1. Rubrik
  2. Gesellschaft
  3. Eine neue Sprache finden – Stadtteilmission in Gotha-West

Eine neue Sprache finden – Stadtteilmission in Gotha-West

Michael Weinmann – „Beten? Das geht gar nicht!“ – „Der hört doch sowieso nicht.“ – „Na ja, für die ist das vielleicht so ein Zipfel, an dem sie sich halten.“ – „Ich habe keinen Zipfel!“

Ein kurzes Gespräch unter Menschen, die befremdet darauf reagieren, wenn andere beten und einladen zum Beten. Wir leben in einer Welt, in der viele keinen Zugang mehr haben zur Sprache des Glaubens. Oder sie hatten noch nie Zugang dazu. Sie haben keine Ahnung, was wir meinen könnten, wenn wir von „Gott“ reden oder vom „Gebet“.

Für sie ist es normal, nicht zu glauben. In Menschen, die beten, sehen sie Leute, die einfach zu schwach sind, um selbst zu stehen, Unmündige, die sich am Rockzipfel einer eingebildeten höheren Macht festhalten. „Mit Gott und Jesus habe ich es nicht so.“

Oder: „Die Gottesinterpretation ist nicht mein Ding.“ Oder weniger freundlich: „Ich lasse mich nicht agitieren.“ Oder noch schärfer: „Eure ‚frohe‘ Botschaft hat mein Leben vergiftet.“ Glaube steht unter Illusions- oder Manipulationsverdacht.

Wie begegnen wir Menschen, die gelangweilt, genervt, verärgert auf unser Erzählen von Gottes Geschichte reagieren? Haben wir ihnen etwas zu sagen? Und wenn ja, welche Sprache sprechen wir mit ihnen? Sind unsere Sprachspiele und Sprachbilder für unsere Nachbarn verständlich?

Verstehen sie, dass Beten kein magisches Ritual ist und keine Ersatzhandlung, sondern ein lebendiges Gespräch? Können sie sich lösen von der Vorstellung eines Gottes, der weißbärtig im Lehnstuhl schaukelt und die Welt ihrem furchtbaren Lauf überlässt?

Ist Jesus für sie mehr als ein antiker Wanderprediger, „zu gut für diese Welt“ und deshalb völlig irrelevant?

Verständigung ist ein Wunder des Heiligen Geistes

In unserem kleinen Team der senfkorn.STADTteilMISSION Gotha-West sind wir auf der Suche nach einer Kommunikation des Evangeliums, die andere weder überwältigt noch bedrängt, die nicht in Stereotype verfällt und nicht einfach Angelerntes phrasenhaft wiederholt.

Als Zeuge bin ich gefragt, zu bezeugen, was ich wahrgenommen habe. Was kann ich über die lebendige Wirklichkeit des gegenwärtigen und kommenden Christus sagen? Was habe ich gehört, gesehen, erfahren? Und wie sage ich es so, dass es mein Gegenüber verstehen kann?

Es ist die Aufgabe des Boten, daran zu arbeiten, dass er verstanden wird. Wir können uns nicht damit zufriedengeben, zu sagen, was wir denken, ohne Rücksicht darauf, ob die Hörenden nur „Chinesisch“ verstehen. Ja, wir wissen, dass „gelingende Kommunikation ein Wunder des Heiligen Geistes ist“ (wie der Franziskaner Brother Julian aus London zu sagen pflegt).

Es braucht schon das Pfingstwunder, dass die durch Kultur, Sprache und Milieu Getrennten sagen: „Wir alle hören sie in unseren (eigenen) Sprachen von den großen Taten Gottes reden“ (Apg 2,11).

Dass ein Mann oder eine Frau, ein Kind sich für das Evangelium öffnet, ist nicht machbar. Keiner kann aus „eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus glauben“ (Luther). Als Gemeinschaft der Glaubenden sind wir ein Geschöpf des Heiligen Geistes.

Und doch oder gerade deshalb sind wir verantwortlich für unsere Sprache.

