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Blick:Frau steigt eine haltlose Leiter, die in einen bewölkten Himmel regt.

Optimistisch bis zuletzt – In wirren Zeiten den Blick klarkriegen

Wir leben in durcheinandergeratenen Zeiten: Uneinigkeit, Verwirrung, Ohnmacht, Zerwürfnis, Feindseligkeit und Verbissenheit prägen zunehmend das Miteinander. Moralisch aufgeladene Kampfbegriffe von Impfdiktatur bis Pandemietreiber verweisen auf einen Riss in Gesellschaft, Gemeinden, Familien, Freundschaften und manchmal sogar der intimsten Einheit, der Ehe. Manchmal fröhlich diskutierend, doch häufig unversöhnlich, rau im Ton und nicht selten sprachlos sich abwendend. Es sind anstrengende Zeiten für alle Beteiligten. Doch was könnte unser Auftrag sein?

Den Blick schärfen

Der Christ sieht, dass der Gegenspieler Gottes hier am Werk ist, der Diabolos, wörtlich „der Durcheinanderbringer“. Was an den Aussagen über die Pandemie wahr oder unwahr ist und wie einzelne Maßnahmen der Regierung zu bewerten sind, lässt Raum für Interpretationen und gegensätzliche Schlussfolgerungen. Gewissheiten sind trügerisch. Umso wichtiger ist es, geistlich nüchtern und wachsam zu bleiben und nicht aus dem Blick zu verlieren, dass der Durcheinanderbringer gerade in Zeiten der Not, Angst und Unsicherheit umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge (1 Petr 5,8). Als Christen sind wir gehalten, das eine nicht mit dem anderen zu verwechseln: Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, mit den Herren der Welt, die über diese Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. (Eph 6,12). Wie auch immer sich die Gefahr darstellt – der Feind sind nicht die Andersdenkenden, die Regierenden, ja noch nicht einmal mögliche Profiteure der Pandemie. Einen jeden von uns kann der Widersacher instrumentalisieren, um Verwirrung zu stiften. Sollte uns diese wichtige Einsicht nicht zur Unterscheidung anspornen und dazu, uns aus der Opferrolle zu lösen und barmherziger miteinander umzugehen?

Der Kampf um die Wahrung der Liebe

Unsere Einheit und das Einstehen füreinander sind unser Schutz; der brüchig gewordene Umgang miteinander hingegen das Einfallstor für Entmutigung und Verwirrung. Vom Ende der Zeiten sprechen viele, andere von einer Zeitenwende mit ungewissem Ausgang. Ja, es passieren schlimme Dinge, und manche beunruhigende Entwicklung wird nicht abzuwenden sein. Doch Jesus wollte seine Jünger nicht vor den bedrohlichen Folgen unausweichlicher Ereignisse warnen, als er sagte: Seht zu und erschreckt nicht. Denn es muss geschehen. Aber es ist noch nicht das Ende (Mt 24,6). Die wirkliche Gefahr für seine Nachfolger ist, dass im Stresstest der Geschichte die Liebe in vielen erkaltet (Mt 24,12). Unsere größte oder einzige Angst in apokalyptischen Verhältnissen sollte sein, dass unsere Liebe erlischt. Nicht nur unsere Liebe zu Christus, sondern auch zueinander.

Welche Maßnahmen können wir dagegen ergreifen? Wo sind die Brückenbauer unter uns, die offensiv auf den ganz anders tickenden, denkenden, handelnden Menschen zugehen, die Unterschiede aushalten, Unrecht anprangern und dennoch in Verbindung bleiben?

