Männer an der Hebebühne

Zeugnis mit Drehmoment

Daniel Schneider –  Freitagabend, 18 Uhr, eine Autowerkstatt in Greifswald. Keine Kunden mehr, es herrscht Feierabendstimmung. Da fährt ein Auto mit Anhänger vor, und eine Gruppe Männer beginnt mit dem Aufbau für eine Veranstaltung. Die Hebebühne wird zum Podium für Livetalk und Musik, Stühle werden aufgestellt, die Technik verkabelt und eine Grillstation aufgebaut. Heute Abend wird es Burger geben – und dazu Bitter Lemon. Beim Aufbau werden kritische Stimmen laut: „Grillen ohne Bier? Meinen die das ernst?“

Ja, denn das hat sich der Interviewgast so gewünscht. Wir veranstalten Männerabende, provozieren mit Stereotypen: Wir gehen in eine Werkstatt, schmeißen den Grill an, oft gibt es Bratwurst und Bier. Dann aber setzen wir uns bewusst über manches Vorurteil hinweg – der Besucher darf irritiert sein, das regt zu Gesprächen an.

Die Idee entstand, als sich eine Handvoll Männer aus verschiedenen Greifswalder Kirchengemeinden zu einem konspirativen Abend traf. Schnell war klar: Wir möchten Männer mit einem ansprechenden Programm inspirieren und miteinander ins Gespräch bringen: über Gott und die Welt, über Glaube und Leben. Ein bisschen ungewöhnlich darf es sein und gerne an einem Ort, wo „mann“ sich wohlfühlt. Eine KFZ-Werkstatt neben einem Einkaufszentrum mit einer großen, hellen Werkstatthalle schien uns der ideale Ort zu sein. Wir fragten nach und trafen auf einen Chef, der zwar bisher mit Kirche wenig zu tun hatte, aber von der Idee sofort begeistert war. Der passende Name für die Veranstaltung war schnell gefunden: DREHMOMENT – das passt zur Werkstatt und zum Leben, in dem Gott Geschichte schreibt.

Geschichten, wie die vom ehemaligen Hooligan und Neonazi Oliver Schalk, der inzwischen als Pastor und Sozialarbeiter Kindern und Jugendlichen dabei hilft, trotz schwieriger Umstände, die Hoffnung nicht aufzugeben. Oder Uwe Heimowski, der nicht nur mit dem Bericht über seine Arbeit beeindruckte (damals als politischer Fürsprecher der Deutschen Evangelischen Allianz am Sitz des Deutschen Bundestags), sondern auch mit ehrlichen Einblicken in seine persönliche Geschichte. Weitere Talkgäste waren die Unternehmensgründer Carsten Waldeck (ShiftPhone) und Br. Helmut aus Volkenroda (Rosskopf + Partner AG), der Künstler und Musiker Thomas Sitte aus Leipzig sowie der Wissenschaftler Per Helander, der an der weltweit größten Kernfusionsanlage Wendelstein 7-x in Greifswald forscht.

An allen Abenden wird deutlich: Gott ist am Wirken, er kann Leben grundlegend verändern und Menschen befähigen, an ihrem Platz etwas zu bewirken. Die Gäste, jedes Mal etwa 50 Männer unterschiedlichen Alters, mit kirchlichem Hintergrund oder einfach aus Interesse am Format oder dem Gast, sind beeindruckt: „So eine Veranstaltung habe ich noch nie besucht, die Atmosphäre war entspannt, die Gespräche tiefgängig.” Viele fragen, wann endlich der nächste Abend stattfindet.

Darüber freuen wir uns – hören wir doch immer wieder, wie schwierig es sei, Männer für geistliche Angebote zu begeistern. Die Zahlen der aktuellen EKD-Statistik „Äußerungen des kirchlichen Lebens im Jahr 2021“ lassen es ahnen: 2021 gab es in den Kirchengemeinden 9007 Frauenkreise, für Männer lediglich 2277 entsprechende Formate. Das Gemeindeleben ist tendenziell weiblich geprägt, ehrenamtlich engagieren sich hauptsächlich Frauen (knapp 70 %). Das mag unterschiedliche Gründe haben und ist für viele auch kein Problem. Fakt ist jedoch: Es gibt genügend Männer, die sich in Kirchen nicht wohl fühlen und geistlichen Angeboten eher distanziert gegenüberstehen.

Dankbar erleben wir: Männer lassen sich durchaus einladen – nicht nur zu „Drehmoment“, auch zu Seminaren unterschiedlicher Art. Gute Erfahrungen haben wir damit gemacht, geistliche und persönliche Themen mit ganz praktischen Dingen zu verbinden: Mal brauen wir Bier und übertragen die Schritte des Brauprozesses auf unser persönliches Leben als Männer.

Da gärt es am Schluss nicht nur im Bottich, sondern hoffentlich auch in der Männerseele. Selbst Nicht-Biertrinker lassen sich vom Brauprozess begeistern. Auch Pokern oder Schachspielen bieten Stoff für ein Wochenende, wenn die Spiele zum Sinnbild des Lebens werden: Wie gehe ich um mit den Karten, die mir das Leben zuteilt? Beim Spielen treten Charakterzüge und die eigene Persönlichkeit deutlich hervor, wir lernen einander und uns selbst schnell kennen. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv: „So ein Miteinander vermisse ich schmerzlich – das würde ich mir wünschen in meiner Familie und meiner Gemeinde.“

Es ist unser Wunsch, dass Männer in Berührung kommen – mit Gott, mit anderen und mit sich selbst. Dabei lassen wir uns von dem Zimmermann und Gottessohn Jesus inspirieren: Wir erzählen Geschichten und verpacken das Evangelium in Gleichnisse – und ab und zu gehen wir in die Werkstatt.

Der nächste DREHMOMENT findet am 6. Sept. 2024 mit Rainer Schlich statt.

Daniel Schneider (OJC) leitet das Haus der Hoffnung in Greifswald, in dem es zu seiner Freude auch eine Werkstatt im Keller gibt. Er mag die alltägliche Abwechslung von Kopf-, Herz- und Handarbeit.

Salzkorn 2 / 2024: Mission possible
⇥  Magazin bestellen oder PDF downloaden
Vorheriger Beitrag
Gute Fahrt
Nächster Beitrag
Zimmer mit Aussicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

Weitere Artikel zum Thema

Archiv