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Bier, Rezeptur und Fermentierung

Gut vergoren – Bericht vom Bierbrauseminar

OJC-Live

Frieder Gutscher – Ein Bierbrauseminar wurde angekündigt. Als mäßigen Biertrinker motivierte weniger der Reiz, die Kunst des Bierbrauens zu erlernen, als vielmehr die Kombination aus „Bier und Brauen“ in Verbindung mit „Männer und Reifeprozess“, mich zur OJC nach Reichelsheim aufzumachen, um mit vielen anderen Männern unter Anleitung von Konstantin Mascher Bier zu brauen. Es war eine spannende Reise, in der der Prozess des Bierbrauens zum Gleichnis für den „Weg des Mannes“ wurde. Schritt für Schritt führte uns Konstantin in die Geheimnisse des Bierbrauens ein.

— Brauen —
Rezeptur und Fermentierung

Was braucht es dafür? Zunächst ein Rezept, eine sinnvolle Kombination aus Zutaten, damit das Bier entsprechend gut schmeckt. Und schon waren wir bei uns: Was sind die Zutaten meines Lebens – wie schmeckt es gerade? Wir schroteten Malz, die harte Schale des Malzes wurde aufgebrochen. Der Vorgang des Schrotens wird zum Bild für das In-Berührung-Kommen mit den eigenen Bruchstellen im Leben. Was verbirgt sich hinter der harten Schale? Sehr wertvoll erlebte ich die sog. „Fermentgruppen“, Kleingruppen mit 5 –  Männern, in denen nach jedem Schritt im Brauprozess ein offener Austausch stattfand. Auf diese Weise wurde jeder einzelne Schritt im Bierbrauprozess zum Bild und Gleichnis für den Weg des Mannes, mit dem wir uns in Zeiten der Stille und in den Kleingruppen auseinandersetzten. Einige Wochen nach dem ersten Wochenende, an dem wir zwei Kessel voll Bier brauten, trafen wir uns zum zweiten Teil, der für mich zu einem wichtigen Abschluss dieses Bierbrauseminars wurde.

— Kosten —
Antrunk und Nachtrunk

Wir trafen uns, um unser vor Wochen gebrautes Bier gemeinsam zu verkosten. Wie gründlich führte uns Konstantin in die „Geschmackskunde“ ein. Und schon waren wir wieder bei uns. „Wie gut bist du darin, Worte zu finden für deine innere Verfassung, für den Zustand deiner Seele?“ Dazu braucht es Übung. So übten wir zehn verschiedene Biersorten mit ihrer unterschiedlichen Geschmacksnoten zu beschreiben – Worte zu finden für den Geruch des Bieres, den Antrunk, seinen Geschmack, und für den Nachtrunk, seinen Nachgeschmack. Wie subjektiv doch diese Geschmacksurteile sind (selbst das billigste Bier konnte beim Blindtest nicht eindeutig unterschieden werden). Welch ein Bild für Erfahrungen unseres Lebens. Wie aber gehe ich damit um? Welche Maßstäbe habe ich mir einverleibt, nach denen ich meine Lebenserfahrungen beurteile? Welche Messlatte lege ich an, um etwas als Erfolg oder Versagen zu deuten? Und vielleicht noch tiefer: Wer hat diese Maßstäbe in mich hineingelegt, die mich bestimmen, und wo ist es an der Zeit, mich von ihnen zu verabschieden. Das kann sehr konkret werden: Von welcher (vielleicht bereits verstorbenen) Person, deren Messlatte mir zum Lebenshindernis geworden ist, gilt es, mich zu verabschieden? „Wir scheitern nicht an den Umständen, sondern an uns selbst“, fügte Konstantin hinzu.

— Genießen —
Verwandlung und Reifung

Es war eine Einladung, die Verantwortung für das eigene „Gewordensein“ ganz anzunehmen und sehend zu werden, anzuschauen, wie es um mich steht. Sehend zu werden, wie der blinde Bartimäus, dessen Schrei zu Jesus hin dieses „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“ war. Bei solchen aufrichtigen Herzensgebeten kann der Herr nicht anders, Bartimäus wurde sehend.

Nach dieser Einheit hatten wir eine längere Zeit der Stille und ich setzte mich zu Rembrandts berühmten Gemälde „Der verlorene Sohn“ – oder anders gesehen „Der barmherzige Vater“, der seine beiden Hände auf die Schultern des vor ihm knienden Heimgekehrten legt. Das Original hängt in St. Petersburg, ein Foto in Originalgröße in Reichelsheim. Es hat in dieser Größe eine starke Wirkung auf mich entfaltet, und ich wusste, was ich zu tun hatte: wen es zu verabschieden galt und welche verinnerlichte Messlatte mich nicht länger bestimmen sollte. Es war ein starkes Ende dieses „Weg des Bieres“, der für mich zu einem bewegten „Weg des Mannes“ wurde. Die Bilder wirken nach, der Prozess des Bierbrauens ist nicht stets präsent, aber immer wieder taucht ein Bild auf mit seiner Fragestellung und Anfrage, und ich trinke anders Bier. Als mäßiger Biertrinker halte ich Maß, genieße aber das gehaltene Maß mit großem Respekt vor der ausgereiften Kunst des Bierbrauens und vor der reifen Kunst des Mann-Seins.

Von Frieder Gutscher

Salzkorn 3 / 2022: WELTWEIT #FAIRBUNDEN
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