Es ist unsere Aufgabe, unser Zeugnis verständlich zu kommunizieren, und das heißt: Wir müssen die Sprache derer, die uns hören, lernen, ihre Denkwelt verstehen, ihre Erfahrungen begreifen und auch ihre Widerstände ernst nehmen. Dazu gehört auch, dass wir, was uns selbstverständlich scheint, hinterfragen lassen und damit rechnen, dass Jesus uns in der Begegnung mit den anderen Fragen stellt.

Vor Ostern haben wir unsere Nachbarn in Gotha-West, Passanten, Leute, die den zentralen Coburger Platz bevölkern, eingeladen zu einem Osterweg, zu einer Entdeckungsreise durch vier Räume, in denen das Dasein und die Hingabe Jesu, sein Tod und seine Auferstehung elementar mitvollzogen werden konnten. In vielen Gesprächen und Begegnungen haben wir erlebt, wie uns die Geschichte Jesu plötzlich ganz nahekam.

Als ich etwa eine Frau fragte: „Was wissen Sie von Jesus? Bedeutet er Ihnen etwas?“ antwortete sie spontan: „Meine Beine sind kaputt“ und zeigte ihre offenen Wunden. Ich brauchte einen Moment, bis ich verstanden hatte, was hier geschah: Christus ist der, dem ich meine Wunden zeigen kann. Wir redeten nicht darüber. Aber es geschah.

Von Mensch zu Mensch

Auf der Suche nach einer neuen Sprache entdecken wir die Fragen: Was ist Ihnen wichtig? Was hat Sie geprägt? Was haben Sie jetzt hier bei uns gesehen, gehört? Was hat Sie berührt? Was befremdet Sie oder bringt Sie ins Nachdenken?

Fragen laden ein zu einem gemeinsamen Entdeckungsweg, auf dem beide Seiten lernen: „Der fragende Mensch öffnet sich, weil ihn die Frage notwendigerweise und manchmal gezwungenermaßen über sich hinausführt“ sagt dazu der hessische Pfarrer Christian Ferber.1

Statt für das Gegenüber irrelevante und missverständliche Begriffe und Sprachbilder zu gebrauchen, gilt es also, sich selbst dem anderen zu öffnen und in einer Haltung der Demut, den und die andere in ihrem Gewordensein ernst zu nehmen und anzunehmen.

Dass wir „Gehörtes nicht mit eigenen Interpretationsmustern […] verstehen“ und auch unsere „eigene[n] Überzeugungen anhand der des Gegenübers kritisch […] reflektieren“2 ist der Anfang auf dem Weg zu einer neuen ganz unreligiösen Sprache.3

Dabei lernen wir im Vertrauen auf die Präsenz des Auferstandenen, selbst wach gegenwärtig zu sein als die Verschiedenen, die wir ja auch in unserem Team sind: Fragend oder wartend, Menschen herausfordernd oder bedingungslos liebend.

Lebendige Begegnung erfordert immer wieder neue und andere, aktuelle und lebendige Sprache. Denn wir haben nicht einfach eine Information weiterzugeben, sondern sind selbst Teil der leibhaftigen Botschaft, sind „Körpersprache“ des Leibes Christi.

Bonhoeffer beschrieb die Mission Jesu schon in seiner „Nachfolge“ mit dem prägnanten Satz:

„Es kommt ein Mensch zum Menschen.“

Gott wird Mensch, um uns zu begegnen, und so sendet er bis heute Menschen zu Menschen, um uns gemeinsam in seine Freiheit zu führen.

Von Michael Weinmann
___

Anmerkungen:
1 Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt 2/2022, S.79
2 Vgl. dazu Tobias Schuckert, Den Nachbarn besser verstehen lernen; in: Theologische Beiträge 22-2, S.85-98
3 Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Chr.Kaiser Verlag München, 1985, S.328: „Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen –, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt.“

Salzkorn 3 / 2022: WELTWEIT #FAIRBUNDEN
⇥  Magazin bestellen oder PDF downloaden
Vorheriger Beitrag
#Fair oder #Foul? – Frei von Herzenshärte und Helfersyndrom
Nächster Beitrag
Dienen im Akkord – Unsere Jahresmannschaft beim Christival

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

Weitere Artikel zum Thema

Archiv