Der eigenen Kränkung begegnen

Die fromme Welt hatte es in den letzten Jahrzehnten nicht leicht. Was vielen Christen heilig war, hat unsere Gesetzgebung in einem rasanten Tempo umgedeutet: Der Wille zum Schutz ungeborenen Lebens schrumpft, die Ehe von Mann und Frau wird relativiert zugunsten der Förderung von mehrdeutigen Familienkonstellationen, eine liberale Sexualpädagogik mit einer unverhältnismäßigen Betonung der sexuellen Vielfalt wird tonangebend. Erst vor zwei Jahren wurde ein Gesetz erlassen, das therapeutische und seelsorgerliche Angebote für Menschen, die sich in ihrem Mann- oder Frausein unsicher sind, unter Strafe stellt. Und nun kündigt die neue Regierungskoalition Änderungen an, die noch radikaler in das jüdisch-christliche Menschenbild und unser Verständnis von richtig und falsch eingreifen. Dies hinterlässt eine tiefe Frustration und ein Gefühl der Niederlage, die niemand von uns so richtig aufarbeiten konnte. Zeit, sie gemeinsam zu verwinden, gab es nicht wirklich, denn an allen Ecken und Enden bröckelt und bröselt es. Jede amtliche Einschränkung der Freiheit ist wie Salz in offenen Wunden. Das Vertrauen ist bei vielen zerrüttet und der Rückzug in fromme Resignation, endzeitliche Depression oder Aggression eingeläutet. Dabei bräuchte es gerade jetzt die heilsame und befriedende Präsenz von Christen in dieser Welt. Wo sind sie, die in ihrer Kränkung Heilung erfahren und zu Friedensstiftern und Froh-Botschaftern der Hoffnung werden?

Hoffnungsträger statt Ängsteschürer

Endzeitgefühle stellen sich ein. Düstere Prognosen über die Zukunft und Schreckensszenarien über eine globale Steuerung der Staaten und ihrer Bürger durch BIG-TECH, BIG-PHARMA, BIG-DATA und BIG-MONEY füttern die Phantasie und wecken Angst. Umso wichtiger ist es, dass Christen einen klaren Kopf behalten und lernen, gelassen aber wachsam die Zeichen der Zeit geistlich zu durchdringen und zu deuten. Eines sollten sie tunlichst unterlassen: angesichts unguter Dynamiken in Panik verfallen, den Mut sinken lassen, Ängste schüren oder in Resignation versumpfen. Denn sonst ergeht es uns wie den frommen Zeitgenossen Bonhoeffers, denen er zu Recht vorwarf: „Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiterleben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter.“ Wo leuchten unter uns konstruktive Realitäten auf, und was könnte den pessimistischen Blick durch einen zuversichtlichen ersetzen?

Auf die Ernte schauen

Die Pandemie, die über uns hereingebrochen ist, hat offenbart, wo das Leben brüchig geworden und was darin tragfähig geblieben ist. Gewiss: das einzelne Leid, die Folgen für unsere Kinder, der wirtschaftliche und soziale Einschnitt und der Tod sind nichts, wovon man profitieren wollte – das wäre zynisch und weltfremd. Doch je länger sich diese Phase hinzieht – ob nun gesteuert oder planlos – umso deutlicher zeigt sich die tiefe Sehnsucht der Menschen nach Verbundenheit, Getragensein, Gemeinschaft und Sinn. Jesus spricht uns in dieser Zeit zu: Blickt umher und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte (Joh 4,35). Sind wir noch fähig und willens, uns als Helfer in dieser Ernte zu bewähren? Oder ist der Leib Christi durch Graben-, Weltanschauungs- und Meinungskämpfe so geschwächt, dass wir gar nicht mehr zum Großeinsatz in der Lage sind? Wo sind die Trainingscamps, die uns auf die kommende Ernte vorbereiten?

Apokalyptischer Optimismus

Wir sind Christen, und Hoffnung ausstrahlen ist unser Kerngeschäft. Wenn unsere Freude nicht ausreicht, so gibt es einen, der uns Freude die Fülle geben kann: Jesus Christus selbst! Von dieser Lebenskraft aus der Zuversicht zeugt Bonhoeffer, der in deutlich schwierigeren Zeiten lebte: „Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignierten, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt. […] Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“ (aus: Widerstand und Ergebung)

Von Konstantin Mascher

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