der Armut: Isolation, fehlende Zukunftsperspektive und mangelnde Bildung.

Als Fünfjähriger machte Saúl eine prägende Erfahrung: Als die Mutter mit seiner Schwester und ihm im Auto unterwegs zu einem Community-Center war, wurden sie Zeugen einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen einer Straßenbande und der Polizei. Die Mutter erkannte einen der Verwundeten und zog ihn ins Auto, um ihn ins Krankenhaus zu bringen. Unterwegs wurde sie von den Gangmitgliedern des Jungen eingeholt, die den Verletzten übernahmen und ihn zum Arzt brachten. „Es grub sich mir tief ein, dass Helfen und Für-die-Armen-Sein notwendig und zutiefst sinnvoll ist. Seither formte sich in mir der Wunsch, genau dies in meinem Leben zu tun.“

Nach zehn Jahren Engagement in den Community Centers bauten die Eltern Schüler- und Studentenheime in Mexiko-City und Oaxaca im Süden des Landes für Indigene aus den Bergen, für die eine weiterführende Schule zu weit entfernt wäre. 2015 starb der Vater überraschend – und Saúl sah sich vor die Aufgabe gestellt, das Werk weiterzuführen. Monate zuvor hatte ihn sein Vater einmal gefragt: Könntest du dir vorstellen, einmal meine Aufgaben zu übernehmen? Er war mit der Frage bereits innerlich unterwegs, aber als er in die großen Schuhe des Vaters schlüpfte, war er nicht wirklich vorbereitet.

Sieben Jahren leitet er schon mit der Mutter die Arbeit von Armonia, die von der Weihnachtsaktion mit unterstützt wird. Die eher extrovertierte und charismatische Leiterschaft des Vaters wird vom Sohn durch gewissenhafte, vorausschauende und treue Haushalterschaft ergänzt. Auch Armonia steht vor der Herausforderung, als Spendenwerk einen Generationenwechsel zu meistern: Die bisherigen Spender werden weniger und junge Menschen spenden nicht per Dauerauftrag. In den nächsten Jahren wird auch seine Mutter sich von der Arbeit zurückziehen. Saul wünscht sich eine Vergrößerung des Teams, damit die Arbeit erweitert und effizient fortgeführt werden kann.

Saúl hat ein Psychologiestudium absolviert und arbeitet als Therapeut in einer eigenen Praxis. Außerdem übersetzt er für einen US-amerikanischen Verlag theologische und psychologische Texte. „Das ist normal in Mexiko. Jeder hat mindestens drei Arbeitsstellen, um über die Runden zu kommen.“

Saúl war nach dem Tag der Offensive an Himmelfahrt noch eine Woche zu Gast in der OJC mit vielen Gelegenheiten zum zwanglosen, oft fröhlichen Miteinander. Der anfangs beiderseits korrekte, förmliche Umgang lockerte sich, wurde ungezwungen und gipfelte immer wieder im spontanen Lachen über einen ironischen Kommentar, einen Witz, den Saúl mit schauspielerischer Bravour zum Besten gab. Was mich in vielen Gesprächen angerührt hat, ist seine Hingabe an den Auftrag von Armonia und sein langer Atem – und dies in einem politisch unstabilen Land, dessen politisch linker Richtungswechsel die sozialen Probleme nicht lindert, sondern verschärft … ob ich unter solchen Widrigkeiten wohl so lange durchhalten würde? Wir wurden Freunde – ganz im Sinne des Anliegens der Weihnachtsaktion: nicht Projekte finanzieren, sondern Freundschaften bauen.

Von Gerlind Ammon-Schad
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Saúl Cruz und die OJC: 2007/2008 FSJ bei der OJC. 2015 Übernahme der Verantwortung bei Armonia nach dem plötzlichen Tod seines Vaters. 2018 Baucamp mit dem FSJ-Team 2017/18 im Studentenwohnheim in Oaxaca.

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